Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Nachmittäglicher Wahnsinn

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Ab und zu wird ja die Frage gestellt, warum man drei Kinder in die Welt setzt und sie dann in Fremdbetreuung gibt. Mir persönlich stellt sich die Frage ja vor allem beim Abholen aus derselben.

Üblicherweise hole ich die Kinder erst dann aus dem Kindergarten ab, wenn sie mit Sicherheit alle schon fertig angezogen und draussen auf dem Spielplatz sind. Dann muss ich nämlich nur noch drei Rucksäcke, drei Fahrradhelme und einen Windelbeutel einsammeln, eventuell noch nach dem Aufenthaltsort von “BÄA!” fahnden, damit es abends beim Schlafengehen keine Tränen gibt, weil “BÄA!” im Kindergarten geblieben ist, den Fahrradsitz wieder aufs Fahrrad stecken, die kleinen Fahrräder abschliessen, und dann noch alle drei Kinder zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung bewegen – was sich üblicherweise so gestaltet, dass mindestens eins der Kinder noch schnell eine Beschäftigung irgendwo findet, während ich einem anderen in Helm und Rucksack helfe, und mindestens einem anderen der Kinder dann auch noch schnell was einfällt, während ich mit Helm und Rucksack hinterherrenne und den kleinen Herrn Maus mit der anderen Hand wieder von der Rutsche pflücke. Alles in allem trotzdem eine der leichteren Übungen.

