Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Back to work: Die Kinderbetreuung

7 Kommentare

Hach.

Es scheint, die Mäusekinder haben mit ihrem neuen Kindergarten das grosse Los gezogen. Und wir mit. Das fing damit an, dass ich im Mai einen Anruf bekam, ob ich nicht schon mal für die Vorgespräche vorbeikommen wolle. Man könne das so organisieren, dass wir das gleich für alle drei Kinder bei einem Termin machen könnten, und den kleinen Herrn Maus, den könne ich selbstverständlich mitbringen, den werde man schon irgendwie beschäftigen. Eine Woche vorher, an einem unserer Frei-tage, waren wir schon mal gemeinsam hinspaziert, hatten des Fräulein Maus‘ Vorschulanmeldung abgegeben und dabei, noch ehe der offizielle Brief eintraf, erfahren, dass ab August nicht nur das Fräulein Maus, sondern auch die beiden Jungs dort anfangen würden. Nach siebzehn Monaten auf der Warteliste und fünfzehn Monaten (minus zwei mal zwei Monaten Sommerferien) Fahrerei mit Bus und Auto zwischen neuer Wohnung und altem Kindergarten sowie einer zunehmenden Abneigung gegen den neu organisierten Kindergarten eine riesige Erleichterung. An diesem Frei-tag hatten die Kinder auch schon mal gucken dürfen, wo sie ab nach den Sommerferien ihre Zeit verbringen würden, und mit drei Kindern, die am liebsten gleich zum Spielen geblieben wären, war ich froh wieder nach Hause gezogen. Dann ging ich also zum Vorgespräch, wir erledigten eine Menge Papierkram, sprachen über die Kinder, und der kleine Herr Maus schwelgte in Büchern und Spielzeug, das er von zu Hause nicht kannte. Wir besprachen, wie eine Eingewöhnung aussehen würde (was sehr viel mehr mit einer Eingewöhnung zu tun haben würde als das, was mit den grossen Mäusekindern im alten Kindergarten veranstaltet wurde), dass wir die ersten wären, die ihr Kind mit Stoffwindeln in diesen Kindergarten schicken würden (das war dann im Kindergarten im Studentendorf doch anders…), aber dass das ganz sicher kein Problem sei, wenn ich nur vorher mal eine kleine „Schulung“ abhielte, und dass doch das Fräulein Maus am Nachmittag gleich nochmal vorbeikommen solle, um schon mal seine künftige Vorschullehrerin kennenzulernen, damit sie wisse, was auf sie zukomme (während sich im alten Kindergarten die Kinder oft nach den Sommerferien plötzlich und unangekündigt in einer vollkommen neuen Gruppen mit anderen Betreuern wiederfanden).

Nach einer Woche Eingewöhnung und zwei Wochen „ernsthaftem“ Kindergarten hat sich der gute Eindruck eigentlich nur bestätigt.

Es macht überhaupt nichts, dass der Kindergarten ein bisschen eng ist, weil er vor drei Jahren im rasch wachsenden Stadtteil als Fertigkindergarten auf eine freie Wiese gestellt wurde. Im Gegenteil, es ist wunderbar gemütlich dort und geht so familiär zu, wie man es sich für so eine Einrichtung nur wünschen kann. Es gibt nur drei Gruppen dort, die mittlere und die grosse mit jeweils 21 Kindern, die kleine Gruppe nur mit zwölf (wovon im Moment erst 10 Plätze belegt sind und davon noch mindestens vier Kinder im Urlaub sind, während alle Betreuer schon da sind, also optimale Bedingungen für den kleinen Herrn Maus zum Eingewöhnen herrschen). Es gibt in jeder Gruppe drei Betreuer, so wie es der finnische Betreuungsschlüssel vorsieht, in der Gruppe des Fräulein Maus‘ noch zusätzlich eine „Hilfsbetreuerin“, damit die Vorschüler und die Fünfjährigen, in die diese Gruppe zu bestimmten Aktivitäten aufgeteilt wird, beide jeweils zwei Betreuer haben. Jeder kennt jedes Kind, und es macht gar nichts, wenn ich den kleinen Herrn Maus beim Abholen kurz mit dem grossen Herrn Maus in dessen Gruppenraum spielen lasse, um derweil das Fräulein Maus aus ihrem zu holen.
Leerlauf jeglicher Art – beim Warten aufs Essen oder beim Warten, bis alle auf dem Klo waren – wird fast immer mit Büchergucken überbrückt, auch bei den Kleinsten gibt es dafür in jedem Raum, auch in der Garderobe, eine Bücherkiste. Auch das etwas mir und den Mäusekindern völlig Neues – und neuerdings beobachte ich oft den kleinen und den grossen Herrn Maus dabei, wie sie sich zu Hause ein Buch aus dem Regal nehmen und anschauen. Alleine. Ohne, dass ich sofort vorlesen muss.
Der kleine Herr Maus hat schon seine ersten Kunstwerke produziert, die im Flur ausgestellt sind, und die Ausmalbilder, die der grosse Herr Maus stolz mit nach Hause bringt, zeigen Tiere und Blumen und Häuser – und keinen Disneymist.
Und nicht zuletzt haben wir schon nach einer Woche aus jeder Gruppe ein Willkommensbriefchen mit nach Hause bekommen, mit dem Versprechen weiterer monatlicher Elternbriefe über alles, was im Kindergarten so los war und los sein wird.

