Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Wochenstart

Im Schneetreiben den Herrn Picasso zur Begutachtung der Unfallschäden in die Werkstatt am Rande der Stadt gefahren.

(Die zwei halbwegs gesunden Kinder der Familie habe ich heute ausnahmsweise schon um acht zum Frühstück – Haferbrei, Schwarzbrot mit Gurke, fettfreie Milch – in den Kindergarten gebracht. Mein eigenes Frühstück beschränkte sich deshalb auf einen Kaffee und ein Weihnachtsplätzchen im Stehen. Der kranke Ähämann und der noch kränkere grosse Herr Maus blieben im Bett.)

„Wenn es länger dauert als bis Mittwoch, rufen wir dich an!“ „Und wenn es schneller geht?“, frage ich. „Das dauert drei Tage. Immer. Das ist so.“

Ich winke dem Herrn Picasso auf dem Parkplatz nochmal zu und stapfe los. Irgendwie muss ich jetzt zurück in die Stadt kommen. Es gibt ein vom Autohaus gestelltes Taxi – um 7:45 Uhr. Das hätte der Ähämann genommen, wenn er jetzt nicht im Bett liegen würde. Ich aber stiefele –inzwischen ist es halb neun – los zur anderthalb Kilometer entfernten Bushaltestelle am grossen Einkaufszentrum.

Gestern Abend schoss mir kurz der Gedanke durch den Kopf, einfach die Skier zu nehmen. Ich verwarf ihn schnell wieder, da bestimmt alle Wege schon mit einer dicken Splittschicht bestreut wären. Schade. Wäre prima gegangen. Der Radweg ist zwar sichtlich vor ein paar Stunden geräumt worden, aber schon wieder mit mehreren Zentimetern Neuschnee bedeckt, und das Streuen hat sich der Winterdienst dankenswerterweise gespart. Es schneit wie verrückt.

Am Einkaufszentrum klettere ich über einen hohen Schneewall am Strassenrand zur Haltestelle. In zehn Minuten kommt ein Bus. Vielleicht. Denn an der Haltestelle hängt noch der Sommerfahrplan. Vielleicht kommt der Bus auch erst in einer halben Stunde. Oder fährt in die falsche Richtung. Und ehe ich dann auch noch 5 Euro für den einen Kilomter bis zur Stadtgrenze, auf dem meine Monatskarte nicht gilt, bezahlen muss, laufe ich einfach weiter. Zum Stadtbus, der alle zehn Minuten fährt. Sind ja auch nur noch zwei Kilometer. Unzählige Male bin ich diesen Weg schon gegangen, in umgekehrter Richtung, letzten Sommer, als wir unsere Wochenenden nach dem Umzug mit Besuchen bei IKEA und anschliessenden Besuchen im Baumarkt verbrachten und der kleine Herr Maus seine damals noch dringend benötigten Schläfchen im Kinderwagen auf dem Weg von dem einen zum anderen abhielt, während der Ähämann mit dem Rest der Kinderschar schon mal im Auto vorfuhr.

Erstmal quer durchs Parkhaus des grossen Einkaufszentrums, das noch wunderbar leer ist und in dem man um diese Uhrzeit noch nicht bedudelt wird. Nur der Weihnachtsbaumverkäufer ist schon da.

Vielleicht sollte ich gleich noch einen Weihnachtsbaum schultern, denn wenn der Herr Picasso nicht am Mittwoch wieder da ist, bleibt uns nicht mehr viel Zeit, rechtzeitig einen Weihnachtsbaum zu besorgen. Höchstens einen ökologisch und ethisch korrekten Kümmerling zu einem Wucherpreis, den wir mit dem Bus vom Markt heimfahren können… Wir werden sehen.

Ich stapfe über den Parkplatz des grossen Baumarkts – dort dudelt schon Musik aus den Lautsprechern – und schlängele mich an LKWs vorbei, die am Wareneingang warten. Dann bin ich wieder auf dem Radweg. Nach fünf Minuten überholt mich der Schneepflug, danach läuft es sich wie von allein. Am Überweg wechselt der Schneepflug die Strassenseite. Ich gehe hinterher. Am Überweg hält ein Auto an. Nicht, um mich über die Strasse zu lassen, sondern weil der Schneepflug mitten auf der Strasse mehrere riesige Schneebrocken hinterlassen hat, mit denen sich ein PKW besser nicht anlegt, wenn er nicht ebenfalls mit einer Schneeschaufel am Bug ausgestattet ist. Ich zertrampele beim Überqueren der Strasse einen davon, der Autofahrer steigt aus und rollt die restlichen gelassen zur Seite. Dann steigt er wieder ein und fährt weiter.