Heute aber regnet es und alle sind nachmittags drin. Auf dem Weg vom Bus überdenke ich verschiedene Strategien. Hole ich zuerst den kleinen Herrn Maus? Oder zuerst die beiden Grossen? Ja, vielleicht erst die beiden Grossen. Ich friemele mir diese Plastetüten über die Schuhe und schinde noch ein bisschen Zeit damit, schon mal alle Kuscheltiere, überzähligen Kleidungsstücke und gemalten Bilder, die mit nach Hause sollen, in die beiden Rucksäcke zu stopfen. Dann betrete ich, voller Wiedersehensfreude, den Gruppenraum der Bären. Der grosse Herr Maus sitzt an einem Tisch und steckt hochkonzentriert Bügelperlen. “Hrrrmm!”, knurrt er mich, böse guckend, zur Begrüssung an. “Ich bin noch nicht fertig!” “Okay, mach das noch fertig, ich hole inzwischen das Fräulein Maus!”, beschwichtige ich und betrete voller Wiedersehensfreude den Gruppenraum der Eichhörnchen. Das Fräulein Maus sitzt mit zwei anderen Kindern auf dem Fussboden, bekommt gerade ein Buch vorgelesen und würdigt mich keines Blickes. “”Okay,“ flüstere ich ihr zu, „lest das noch zu Ende, ich hole inzwischen schon mal eure Sachen!” Ich gehe weiter zum Eingang der Hasen. Ich suche des kleinen Herrn Maus’ Handschuhe, Mütze, Halskrause, Fleecejacke zusammen und mache daraus schon mal ein hübsches Häufchen vor seinem Fach. Ich gehe in den Waschraum und hole seinen Windelbeutel. Als ich ihn nebem dem Klamottenhäufchen platzieren will, höre ich ein lautes “MAMA! MAMA!” und sehe, wie der kleine Herr Maus an der Glastür seines Gruppenraums klebt. Hat er mich also schon entdeckt. Bleibt mir nichts, als zu ihm zu eilen, ihn zu begrüssen und mitzunehmen. Er präsentiert mir stolz seine neuesten Finnischkenntnisse: “ÄITI TULEE HAKEMAAN. KOTIIN!” Ich ziehe ihm schon mal das Fleecejäckchen, die Handschuhe, die Halskrause und die Mütze an. “So,” sage ich, “jetzt müssen wir noch das Fräulein Maus und den grossen Herrn Maus holen. Kommst du mit?” “NEIN!” “Ok, dann geh’ ich schnell, ich komm’ gleich wieder!” Ich eile durch den Gruppenraum der Eichhörnchen, in dem das Fräulein Maus immer noch auf dem Fussboden sitzt und vorgelesen bekommt, durch den Gruppenraum der Bären, wo der grosse Herr Maus immer noch sitzt und mir zuknurrt, dass er aber immer noch nicht fertig sei, in den Vorraum auf der anderen Seite, werfe mir mit der rechten Hand Jacken, Sandhosen, Mützen, Handschuhe, Halskrausen über den linken Arm in der Hoffnung, dass ich nicht mit der Hälfte davon auf dem Rückweg durch den Gruppenraum der Bären und der Eichhörnchen eine Spur lege, schnappe mir mit der rechten Hand die beiden zum Glück schon gepackten Rucksäcke und denke, sch…, die Schuhe! Die muss ich ja auch noch auf die andere Seite tragen, wenn wir uns dort anziehen und dort rausgehen wollen! Aber dafür habe ich jetzt wirklich keine Hand mehr frei. Ich balanciere meinen Klamottenberg durch den Gruppenraum der Bären, durch den Gruppenraum der Eichhörnchen in den Windfang der Hasen. Auf halber Strecke kommt mir der kleine Herr Maus entgegen. Er soll jetzt mal mitkommen, befehle ich ihm und kippe den Berg auf den Fussboden. Das Fräulein Maus ist jetzt fertig mit Vorlesen und kommt schon mal alleine in den Vorraum der Hasen. “Zieh dich schon mal an,” sage ich, “deine Sachen sind alle hier. Ich hole nur noch eure Schuhe!” Ich lasse den kleinen Herrn Maus und das Fräulein Maus zurück und mache mich wieder auf den Weg durch den Gruppenraum der Eichhörnchen, durch den Gruppenraum der Bären, wo der grosse Herr Maus immer noch sitzt und Perlen steckt, in den Vorraum auf der anderen Seite und nehme zwei Paar völlig sandverkrustete Schuhe aus dem Regal. Ich klopfe sie, so gut es geht, über dem Mülleimer ab, dabei fällt mein Blick auf die zum Trocknen aufgehängte, ebenfalls völlig sandverkrustete Matschhose des Fräulein Maus. Waren sie also heute Vormittag draussen. Das finde ich prima; weniger prima finde ich, dass ich die Matschhose jetzt auch noch mit heimnehmen muss zum Ausspülen. Vorsichtig, bemühmt, keine Sandspur zu hinterlassen, balanciere ich Schuhe und Matschhose zurück durch den Gruppenraum der Bären, wo sich eine Betreuerin der Bügelperlensteckplatte des grossen Herrn Maus angenommen hat und ihm verspricht, dass er morgen weitermachen könne, woraufhin er endlich bereitwillig mitkommt, durch den Gruppenraum der Eichhörnchen, in den Windfang der Hasen. Der Haufen auf dem Fussboden wird noch grösser. Das Fräulein Maus hat sich inzwischen – natürlich noch kein einziges Kleidungsstück angezogen. Ich werde ein wenig ungehalten, sortiere die Klamottenhäufchen nach Kindern und befehle, jetzt aber sofort mit dem Anziehen anzufangen. Wenigstens wird auf dieser Seite, wo nur die zehn Hasen ihre Garderoben haben, nicht alle dreissig Sekunden ein Kind abgeholt wie am anderen Eingang für die 21 Bären und 21 Eichhörnchen. Ich helfe dem grossen Herrn Maus in die Sandhose. Dabei fällt mir auf, dass er ja noch seine Hausschuhe anhat. Das Fräulein Maus natürlich auch. Ich nehme die Hausschuhe entgegen und begebe mich wieder, Entschuldigungen murmelnd, durch den Gruppenraum der Eichhörnchen und den Gruppenraum der Bären auf die andere Seite und verstaue die Hausschuhe in den Fächern des grossen Herrn Maus’ und des Fräulein Maus’. Zurück muss ich natürlich auch nochmal durch beide Gruppenräume, aber jetzt werfe ich ein zuversichtliches “Heippa!” in die Runde. Nur raus hier! Das Fräulein Maus hat sich inzwischen ihre Fleecejacke übergezogen und spielt im Vorraum Fanger mit dem kleinen Herrn Maus. Der grosse Herr Maus zerrt am Reissverschluss seiner Jacke und brüllt: “Ich kann das nicht! Helf mir, Mama!” Ich helfe dem grossen Herrn Maus und treibe das Fräulein Maus an. Ich will dem kleinen Herrn Maus die Sandhose anziehen, aber der dreht sich weg, schüttelt den Kopf und will davonrennen. “Willst du denn hierbleiben?” frage ich ihn. “Wenn du mitkommen willst, müssen wir dich nämlich anziehen!” “ICH HIERBLEIB!” antwortet der kleine Herr Maus und legt sich flach auf den Boden. Auf den Boden, der trotz aller Vorsichtsmassnahmen natürlich inzwischen voller Sand ist. Meine Geduld ist jetzt auch am Ende. “Das geht aber nicht!” bescheide ich den kleinen Herrn Maus und stopfe ihn gewaltsam in seine Sandhose. Auch die Jacke geht nur unter Kampf an den kleinen Herrn Maus. Jetzt noch alle Schuhe anziehen. Das Fräulein Maus schnürt ihre Schuhe selber, braucht aber fünf Minuten dazu. Dem grossen Herrn Maus will ich helfen, aber der ist so auf seine Erzählungen vom Tage konzentriert, dass er nicht darauf achten kann, welchen Schuh ich ihm gerade hinhalte, und dass er nicht mitten im Schnüren weglaufen kann, weil er da am Trockenschrank etwas Interessantes entdeckt hat, dass er mir sofort zeigen muss. Der kleine Herr Maus zieht sich den Schuh, den ich ihm gerade angezogen habe, wieder aus. Ich schimpfe. Der kleine Herr Maus weint. Ich tröste und verteile Rucksäcke. Die sandverkrustete Regenhose stopfe ich kurzentschlossen mit in den Windelbeutel und hänge mir ihn und meinen eigenen Rucksack um. Inzwischen bin ich klitschnassgeschwitzt. Eine halbe Stunde, nachdem ich im Kindergarten angekommen bin, können wir ihn endlich gemeinsam verlassen. Frische Luft! Draussen fällt mir wieder ein, dass wir ja heute nicht mit dem Rad fahren, sondern laufen, und der Weg wohl durch verschiedene Pfützen führen wird. Aber nochmal zurück und die Schuhe gegen Gummistiefel tauschen? Alles, aber nicht das! “Los geht’s!” rufe ich. Die Kinderschar setzt sich in Bewegung. Sie haben schon den ersten Regenwurm und die erste tiefe Pfütze entdeckt. “Mama!” prustet da das Fräulein Maus los. ”Du hast ja noch die Tüten an den Füssen!”

