Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Die ersten Hausaufgaben

“Juhuuuu, endlich!”, jubelte das Vorschulkind und wuchs gleich noch mal zehn Zentimeter. (Schliesslich heisst nur deswegen seit dem Umzug ihr Zimmer “Schreibezimmer”.)

Ich habe den Eindruck, sie hat schon jetzt in der Vorschule mehr gelernt als ich damals in der gesamten 1. Klasse. Nach nur ein paar Wochen konnte sie alle Grossbuchstaben lesen. (Einmal hörten wir bei 120 km/h auf der Schnellstrasse plötzlich von der Rückbank die erstaunte Frage: ”Warum steht denn da HELSINKI?”) Inzwischen kann sie auch die kleinen. Sie rechnet einfache Aufgaben, sowas wie 3+4 und 2×5. Sie schreibt, was ihr in den Sinn kommt, und zwar so, wie es sich für sie nach finnischen Regeln anhört: KAZE, BEAR, VAL, KCHEPS. Sie freut sich, wenn ich ihr dann daneben schreibe, wie es richtig geschrieben wird: KATZE, BÄR, WAL, KREBS.

Den Vorschulkindern wird nicht direkt Lesen und Schreiben beigebracht, aber Buchstaben und Zahlen, auch das Datum, sind tägliches Thema. Sie haben keine ”Unterrichtsstunden” – ausser zum Morgenkreis oder wenn dienstags die Vorschulkinder mit ihren Aufgabenheften in die Schule gehen, bearbeitet die Lehrerin mit nur jeweils einem oder zwei Kindern verschiedene Aufgaben, in ihrem Tempo. (Ich erinnere mich an viele, zähe Unterrichtsstunden, in denen ich mich fast zu Tode langweilte, weil es so furchtbar lange dauerte, bis alle die eine Seite in der Fibel auch endlich gelesen hatten – das Weiterblättern aber strengstens untersagt war.)

In den letzten Wochen waren – wie passend! – Sterne und Planeten das Thema. Sie haben das Weltraumbuch gelesen, bunte Planeten gebastelt, im Schlafraum einen leuchtenden Sternenhimmel aufgehängt und gelernt, welche Sternbilder es gibt und wie man eine Sternkarte liest. Habe ich sowas jemals gelernt? Ich meine – in der Grundschule?!

Gestern sollten das Fräulein Maus und ihre beste Freundin eigentlich ein bisschen ”Mathematik” betreiben, aber weil das Aufgabenheft wegen der Hausaufgaben noch zu Hause war, hiess es: ”Na dann geht schnell wieder spielen. Mathe können wir auch am Montag machen.”


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Wochenende, erholsam

Am Samstag schlief der grosse Herr Maus bis um acht, dann bat er darum, aufstehen zu dürfen, und schlich sich ins Kinderzimmer. Der kleine Herr Maus und das Fräulein Maus schliefen bis um neun. Dann schlichen sie sich ins Kinderzimmer, wo sie vom grossen Herrn Maus begeistert begrüsst wurden und wo sie gemeinsam weiterspielten, bis sich Mama und Papa um zehn endlich zum Aufstehen durchrangen.

Am Sonntag schliefen alle drei bis um acht, schlichen sich gemeinsam ins Kinderzimmer, bauten die Eisenbahn auf, packten Koffer und verreisten offensichtlich (was ich aus dem lauthals geschmetterten „REISE! WIEDERKOMM!“ des kleinen Herrn Maus entnahm, das seine Version von „Gute Reise! Komm bald wieder!“ ist). Zwischen den fröhlich gebrüllten Reisewünschen schlief ich wieder ein. Gegen zehn bequemten auch wir Eltern uns aus dem Bett.

Frühstück assen wir halb elf, in aller Ruhe, auch „Jetzt noch einen Zwieback!“, auch „Darf ich mir Müsli rausholen?“, auch „ICH AUCH MEHR BOT HABE, ICH!“.

Gegen zwölf, als der Ähämann den Frühstückstisch abräumte und ich die erste Waschmaschinenladung aufhängte, wurde mir bewusst, dass so ein ausgeschlafener Wochenendmorgen zwar wunderbar ist, dass einem aber mindestens drei Stunden fehlen, um die anstehenden Arbeiten (Wäscheberge, Geschirrberge, Papierstapel, Wollmäuse, Anbringen eines Regals, Ausmisten von Klamotten, Fertigstellung eines Fotokalenders…) während des Wochenendes zu erledigen.