(So geht das hier immer: der Winterdienst funktioniert hervorragend. Aber jeder ist nur für seins zuständig – wenn der Strassenschneepflug da war, sind die Haltestellen verschüttet und man muss über einen Schneewall in den Bus klettern. Ist die Haltestelle freigeräumt, sind die Ausfahrten verschüttet. Werden die Ausfahrten geräumt, bilden sich Schneewälle quer über die Fusswege. Wenn es sehr viel schneit, dauert es ein paar Stunden, bis man wieder ungehindert überall hin kann.)

Kurz vor IKEA geht die Strassenbeleuchtung aus. Ist es jetzt hell?

Der Schneepflug fährt bis zur nächsten grossen Kreuzung vor mir her. Dann muss ich wieder stapfen. Einer kommt mir auf dem Fahrrad entgegen. Es schneit. Ich schwitze. Da ist endlich die Haltestelle.

Und gleich kommt auch der Bus. In dem kann ich bis zur Uni sitzenbleiben. Bis ich dort bin, friere ich wie blöd. Lieber Turkuer Nahverkehr, diese billigen chinesischen Busse waren die dümmste Investition ever. Mein Magen knurrt. Dabei ist es erst halb zehn. Ab wann kann ich mir meine Nudeln aufwärmen, ohne blöd angeguckt zu werden?

Ich male ein bisschen.

Halb elf esse ich Mittag. Dann male ich weiter. Und plane ein bisschen mit dem Kollegen die kommende Feldsaison. Dann ruft der Ähämann an – er will mit dem grossen Herrn Maus zum Arzt, aber dessen KELA-Karte ist in meiner Tasche. Eine Stunde später ziehe ich mich also an, laufe zur Bushaltestelle, reiche dem Ähämann die KELA-Karte in den Bus und gehe zurück auf Arbeit. Noch ein bisschen malen.

Als ich heimgehe, ist es fast schon wieder dunkel.

Die Kindergartenkinder haben ihr eigenes, künstliches Sonnenlicht auf dem Spielplatz. Ich will gar nicht weg da. Der kleine Herr Maus und das Fräulein Maus auch nicht. Irgendwann steigen sie doch auf den Schlitten. Als wir fast zu Hause sind, ruft der Ähämann an, ob wir nicht ihn und den grossen Herrn Maus mit dem Schlitten vom Bus abholen könnten. Der grosse Herr Maus hat eine Lungenentzündung und ist sehr schwach. Wir wenden. Der grosse Herr Maus steigt auf den Schlitten. Der Ähämann schleppt Einkaufsbeutel. Der kleine Herr Maus „hilft“ ziehen. Die kranken Männer begeben sich aufs Sofa. Ich schippe Schnee.

Als ich die Kinder ins Bett bringe, bin ich noch schneller eingeschlafen als sonst. Wahrscheinlich vor allen dreien.


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3. Advent

Gehustet. Skigefahren. Geschnieft. Weihnachtsbaumschmuck gebastelt. Gefiebert. Schnee geschippt. Beim Arzt gewesen. Die Schneeburg mit Treppen auf der einen Seite und einer Rutsche auf der anderen Seite versehen. Medizin geschluckt. Gelichtelt. Gehustet. Geschnieft. Gefiebert.

Sind die Chancen ganz gut, dass wir zu Weihnachten alle gesund sind.


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Saisoneröffnung

Ich habe dieses Jahr nicht besonders ungeduldig auf den Tag gewartet, an dem ich das erste Mal auf die Skier steigen könnte.

(Wenn ich ehrlich bin, habe ich dieses Jahr überhaupt kein bisschen ungeduldig auf irgendwelche Winteraktivitäten gewartet. Ich habe mich gefreut, als es endlich schneite – weil es jetzt nicht mehr ganz so dunkel ist, weil der Kindertransport in den Kindergarten mit dem Schlitten so einfach ist, weil ich nicht mehr jeden Tag Schneeanzüge waschen muss und sich statt Sand in der ganzen Wohnung höchstens noch ein paar Wasserlachen im Windfang finden – aber Grund zu übertriebener Eile ist das noch lange nicht, fand ich. Liegen ja noch mindestens vier Monate Winter vor uns.)

