Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Vom Fahrstuhlfahren und Kaffeetrinken

16 Kommentare

Heute im Dschungel der Stadtverwaltung: erst in den vierten Stock – „Vierter Stock: Stadtplanungsamt“ – des falschen Gebäudes gestiegen. Vier Treppen wieder runter, Strasse überquert, neuer Versuch. „Vierter Stock: Liegenschaftsamt“, gut, dann eben hier. Gleich neben der Infotafel geht’s durch eine Tür zum Treppenhaus. Vier Treppen hochgestiegen, schwungvoll die Tür aufgerissen… nicht. Tür verschlossen. Eintritt nur mit elektronischem Schlüssel. Neben der Tür ist ein Knopf – vielleicht eine Klingel. Nein. Der Lichtschalter. Scheisse. Denn wenn ich jetzt wieder runtergehe, ist die Tür im Erdgeschoss vermutlich auch von innen zu. Mir wird noch heisser, als mir nach der ganzen Treppensteigerei sowieso schon ist.

Warum ich das auch immer mache…! Dass man in Finnland üblicherweise nirgendwohin durchs Treppenhaus gelangt, sondern nur mit dem Fahrstuhl, das habe ich ja eigentlich schon am allerersten Tag auf dem Meldeamt gelernt. Dort gelangt man vom Eingang gar nicht erst zu irgendeinem Treppenhaus. Ist man mit dem Fahrstuhl hochgefahren und findet nach erledigtem Behördengang oben doch den Eingang zum Treppenhaus, findet man sich unten dann in irgendeinem Hinterhof wieder, aus dem den Ausgang zu finden ungefähr fünf Minuten dauert.

Ich beschliesse, einfach mal kräftig zu klopfen. Und nochmal. Irgendwann kommt eine Frau gelatscht, lacht mich an: „Ach, hab‘ ich doch richtig gehört…!“ Ich lache zurück, danke fürs Reinlassen und suche das Büro, in dem eine DVD mit alten Luftbildern auf mich wartet. „Ah, komm rein!“, begrüsst mich einer, der schlürft grad einen Kaffee und ist nicht älter als ich, und ich denke, warum hab‘ ich bloss diesen Mist angefangen, diese Sache auf Finnisch zu verabreden – Weil sein Name so alt klang? Dabei weiss ich doch, dass man in Finnland Generationen kaum am Vornamen identifizieren kann! – mit dem hätte ich doch wunderbar englisch reden können. Egal. Ich will ja gar nicht mehr Englisch reden. „Nimm dir’n Stuhl, ich zeig dir mal was, das könntet ihr vielleicht auch gebrauchen.“ „Oh, toll!“ sage ich. „Ja, das nähmen wir auch gern!“ Er zerrt eine DVD aus der Schublade, fängt an zu kopieren und entschuldigt sich: „Das geht immer furchtbar langsam bei uns.“ Trommelt ein bisschen mit den Fingern auf die Tischplatte, fragt dann: „Möchtest du vielleicht solange einen Kaffee?“ Er holt sich selbstverständlich auch noch einen.

Ich muss an den finnischen Freund denken, der immer und zu jeder Tageszeit fragt: „Kommst du mit Kaffeetrinken?“ Einmal habe ich zurückgefragt: „Sag mal, wieviele Tassen Kaffee trinkst du eigentlich pro Tag?“ „Och“, hat er aufgezählt, „eine zum Frühstück. Eine, wenn ich auf Arbeit ankomme. Eine zur Kaffeepause. Eine nach dem Mittagessen. Eine zur Kaffeepause. Eine, wenn ich heimkomme. Eine mit meiner Frau, wenn sie heimkommt. Manchmal noch eine abends.“ Mich wundert seitdem nicht mehr, dass die Finnen Weltmeister im Kaffeetrinken sind (übrigens auch im Eisessen, aber das gehört jetzt nicht hierher).

Wir trinken Kaffee und gucken uns Luftbilder an, schwarzweisse, bunte, infrarotgefärbte. Meine Jacke habe ich längst ausgezogen, trotzdem schwitze ich wie Sau nach der Treppensteigerei, der Aufregung, dem heissen Kaffee. Wahrscheinlich habe ich auch den exakt einzigsten Arbeitsplatz Finnlands erwischt, an dem nicht mollige 24 Grad herrschen, sondern an dem man ohne Strickjacke und Handstulpen nach einer halben Stunde mit den Händen auf einer kalten Tastatur anfängt zu bibbern.

Kopiervorgang abgeschlossen. „Danke!“ sag ich. Auch für den Kaffee. Diesmal nehme ich eine andere Tür. Die, die auch zum Fahrstuhl führt. Und steige dann doch die Treppe runter. Bin ich nicht längst im Erdgeschoss? Keine Nummer. Kein Ausgang. Plötzlich finde ich mich im Keller wieder. Ich sehe mich schon wieder in den vierten Stock hochsteigen, an die Tür hämmern und nach dem Ausgang fragen. (Oder das Handy aus der Tasche kramen, den Ähämann, den Arbeitskollegen oder gleich die Polizei anrufen.) Eine Treppe weiter oben fällt mein Blick auf den beschilderten Notausgang. Nach kurzer Überprüfung bin ich mir halbwegs sicher, dass es kein solcher ist, dessen Benutzung ohrenbetäubenden Alarm im gesamten Gebäude auslöst. Ich drücke beherzt auf die Klinke – und stehe irgendwo auf der Rückseite in der frischen Luft. Es bleibt auch alles ruhig. Ich atme erleichtert durch.