Auch egal. Draussen war es dunkel. Dunkel mit Nieselregen. Bis auf einen kurzen Ausflug zu IKEA zwecks Erstehung eines Regalbretts setzten wir keinen Fuss vor die Tür. Die Kinder auch nicht. Trotzdem gingen sie nicht die Wände hoch. Sie bauten sich eine Höhle im Doppelstockbett. Die beiden Herren Maus kneteten gemeinsam. Der grosse Herr Maus bereitete alles, inklusive Knetunterlage und Schürzen für beide, die er dem kleinen Herrn Maus anlegen half, vor, und räumte anschliessend alles wieder weg. Das Fräulein Maus spielte „Der Fotograf kommt ins Puppenhaus“ und fotografierte eine Stunde lang mit meiner Kamera die Puppen. (Was sie zu Weihnachten bekommt, ist wohl klar.) Der grosse Herr Maus und das Fräulein Maus malten. Der kleine Herr Maus schob seinen Emil im Puppenwagen durch die Wohnung, legte ihn schlafen, weckte ihn auf, verabreichte ihm Fiebermedizin und tröstete ihn, weil „EMIL WEINT!“ Nebenher verkündete er alle paar Stunden: „ICH EINPULLAD!“ und pullerte dann ins Töpfchen. Das Fräulein Maus schrieb auf einen Zettel, was der grosse Herr Maus ihr diktierte.

Der kleine Herr Maus verweigerte am Sonntag den Mittagsschlaf. Trotzdem war er gut gelaunt bis zum Schlafengehen am Abend.

Ich räumte alle paar Stunden die Fussböden wieder frei. Wir schlichteten ab und zu einen Streit. Wir reichten Scheren und Klammeraffen und spitzten Stifte an. Ansonsten arbeiteten wir Wäscheberge ab. Und kämpften gegen Wollmäuse. Assen in Ruhe Mittag. Tranken in Ruhe Kaffee. (Die Mäusekinder bekamen Milchschaum in Espressotässchen serviert. Das Fräulein Maus trank ungefähr sechs Tassen davon.)

Wir buchten das Blaue Mökki für einen vermutlich vorerst letzten Lapplandwinterurlaub (denn ab nächstem Jahr drohen uns ja die offiziellen Schulferien). Wir entdeckten auf den Seiten der Bahn ein echtes Schnäppchen für den Autozug: 141 statt 270 Euro für uns alle plus den Herrn Picasso, einfache Strecke. Bevor ich das Fräulein Maus zum sonntagabendlichen Gymnastiktraining brachte, fuhr ich mit ihr auf den Bahnhof. Der Fahrkartenverkäufer war ausnehmend nett. Wir erfuhren, dass jetzt endlich auch von Turku aus die neuen, doppelstöckigen Schlafwaggons fahren würden – worauf wir jahrelang gewartet hatten, erschien uns jetzt allerdings gar nicht mehr so wünschenswert, da in den neuen Waggons nur noch zwei Betten übereinander sind statt drei. Das Fräulein Maus liess sich allerdings sofort von dem Vorschlag, mit Isomatte und Zeltschlafsack auf dem Fussboden zu schlafen, begeistern. Dann ging sie weiter die Fahrplan- und Prospektauslage studieren, während ich den restlichen Buchungskram erledigte. Der nette Fahrkartenverkäufer legte uns eine Kabine mit eigener Dusche und Toilette ans Herz – für nur 12 Euro zusätzlich auch das ein Schnäppchen. Nobel geht die Welt zugrunde beenden wir unsere Lapplandfahrerkarriere.

Den Fotokalender stellte ich fertig, während das Fräulein Maus turnte, das heisst, fast, denn der Akku machte zehn Minuten vor Ende des Trainings die Hufe hoch. Egal.

Die Herren Maus gingen gerade ins Bett, als wir wiederkamen, und waren schnell eingeschlafen. Das Fräulein Maus durfte ausnahmsweise das frische Rosinenbrot zum Abendbrot essen, danach ging sie allein zähneputzen, liess sich von mir ein Schlaflied singen und schlief ohne Zetern ein.

Sonntagabend schauten der Ähämann und ich uns verwundert an. Noch vor einem Jahr hätten wir uns ein solches Wochenende nicht einmal vorstellen können.

„Faule Leute schaffen sich viele Kinder an“, sagte mal eine fremde Frau, vierfache Mutter, augenzwinkernd zu mir, als sie mich mit den drei Mäusekindern an der Bushaltestelle sah.

Sie hatte vollkommen recht.


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Kippis!

Während der Ähämann heute Abend auf „Weihnachtsfeier“ ist – einer jener Feiern, die mit Weihnachten ungefähr so viel zu tun haben wie Santa Claus mit Jesu Geburt – dachte ich, könne ich mir auch einen echt finnischen Freitagabend machen.