Ich war dann fast ein bisschen überrascht, als das Fräulein Maus inständig um Skifahren bat. Gut, sollte sie haben. Die hustenden Herren der Familie hüteten gemeinsam das Bett Sofa, und wir Frauen begaben uns auf die Loipe. Nach zwei Wochen Schneefall sind alle Turkuer Loipen inzwischen gespurt und präpariert, teilweise sogar schon die Strassenunterführungen mit Schnee aufgeschüttet, so dass wir diesmal weder auf Kunstschnee fahren noch uns die Loipe mit 3000 anderen Skifahrern teilen mussten. Gut, die obligatorischen fünfzehn finnischen Rentner – die mich auch überholt hätten, wäre ich ohne das Fräulein Maus gefahren – zogen natürlich an uns vorbei. Aber sonst zogen wir in aller Ruhe von Laterne zu Laterne durch den dunklen, rauschenden Wald, der uns den beissenden Wind vom Leib hielt. Das Fräulein Maus musste ich nicht mal mehr an den steilsten Bergen zwischen meine eigenen Skier nehmen, und die läppischen 1,7 km hatten wir so schnell hinter uns gebracht, dass wir fast versucht waren, eine zweite Runde zu fahren. Stattdessen tranken wir unseren heissen Johannisbeersaft, stiegen wieder ins Auto und fuhren in den grossen Supermarkt, um dem Fräulein Maus grössere Skistiefel zu kaufen, in die auch ihre Wollsocken wieder mit hineinpassen.

Morgen dann auf die Loipe (fast) neben der Haustür.
Man muss ja nicht aus lauter Trotz den Winter auch noch ausfallen lassen.


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Weil ich nicht aus meiner Haut kann

Ich hab’s gern ordentlich im Blog. Wenn ich zufällig sehe, dass in einem alten Eintrag ein Link ins Leere läuft oder sich da ein grober Rechtschreibfehler eingeschlichen hat oder der Artikel falsch kategorisiert ist, dann korrigiere ich das.

Und ja, ich weiss, dass ich damit die Leser, die mit Feedreader lesen, hübsch verwirren kann: weil es bei uns angeblich plötzlich mitten im Sommer schneit, ich meine Doktorarbeit ein zweites Mal verteidige oder weil ich völlig überraschend und unangekündigt mit einem weiteren Kind schwanger bin.

Ich empfehle bei Zweifeln einen prüfenden Blick auf die Datumsangabe. ;-)


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Was die finnische Polizei so macht

Das erste Mal passierte es mitten in der Woche, an einem Winternachmittag gegen 16 Uhr, in einer kleinen Gemeinde im mittelfinnischen Nirgendwo. Ich war gerade bei meinen Mäusegehen gewesen und hatte die Fallen geschlossen, um abends zwischen neun und zehn (und hoffentlich würde sich jemand finden und inzwischen die Sauna anheizen!) nochmal nach meinen kleinen, pelzigen Versuchsobsubjekten zu gucken, und jetzt sass ich, im „Mäusepelz“ – meinem Arbeitsoverall, der einen dezenten Geruch von Mäusepisse und feuchtem Hafer verströmte – im blauen Stationslada, hörte Radio „Mafia“ und wollte schnell nach Hause. Und dann stand da, zwischen Baumarkt und Tankstelle, die Polizei, und hielt die rote Kelle hoch. Mir wurde, trotz der -10 Grad draussen und nicht viel mehr drinnen, heiss. Führerschein? Liegt fein säuberlich in der Schublade auf der Forschungsstation. Fahrzeugpapiere? Hat der Blaue sowas überhaupt?! Und wenn ja, wo?! Ich hielt trotzdem an. Kurbelte das Fenster runter. „Päivää!“ begrüsste mich der Polizist und schob gleichzeitig ein Blasröhrchen durchs Fenster. Ich tat, was mir offensichtlich geheissen war. „Alles klar“, grinste der Polizist. „Schönen Tag noch! Und denk dran, das“ – weitausholend beschrieb er mit dem Alkoholmessgerät einen Kreis um den Blauen mit dem grossen „Universität Jyväskylä“-Aufkleber – „ist ein staatliches Auto. Nullkommanull Promille!“ Dann winkte er mich weiter.

Seitdem taste ich nicht mehr hektisch in Hosen- und Handtaschen nach dem Portemonnaie, wenn sonntagvormittags die Polizei auf der Hauptstrasse steht und alle Autos anhält. Oder in Helsinki niemanden von der Fähre fahren lässt, der nicht vorher geblasen hat.

Letzte Woche waren wir in einen Auffahrunfall verwickelt. Wir standen an der Ampel, als es hinter uns laut krachte. Noch während ich mich fragte, was denn da so laut gekracht hatte, krachte es ein zweites Mal, und der Herr Picasso tat einen kleinen Satz nach vorn. Wir riefen die Polizei. Als die nach zwanzig Minuten eintraf, war die erste Amtshandlung – noch ehe uns eine einzige Frage zum Unfallhergang gestellt worden war – uns drei beteiligte Fahrer blasen zu lassen.

Ein Geschenk hab‘ ich allerdings noch nie bekommen.


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2. Advent

Die Adventszeit ist die schönste Zeit im Jahr.