Wenn ich Finne wäre, würde ich jetzt erstmal Kaffeetrinken gehen.

16 Kommentare zu “Vom Fahrstuhlfahren und Kaffeetrinken

  1. Ich glaube, ich trinke jetzt auch einen Kaffee. Danke für den erfrischenden Bericht.

  2. Ich war bisher fest davon überzeugt, die Norweger seien Weltmeister im Kaffeetrinken. Aber Platz 2 ist ja auch nicht schlecht :) Jedenfalls war es diesmal gut schwanger in Norwegen zu sein und nicht ständig Kaffee trinken zu müssen. Man gilt ja schnell als unhöflich, wenn man als Gast Angebote ablehnt. Vielleicht ist das auch mal wieder eine Option für dich?! :D

  3. Das mit den Kaffeetrinken verbindet doch irgendwie die Welt…ich geh jetzt auch erst mal einen trinken…und dann los zum Trick or Treat in der Eiseskälte…höchstens noch 20 Grad da draußen….;-)

  4. Och, so ein leckeres Tässchen Kaffee geht doch immer!!!! Mein Vater hat sogar für unser Geschäft den Kaffee selbst geröstet. Daher vermute ich (und sage es auch immer), dass ich Kaffee-Gene habe – wie auch meine Geschwister. Finnland (und wie ich weiß auch Schweden) käme mir da sehr entgegen als Lebensmittelpunkt – wenn es nur um den Kaffee ginge. :-)
    Süßigkeiten bereit gestellt – aber bis jetzt klingelt niemand.

  5. Danke für diese Geschichte, das erklärt jetzt auch wieso ich mit meinen Kollegen(ein Ami und eine Österreicherin) bei der Suche nach einem Büro in Helsinki zwischen de Stockwerken verloren ging ;-)
    Lg SaBine

  6. Oh ja, mit Schildern und Zugängen haben sie’s nicht so. Ich muss immer daran denken, dass an der Aalto (ehem. Helsinki School of Economics) ein Aufenthaltsraum mit riesigen Fenstern direkt im Hof gibt, wo auf einem Zettel steht „Ikkuna, ei ovi!“. Wie man dahin gelangt (ausser durch die niedrige „Fensterschwelle“ bequem von draussen zu steigen – wohl der Grund für den Zettel), weiss ich leider nicht.

  7. Dieser Kommentar ist jetzt voll am Thema vorbei. Aber ich hätte gerne gewusst wie lange die „Brigitte Mom Blog“ Aktion noch dauert.

    Ich habe extra etwa 10 Minuten gewartet bis jemand das 3332 Herzchen schenkt, um das 3333-mal zu klicken ;)

    • Ich reiche noch zwei Pünktchen nach um die Zahlen als Ordnungszahlen erkenntlich zu machen ;)

    • Hihi, danke!

      (Ich glaube, da gibt’s kein Ende. Das geht wahrscheinlich einfach so lange weiter, wie man gut Geld daran verdienen kann – die Werbung auf der Seite wird ja immer mehr, und neuerdings gehen ja immer, wenn man auf die ersten Herzen klickt, auch noch so dämliche Popups auf. Vielleicht auch nur, bis es zu groteske Züge annimmt – oder ist es etwa nicht seltsam, wie die Blogs auf den vorderen Rängen, wann immer sie überholt werden, plötzlich hundert Herzchen in einer halben Stunde erhalten?!)

      • Eigentlich bin ich es ja leid beinahe täglich zu klicken, aber ich werde weiter machen.
        Schliesslich sollen dein Blog (und ein anderer der mir auch sehr gut gefällt und auf deiner Blogroll steht) am meisten Herzchen bekommen!!!

        Und ja, ich habe mich über diese seltsamen Ueberhohlaktionen auch schon gewundert…..

        Popup’s nerven seeeehr, die Werbung auch, aber ich bin inzwischen geübt genug um diese einfach nicht zu beachten…..

  8. :-) Es ist aber hohl – von dem her: Über – hohl – aktion!

    Ich bin auch auf der Liste und wunderte mich auch schon, wie ein Blog mit mir „konkurriert“… und merkte auch, dass man kaum von anderen Bloggerinnen auf der Liste offiziell besucht wird. Habe mich bei einigen gemeldet und bekam null Reaktion, teilweise fand ich das recht befremdlich. Habe das Gefühl, dass das Klima sehr konkurrierend ist. Schade.

    Musste übrigens so über den Post lachen! Ich kenne diese Situationen, als Treppensteigerin, auch und ich fürchte mich immer vor den dunklen Untergeschossen, die sind immer so unheimlich!

    Beste Grüsse
    iren

    • Das Problem ist ja, dass da kaum noch „echte“ Mamablogs auf der Liste sind, die man eben gerne lesen würde – und über deren Neuentdeckung dank der Liste man sich freuen würde.

      (Für einen Werbeblog ist es natürlich essentiell, so weit wie möglich oben zu stehen – kann man doch mehr Geld für die Platzierung der Werbung auf einem Blog mit grösserer Beliebtheit (und vermutlich grösseren Leserzahlen) verlangen. Widerlich, echt.)

  9. Huhu bin durch Zufall bei dir gelandet und musste erst mal lachen. Danke :-)
    Bei uns geht auch alles nur mit Fahrstuhl und Treppen muss man erstmal suchen. Kaffe trinke ich seit ich schwanger war. Vorher mochte ich ihn gar nicht. In der Schwangerschaft bekam ich den Yiiper und jetzt bin ich leider koffeinsuechtig oder so…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s