Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Finnisierung XXXI

13 Kommentare

Ich bin nicht so der Typ, der wegen jedem krakelig gemalten Muttertagsherz und jedem gestottert aufgesagten Gedicht in Rührungstränen ausbricht.

Aber wenn dann für das eigene Kind zum allerersten Mal ganz offiziell das Suvivirsi gesungen wird…

Es ist nämlich so: vor zwölf Jahren nahm mich meine finnische „Familie“ mit zur Konfirmation meiner finnischen „Cousine“. Die Sonne schien, der Flieder blühte, wir feierten im Garten. Hinterher schrieb ich nach Hause: „Ich habe noch nie so viele Kirchenlieder mit so weltlichem Inhalt gesungen.“ Das Suvivirsi („Sommerchoral“) erinnerte mich an “Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, aber das hatte ich zum letzten Mal in der Christenlehre gesungen, nie auch nur in einem einzigen Gottesdienst. Ausserdem sangen die Finnen ihr Suvivirsi irgendwie… mit mehr Inbrunst.

Vor neun Jahren war ich auf der Abiturfeier meiner finnischen „kleinen Schwester“. Sie bekam feierlich ihr Abiturzeugnis überreicht und ihre weisse Mütze, und zum Schluss sangen alle – Schüler, Lehrer, Gäste – gemeinsam das Suvivirsi. „Das wird immer zu Abiturfeiern gesungen. Überhaupt zu jedem Schuljahresabschluss“, erklärte mir meine finnische „Familie“.

Und gestern sass ich dann also mit den Kindergartenkindern in der Kirche. Am Schluss waren die neun Vorschüler nach vorn gerufen worden, und die Pfarrerin hatte sie, jeden einzeln, für die Schule gesegnet. Grosse Kinder, wie sie da standen, bereit für Neues, schon gar keine Kindergartenkinder mehr, und doch noch so klein, als wir alle unsere Hände über sie hielten.
Und dann sangen wir das Suvivirsi. Die Mutter neben mir wischte sich die Augen. Ich sass da. Versuchte den Text zusammenzubekommen. Und blinzelte. Und dachte: so finnisch bist du also schon geworden.

(„Das war schööön!“ hauchte das Fräulein Maus hinterher und fiel mir in die Arme. „Danke, dass du gekommen bist!“)

[Finnisierung I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII, XIX, XX, XXI, XXII, XXIII, XXIV, XXV, XXVI, XXVII, XXVIII, XXIX, XXX]

13 Kommentare zu “Finnisierung XXXI

  1. Das ist aber auch wirklich ein ausgesprochen schönes Lied, auch wenn ich nichts verstehe aber von der Melodie und Situationsbeschreibung hätte ich wohl auch geblinzelt :)

  2. Oh wie schön, dass du das gepostet hast. Ich habe es schon viele Male live erlebt (insgesamt 9 finnische Cousins und Cousinen mit Abi)… als ich vor 10 Jahren *hust* Abi in Deutschland machte, gab es in den darauffogeldenen Ferien im Mökki eine improvisierte Abifeier mit Verleihung der Mütze und diesem hier: http://www.youtube.com/watch?v=Aa_5aRxqi8Q
    Ich kann mich leider gar nicht daran erinnen, dass sie mir das suvivirsi gesungen haben… Menno! Das muss nachgeholt werden… dieses Jahr werde ich endlich meine Berufsausbildungs abschliessen und dann wird gefeiert…. überings steht das Mökki in Puumala =)

    • Oh, in Puumala! Da haben wir mal einen wunderbaren Zelturlaub verbracht… :-)

      • Das ja witzig! Dieses Jahr machen wir 3 Wochen Urlaub dort! Ich freue mich dermaßen! Evtl. wird ein bissl geroadtripped… wir waren noch nie richtig in Helsinki und die Westküste kennen wir gar nicht… mein Mann möchte auch mal ganz gerne das Land noch etwas anders kennenlernen. Ich meld mich, wenn ich in der Nähe bin ;-)

  3. zugegeben, mir kamen die tränen schon allein beim lesen…
    das lied gibt es auch im schwedischen als den blomster tid nu kommer und ich verbinde es mit ähnlichen dingen, wie du. inzwischen bin ich schon ganz emotional geprägt auf das lied. daher die übertriebene rührung :-)

  4. Pingback: Den blomstertid nu kommer | doppelhorn.de

  5. wie schön!

    (und ich krieg schon im voraus feuchte augen, denn in unserem kiga wird den vorschulkindern an ihrem allerletzten kindergartentag eben das von dir zitierte „geh aus mein herz und suche freud“ gesungen. und ich hab dieses jahr zum dritten und letzten mal ein vorschulkind. *hachz*)

  6. Hach, ich liebe Traditionen. Bei uns gibt es im Kindergarten einen Schultütenbaum und einen Abschlussausflug mit den Erziehen und ein paar Eltern. Ich kann es irgendwie kaum fassen, dass wir unseren schönen Kindergarten bald verlassen sollen …

    (Ich habe mir das besagte „Geh aus mein Herz“ als Lied für unsere Hochzeit ausgesucht, seitdem singen wir es an jedem Hochzeitstag.)

  7. Nach 35 Jahren Gastarbeiterlegen bekomme ich immer noch Heimwehkrämpfe bei Suvivirsi

  8. Gänsehaut pur habe ich bekommen, wo ich eben den Text gelesen habe und „suvivirsi“ angehört habe. Es berührte mich besonders Ende Mai, als wir Großeltern aus Deutschland, Opa Deutscher und ich, mummo Finnin, bei unserem Enkel, Vater Deutsch-Finne, Mutter Deutsch-Italienerin, in Finnland seit über 10 Jahren lebend, auf der Abschlußfeier in „eskari“, Vorschule, dieses wunderschöne Stück, gesungen von den Kindern, vorgeführt bekamen. Ich hatte es so lange nicht gehört. Und doch so heimisch. Jedes Jahr in „kevätjuhla“ in meiner Schulzeit gesungen. Herrlich, daß mindestens einige Traditionen beibehalten werden.

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