19 Kommentare zu “Nachmittäglicher Wahnsinn

  1. Da wird mir ja nur vom Lesen schon ganz schwindelig…

  2. Wie treffend geschrieben! Ich has…. das Kindergarten-Chaos mit Hinbring- und Abholzeremonie! Ich muss immer nur lächeln, wenn meine Schwester in Deutschland ihren Kindern das kleine Kindergartentäschchen mit Butterbrot packt…Hier braucht man einen Reisekoffer, und zwar fuer jedes Kind einen! :-)
    LG, Appelgretchen

    • Dass ich keine Taschen mit Verpflegung packen muss, darüber bin aber wiederum ich heilfroh…! :-)

      (Im Juni! Im Juni ist das Aus- und Anziehzeremoniell erträglich. In einem von zehn oder elf Kindergartenmonaten! *seufz*)

  3. Mal eine Frage: wieso bleiben denn die Matschsachen der Kinder nicht im Kindergarten? Bei uns ist das jedenfalls so. LG, Martina

  4. @Martina: ich vermute, je nach Wetter werden die auf dem Hin- und Heimweg ebenfalls benötigt ;-)

    • Das auch ja. Aber vor allem gibt es bei uns im Kindergarten die Regel, dass die Matschsachen, wenn sie verdreckt sind, mit nach Hause genommen werden zum Waschen (oder zumindest Ausspülen).

      Das halte ich je nach Stimmungslage für völlig übertrieben bis vollkommen verständlich. (Letzteres insbesondere deswegen, weil der Platz im Kindergarten wirklich seeeehr begrenzt ist und es keinen Extra-Raum für die Matschsachen gibt wie beispielsweise in unserem vorherigen Kindergarten und die dreckigen Matschhosen dann meist neben sauberen Jacken oder so hängen müssen.)