Die geheimnisvolle Zeit, in der lauter wundersame Dinge passieren: die Wichtel bringen heimlich über Nacht die Adventskalender und nehmen die Wunschzettel an den Weihnachtsmann mit, der Nikolaus steckt kleine Geschenke in die Stiefel („Oh, wie schön! So eine Bimmel wollte ich schon immer für meine Eisenbahn haben! Woher hat der Nikolaus das denn bloss gewusst?“), und dieses Jahr brachten die Wichtel eines Nachts auch die sehnlich gewünschten und dringend für verschiedene Weihnachtsfeiern und –aufführungen benötigten Wichtelmützen für alle drei Kinder.

Wenn die Adventszeit da ist, darf man endlich die Weihnachtssachen aufstellen und jeden Tag nach Herzenslust lichteln – beim Frühstück, beim Abendbrot, vor dem Schlafengehen. Jeden Abend, wenn alle schon im Schlafanzug sind und die Zähne geputzt haben, kuscheln wir uns auf dem Sofa zusammen und lesen ein Kapitel der Geschichte, wie Petterson für Findus eine Weihnachtsmannmaschine baut. Jeden Abend dürfen die Mäusekinder entscheiden, welche Kerzen dazu angezündet werden – die Pyramide mit den Rehen, die kleine Kinderpyramide, das Engelsgeläut, das uns vor Jahren meine „finnische Mama“ geschenkt hat, das aber erst jetzt in der neuen Wohnung einen rechten Platz gefunden hat und sich grösster Beliebtheit erfreut mit seinem zarten Gebimmel, der Adventsleuchter oder die Kerzen von Engel und Bergmann (oder alle zusammen) – und ob der Nachtwächter mit dem roten Mantel sein Pfeifchen rauchen oder ob die Leute im Räucherhäuschen ihren Kamin anzünden sollen.

Damit nicht untergeht, worauf wir eigentlich warten in der Adventszeit, haben wir seit diesem Jahr endlich eine Krippe. Der Stall steht schon, Josef und Maria sind auf dem Weg. Jede Nacht rücken sie ein Stückchen auf der Kommode weiter. Vor ein paar Tagen sind auch die drei Könige aufgetaucht und ziehen von der anderen Seite langsam Richtung Stall. Noch bevor sie früh ihre Adventskalenderfensterchen öffnen, gucken die Mäusekinder, wie weit Josef und Maria und die Könige in der Nacht vorangekommen sind.

Dieses Wochenende waren wir uns angucken, wie die (reichen) Leute in Finnland früher ihre Wohnungen weihnachtlich geschmückt haben, und waren kurz auf dem kleinen, stillen Weihnachtsmarkt auf dem alten Markt. Das Fräulein Maus weiss genau, dass der Weihnachtsmann, der dort in einer Bude sitzt, nur als Weihnachtsmann verkleidet ist – und glaubt trotzdem mit kindlichem Ernst an den „echten“ Weihnachtsmann.

(Es ist der banalste Satz jeglicher Erziehungsratgeber – aber es gibt wirklich nichts Schöneres, als seinen Kindern Traditionen und Rituale zu geben.)

Für mich ist die Adventszeit immer auch Heimwehzeit. Ich vermisse die Schwibbögen in den Fenstern, die grossen Pyramiden auf den Marktplätzen und die kleinen Heimatmuseen mit Weihnachtsbergen und Buckelbergwerken. Aber es hätte schlimmer kommen können. Ich hätte in ein Land auswandern können, in dem Weihnachten gar nichts mit dem Weihnachten zu tun hat, wie ich es kenne.


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Rasende Rentner

Vorgestern kamen wir in den Kommentaren vom Hundertsten ins Tausendste. Das Hundertste war, dass es zwar keine Holzschlitten zum Rodeln gibt in Finnland, aber traditionell Tretschlitten aus Holz. „Cool!“ schrieb Lydia. “Der Roller für den Winter!” Nun ist es aber eher andersrum: der Tretschlitten ist so wichtig, dass es ihn sogar in der Sommerversion gibt:

(Ich habe das genau so schon gesehen: rasende Rentner auf Tretschlitten und Tretrollern. Nur hier bei uns im Süden nicht. Da sind die Tretschlitten schon lange wegen dezimeterdicker Splittschichten auf Strassen und Wegen ausgestorben und langweiligen – und langsamen – Rollatoren gewichen.)


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Heute

Frei. (Und ein langes Wochenende vor uns.)

Und jetzt gleich bin ich eingeladen – zu festlichem Dinner und gemeinsamer Kleiderbeschau unter Mädchen.

(Ich bin auch deswegen gespannt, weil man vom neuen Präsidenten noch nichts Wesentlicheres gehört hat ausser, dass seine Frau Konsolenspiele liebt und den Hund mit ins Bett nimmt sowie dass für den heutigen Empfang Diskomusik und Käsebuffet geplant sind.)