Dazu hatte ich letzte Woche schon im staatlichen Alkoholgeschäft zum sehr finnischen Preis von 2,69 € ein 0,04-Liter-Fläschchen einer sehr speziellen finnischen Spirituose erstanden.

(Das finnische Schnapsglas kauften wir vor sieben Jahren zum ebenfalls sehr finnischen Preis von reichlich zehn Euro – gemeinsam mit den vier, fünf anderen Gläsern der gleichen Serie, für die der Gutschein der Bielefelder Ex-Kollegen, die wirklich zahlreich und freigebig für ein Hochzeitsgeschenk gesammelt hatten, eben gerade so reichte.)

Es ist nämlich so, dass der gemeine Finne ausnehmend gern Lakritz und Salmiak isst, in jedweder Darreichungsform: als Gummitier, als Kaugummi, als Eis, als Vitamin-D-Tablette. Und da der gemeine Finne auch ausnehmend gern Alkohol trinkt, was läge näher, als beides zu kombinieren?

Während der gemeine Ausländer üblicherweise schon beim Gedanke daran angewidert das Gesicht verzieht, wollte ich das Gebräu eigentlich schon lange mal ausprobieren. Schliesslich mag ich sowohl Salmiak als auch Alkohol – in geringeren Dosen freilich als der gemeine Finne. (Allein, ich war ja während der letzten Jahre, wie der Ähämann zu sagen pflegt, „andauernd“ schwanger oder stillend.)

Nun also. Flasche auf – riecht wie Hustensaft. Hustensaft mag ich ja, besonders, wenn er recht viel Alkohol enthält. Einschenken, vorsichtig kosten – hm. Schmeckt wie Salmiakpastillen in Alkohol aufgelöst. Das heisst, vom Alkohol schmeckt man eigentlich kaum was, weil der Salmiakgeschmack so stark ist. Eigentlich ganz lecker, finde ich. Aber so ein halbes Glas reicht vollkommen, und für die restlichen 3 cl werde ich wohl noch so ein, zwei Abende brauchen.

Mich so richtig finnisch besaufen damit, daraus wird jedenfalls nichts.


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Bargeldlos

Neulich habe ich mich gefreut wie eine Schneekönigin, als mir eine slowakische Zwei-Euro-Münze auf dem Handteller lag. (Ich drehe auch nach zehn Jahren noch jede Wechselgeldmünze um.) Warum aber dauert es immer Mooonate, bis sich mal eine einzige ausländische Münze in mein Portmonee verirrt, habe ich mich kurz gefragt.

Tja. Klarer Fall von „selbst schuld“. Wo wir doch manchmal monatelang nur mit Karte zahlen – in jeglichen Läden, im Café, in der Mensa, in der Schwimmhalle, im Museum, auf der Post, im Taxi (also nicht ich jetzt, aber der Ähämann manchmal auf Dienstreise), beim Arzt, überall. Bargeld brauchen wir eigentlich nur noch für Einkäufe auf dem Markt, zum Aufladen der Buskarte beim Busfahrer (obwohl das bis vor zwei Jahren auch mit Karte ging) und zum Bezahlen diverser Foto-/Pastillen-/Ausflugsgebühren im Kindergarten.

In Deutschland falle ich dann immer aus allen Wolken, wenn mir ein Einzelhändler mit der grössten Selbstverständlichkeit sagt: „Nein, Kartenzahlung ist bei uns nicht möglich!“ oder „Kartenzahlung erst ab 50 Euro, das müssen Sie doch wissen!“ Ja, müsste ich wohl! ;-)

Der kleinste Betrag, den ich hier jemals mit Karte bezahlt habe, waren 10 Cent.


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Geschwister

Zwischen 15:30 und 18:00 Uhr habe ich heute schon:

  • ungefähr zwanzig Mal gesagt: „Lass mal das Fräulein Maus / den grossen Herrn Maus / den kleinen Herrn Maus ausreden!“
  • ungefähr zwölf Streits („NEIN, GROSSER HERR MAUS NICH MITBAUN!“, „Das Auto hab‘ ich aber zum Geburtstag bekommen!“, „Geh weg, kleiner Herr Maus!“, „Das ist meine Lok!“ „ICH HABEN!“, „Nee, du darfst nicht mitspielen!“… ) geschlichtet
  • ungefähr zehn Mal die Finger des kleinen Herrn Maus aus den Haaren der grossen Geschwister entfernt und geschimpft
  • ungefähr sechs Mal gehört: „Mist-Fräulein Maus/grosser Herr Maus!“
  • ungefähr fünf Mal mit dem grossen Herrn Maus geschimpft, weil er den kleinen Herrn Maus geschubst hat
  • ungefähr achtunddreissig Mal gesagt: „Wart mal kurz!“, „Ich komm‘ gleich!“, „Ich muss nur erst noch mit dem Fräulein Maus / grossen Herrn Maus / kleinen Herrn Maus…“
  • ungefähr fünfundzwanzig Mal verhandelt: „Nimm doch die andere Lok!“, „Wenn der grosse Herr Maus fertig ist, bist du dran!“, „Versucht doch mal, den kleinen Herrn Maus mitspielen zu lassen!“, „Immer abwechselnd!“…
  • ungefähr fünfzehn Mal gesagt: „Schreit doch mal nicht immer einer lauter als der andere!“