  5. Meine Güte – das ist ja jedes Mal wie der Auszug aus Ägypten! Bei uns bleiben Regensachen, Gummistiefel und dergleichen immer im Kindergarten, was zwar bedeutet, dass man alles zweimal haben muss, aber dafür muss man es auch nicht ständig mit sich rumschleppen. Essen brauchen wir (normalerweise) auch nicht mitschleppen, das bezahlen wir und die Kita stellt was hin. Bei uns ist das was anderes mit der Weizenunverträglichkeit der Maus, aber alle anderen brauchen keinen Rucksack voller Zeugs mitbringen.
    Und was um alles in der Welt ist ein „Windelbeutel“?
    Ist ja vieles toll in Finnland, aber das finde ich jetzt nicht gerade elternfreundlich gelöst. Trotzdem musste ich natürlich lachen – du Ärmste!

    • Karen wickelt mit Stoff – schau mal die letzten Blogposts durch, sie hat kürzlich darüber geschrieben.

    • Das wäre dann jetzt in Deutschland auch nicht wirklich anders…

      Ok, gut, da bräuchten sie wahrscheinlich die meiste Zeit des Jahres nicht ganz so viele Klamotten. ;-) Das meiste, was ich da beschrieben habe, sind nämlich Klamotten, die sie einfach für den Heimweg anziehen müssen.

      Die verdreckte Regenhose musste mit nach Hause wegen (siehe oben).

      Die Rucksäcke dürften wir auch im Kindergarten lassen (oder gar keine erst mitbringen), aber praktisch sieht es ja so aus: Montags kippt sich der kleine Herr Maus Milch über seinen Body, also muss der nasse Body zum Waschen nach Hause. Dienstags muss dann ein neuer Ersatzbody zum Kindergarten getragen werden. Mittwochs darf das Fräulein Maus ein eigenes Buch mitbringen. Donnerstags liegen eine Menge Hinweiszettel und Elternbriefe im Fach. Freitags ist Spielzeugtag, da dürfen die beiden Grossen jeweils ein Spielzeug mit in den Kindergarten bringen. Jeden Tag haben alle irgendwas gemalt oder gebastelt, das sie mit nach Hause nehmen möchten. „BÄA!“ muss natürlich auch jeden Tag hin und her getragen werden. Wenn ich da nicht selbst jeden Tag mit meinem 60-Liter-Wanderrucksack auf Arbeit ziehen möchte, müssen die Mäusekinder diese Dinge schon selbst transportieren. ;-)

  6. Ich wäre ja schon beim zweiten Satz völlig durchgeschwitzt gewesen :)

  7. So aus dem Herzen geschrieben, es ist alles so wahr, der alltägliche Wahnsinn, es ist zwar schon 20 Jahre her und bei uns gab es noch eine Nummer 4, diesen chaotisch und doch bereichernden Lebensabschnitt muss man durchlebt haben – Kinder muss man fühlen, damit man merkt, dass man sie hat – pflegte eine Freundin mit älteren Kindern jeweils zu sagen. Wenn ich am Arbeitsplatz
    bewundert wurde, 4 Kinder und du arbeitest noch auf der Notfallstation – dort habe ich mich erholt, getankt und festgestellt, dass das was mir im Familienleben manchmal schwierig erscheint eben doch gar nicht schwierig ist, sondern das pure Leben im hier und jetzt.
    Liebe Grüsse aus der Schweiz

    Elisabeth

  8. Neugierige Frage: Und was hat der kleine Herr Maus nun gesagt — auf Finnisch?

    Und was heißt: Heippa?

  9. Puh! Kann nachfühlen, wie du geschwitzt hast. Hier in Norwegen haben wir das ganz ähnlich wie ihr. Nur dass, die Kinder am Nachmittag ab 3 drinne sind und wir die Toursäcke mit Thermosflasche und Essenspacket 1-2 mal pro Woche und Kind noch mit hin- und hernehmen. Nachdem wir letztes Halbjahr drei Kindergartenkinder hatten, geniessen wir es nun nur mit 2en die tägliche Zeremonie durchzuführen. Und die halbe Stunde Bekleiden und Packen geht wieder runter auf 20 min.. Schöne Grüsse in den Osten ;) ..

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