Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Lesendes Volk

12 Kommentare

“Was sollen sie auch sonst machen an den langen Winterabenden?” sagt der deutsche Tourist gern, wenn ihm eins der vielen Bibliotheksgebäude in Finnland vorgeführt wird – nicht selten das modernste, grösste und repräsentativste Gebäude der ganzen Gemeinde.

Turku Rymättylä Raisio
Nousiainen Uusikaupunki Paimio

(Ein paar Beispiele aus der näheren Umgebung.)

Was sie sonst machen sollen? Fernsehen vielleicht? Kinder machen? Sich besaufen? Auf beleuchteten Loipen Skifahren? (Nur mal so als Beispiele.) Entschuldigung, aber ich kann diese Begründung echt nicht mehr hören.

Vielleicht lesen die ja einfach alle so viel, weil die Bibliotheken so wunderbar sind?

Unsere Hauptbibliothek hat wochentags von 9 bis 20 Uhr, samstags von 10 bis 16 uhr und sonntags (!) von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Man kann dort nicht nur Bücher, Musik und Filme ausleihen, sondern auch Zeitung lesen, das Internet nutzen und spielen. (Zu den skurrileren Nutzungsmöglichkeiten gehört das Ausleihen von Stromverbrauchsmessgeräten und das Digitalisieren von Dias und Videobändern.) Das Bücherangebot ist schier überwältigend. Fremdsprachige Bücher sind in etwa anteilsmässig je nach Muttersprache der angemeldeten Nutzer vertreten. (Ich werde es vermutlich nicht schaffen, mich durch alle deutschen Bücher zu lesen.) Die meisten davon sind auch nicht irgendwelche uralten Schinken – mir fallen bei jedem Bibliotheksbesuch jeweils mehrere Bücher in die Hände, die in den letzten ein, zwei Jahren publiziert wurden.

Turku mit seinen knapp 180 000 Einwohnern hat 13 Stadtteilbibliotheken und zwei Bücherbusse, die ebenfalls einmal wöchentlich in jedem Stadtteil Halt machen. (Und gut besucht sind!) In unserer Stadtteilbibliothek leihe ich mir immer Zeitschriften aus. Und oft genug bringe ich die in der Hauptbibliothek ausgeliehenen Bücher dahin zurück, wenn es eilig ist und der Weg in die Stadt umständlicher ist. Das geht ohne Probleme – der Rückgabeautomat sortiert die Bücher nach Stammbibliotheken vor, und dann werden sie abgeholt und an ihre angestammten Plätze gebracht.

“Ist das nicht furchtbar teuer?”, fragt der deutsche Tourist. Nöö. Ich bin seit Oktober 2003 hier in der Bibliothek angemeldet und habe noch nie einen Cent bezahlt. Jahresbeiträge gibt es nicht.

“Ich zahl’ gern Steuern!”, sagt der Finne dazu.

12 Kommentare zu “Lesendes Volk

  1. Oh Mann. Finnland, das Lese-Mekka! Oder so. Da könnte man echt neidisch werden…. Unsere Bibliothek ist so klein, dass sich unser großer Sohn bereits durchgelesen hat (ok,er mochte nicht alles, aber trotzdem…). Auch das mit der ausländischen Literatur finde ich Klasse. Und überhaupt. Toll!

  2. Siehste, das sind die Beiträge derentwegen du soooo viele Herzchen bekommen hast. Finnland hautnah sozusagen und so viel mehr als nur der touristische Blick eines Durchreisenden – der ja nicht mehr mitbekommt als den Blick von außen. Haben sie eigentlich auch deutsche Zeitschriften?
    Liebe Grüße von einer die keinen deiner Texte verpasst ;o)

  3. *seufz*
    Ich wünschte, wir hätten so viel Geld. Ich schreibe von der anderen Seite der Theke…

  4. Hier in Joensuu kann man sich seit neuestem auch eine Nähmaschine ausleihen…
    Ansonsten hat unsere 50.000 Einwohner Kleinstadt eine Hauptstelle und drei Aussenstellen in den weiter entfernten Stadtteilen. Find ich gut, für so eine kleine Stadt.

  5. Und schon wieder ein großer Unterschied zu Dubai – hier hätte man im Sommer wegen unerträglichen Temperaturen auch viel Zeit zum Lesen und es gibt wohl auch eine Bibliothek, aber wo genau die ist, weiß keiner und in den Buchläden sehe ich an den Kassen meist auch nur Westler ihre Bücher kaufen….

  6. Das ist Klasse. Hier in LE können wir uns zwar auch nicht über mangelnde Bibliotheken beschweren und man kann die Bücher auch in jeder Filiale abgeben, aber leider sind da viele Bücher schon viel zu alt

  7. Das hört sich nach einem der vielen wundervollen Dinge an, die in Skandinavien einfach besser und klüger gehandhabt werden als in good old Germany!

  8. nur um mal für good old germany eine lanze zu brechen: hier in bremen die bücherei ist auch tippitoppi. gut, man bezahlt 25euro pro jahr. aber damit hat man auch schon das rundumsorglos-paket. noten, musik, spiele, internet, dvds und online-ausleihe von ebooks inklusive. und man kann die ausgeliehenen medien auch in den stadtteilbibliotheken zurückgeben. also auf unsere bib lass ich nix kommen ;-)

  9. Ich war letztens in der Bibliothek in Tampere. Ähnlich wie du schreibst: Alles drin, alles dran. (Und der Vergleich mit der Stadtbibliothek zuhause treibt einem nur die Tränen in die Augen.) Besonders beeindruckt hat mich die seeehr umfangreiche Musikbibliothek — womit nicht nur Noten gemeint sind, sondern vor allem eine gut sortierte CD-Sammlung zum Dort-hören oder zum Ausleihen.

    Kein Wunder, dass die Bibliothek so eine Rolle spielt im finnischen Gesellschaftsleben. In praktisch jeder zweiten Lektion in den Finnisch-Lehrbüchern heißt es denn ja auch „Tavataan kirjastossa!“

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