Zwischen 15:30 und 18:00 Uhr habe ich heute ungefähr dreissig Mal gedacht: „Meine Güte!“, „Hoffentlich kommt der Ähämann bald heim!“, „Warum nochmal wollte ich drei Kinder?!“

Zwischen 15:30 und 18:00 habe ich heute aber auch schon:

  • beobachtet, wie die beiden Herren Maus jeder auf ihrer Seite des Spielplatzzaunes im Kindergarten stehen und miteinander reden
  • gesehen, wie das Fräulein Maus als letzte aus der Kindergartentür auf den Hof gestürmt kommt und ohne rechts und links zu gucken zu den beiden Herren Maus rennt
  • gestaunt, wie der kleine Herr Maus sich vom Fräulein Maus an der Hand nehmen lässt, während er sonst immer sagt: „NEIN, MAMA! ICH ALLEINE LAUFE!“
  • gesehen, wie das Fräulein Maus dem grossen Herrn Maus hilft, seine Handschuhe und Mütze wegzuräumen
  • zugesehen, wie das Fräulein Maus mit dem kleinen Herrn Maus tanzt
  • nicht verstanden, was sich das Fräulein Maus und der grosse Herr Maus fröhlich glucksend gegenseitig ins Ohr flüstern
  • erlebt, wie die beiden Herren Maus gleichzeitig im Bad giggelnd grossen Geschäften nachgehen
  •   gehört, wie das Fräulein Maus zum kleinen Herrn Maus sagt: „Du kannst ruhig mit meinem Puppenhaus spielen!“
  •   beobachtet, wie der kleine Herr Maus dem grossen Herrn Maus Schienen reicht, damit der die Holzeisenbahn aufbauen kann, und wie sie dann abwechselnd Züge zusammenstellen und fahren lassen
  • gehört, wie der grosse Herr Maus vorschlägt: „Wollen wir spielen, dass der kleine Herr Maus und ich Hunde sind und das Fräulein Maus uns ausführt?“
  • gesehen, wie sie sich alle drei gemeinsam auf einen Sessel quetschen, um eine Folge „Mumins“ anzugucken
  • die Kinderzimmertür wieder vor der Nase zugeschlagen bekommen: „Nicht reinkommen, Mama, wir spielen Schule! Ich bin die Lehrerin und die Jungs sind die Schulkinder!“

Zwischen 15:30 und 18:00 Uhr habe ich heute ungefähr einhundert Mal gedacht: „Was für ein Glück, dass sie sich haben!“

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Warten

„Wievielmal müssen wir noch schlafen, bis wir die Weihnachtssachen aufstellen können?“, fragt der grosse Herr Maus seit zwei Wochen täglich.

Es wird kaum noch hell. Gestern brannten den ganzen Tag die Strassenlaternen. Wir sassen drin bei Kerzenschein und Lampenlicht, während draussen der Wind ums Haus fegte und Nieselregen an die Fenster sprühte. Als ich den kleinen Herrn Maus im rolloverdunkelten Schlafzimmer zum Mittagsschlaf legte, befürchtete ich, er würde gleich zum Nachtschlaf übergehen. Dunkler ist es nachts im Schlafzimmer nämlich auch nicht.

„Wievielmal noch schlafen, bis wir die Weihnachtssachen aufstellen können?“, fragt der grosse Herr Maus.

Allüberall werden Lichterbögen in die Fenster gestellt, Lichterketten um Bäume geschlungen, die ersten Einkaufszentren weihnachtlich dekoriert.

Wir kämpfen derweil mit Unmengen an Teelichtern, mit Städtebau auf dem Fensterbrett und mit Laternchen im Vorgarten gegen die finnische Dunkelheit.

„Wievielmal heute noch schlafen, bis wir die Weihnachtssachen aufstellen können?“, fragt der grosse Herr Maus.

Noch neunzehn Mal.

Weil Vorfreude glücklich macht.