Sagte ich übrigens etwas von „In den Kindergarten laufen“? Wir laufen ja gar nicht. Wir fahren Fahrrad. Das Fräulein Maus allein, der grosse Herr Maus allein (der schiebt den allerersten Berg hinunter, weil er sich den noch nicht zutraut, aber dann strampelt er tapfer auf seinem 12-Zoll-Rad die Strasse entlang), und der kleine Herr Maus sitzt hinten bei mir im Fahrradsitz. Auch darauf haben wir siebzehn Monate lang gewartet.

Das Vorschulkind geht ganz in seiner neuen Rolle auf. Vom ersten Tag an wollte sie – statt mit mir und dem kleinen Herrn Maus nach dem Mittagessen wieder heimzugehen – zum Mittagsschlaf bleiben, und jeden Nachmittag wurde ich vorwurfsvoll gefragt, warum ich sie denn jetzt schon abholen würde. Sie hat eine wunderbare Vorschullehrerin, die mir schon nach der ersten Woche berichtete, die Sorgen um des Fräulein Maus‘ Finnischkenntnisse seien völlig unbegründet. Tatsächlich ist sie kein bisschen schüchtern mehr und spricht mit allen und über alles, und sie hat auch keine Scheu mehr, nachzufragen, wenn sie etwas nicht versteht. (Der unmöglichste Kommentar aus dem alten Kindergarten lautete: „Wie soll sie denn finnisch sprechen lernen, wenn sie nicht mit uns spricht?“ Hm, wäre das nicht Aufgabe der Betreuer gewesen, sie zum Sprechen zu motivieren?!) Jeden Dienstag gehen die Vorschulkinder, statt ihr tägliches Vorschulprogramm im eigenen Gruppenraum zu absolvieren, „in die Schule“, die gleich am anderen Ende des Kindergartengebäudes ist, und nach dem ersten Dienstag war das Fräulein Maus gefühlte 10 cm gewachsen. Kommende Woche machen die Vorschulkinder übrigens Schwimmkurs.

Dem grossen Herrn Maus tut der neue Kindergarten ausgesprochen gut. Er, der sich immer so schwer getan hat, wenn er die Gruppe wechseln musste, hat sich innerhalb von ein paar Tagen eingelebt. Schon am zweiten Tag wollte er dort mit Mittagsschlaf machen, und Freunde hat er auch schon gefunden, die allerdings noch keine Namen haben, sondern „Der, der mir das Auto klauen wollte, aber jetzt immer mit mir spielt“ oder „Die, der ich im Sandkasten Kuchen gebacken habe“ heissen. Und früh beim Bringen höre ich immer mal ein freudiges „Der grosse Herr Maus kommt!“ von dem einen oder anderen kleinen Kindergartenkollegen. Am meisten hat ihm aber wohl geholfen, dass er immer, wenn er kommt, sofort anfangen darf, die Holzeisenbahn aufzubauen. Nur das mit dem Mittagsschlaf, das gefällt ihm überhaupt nicht.

Dem kleinen Herrn Maus hat es auch gleich ganz wunderbar gefallen im Kindergarten – so lange ich dabei war. Sein erstes finnisches Wort hat er gleich am ersten Tag der Eingewöhnung gelernt. „Moikka! Moikka!“, begrüsste er fortan alle, die ihm dort über den Weg liefen. Er spielte begeistert mit all den neuen Spielsachen, ass prima und schlief sogar seinen Mittagsschlaf problemlos im Klappbettchen.
Letzten Dienstag, als er das allererste Mal allein dort bleiben musste, gab es viele Tränen. Zum Glück sind die grossen Geschwister gleich nebenan. Abwechselnd kamen sie auf dem Hof an den Zaun, mit dem der Spielplatz für die ganz Kleinen abgeteilt ist, und streichelten und trösteten ihn. Als er nach dem Mittagsschlaf wieder weinte, durfte er im Gruppenraum der Vorschulkinder spielen. Mit der grossen Schwester zusammen. Als ich ihn dann abholen kam, fiel er mir um die Beine, liess sich umziehen und… wollte dann keineswegs nach Hause. „Komm!“, rief er und marschierte zurück Richtung Gruppenraum. Am Mittwoch ging es schon viel besser. Als ich ihn abholte, spielte er gerade „Muh!“ Und „Mäh!“ rufend konzentriert mit den Bauernhoftieren. Und weinte überhaupt nicht. Am Donnerstag hatte er Fieber und war beim Abholen nahezu untröstlich, wie schon den ganzen Tag. Wir läuteten also notgedrungen das Wochenende ein. Die nächste Woche begann nicht besser. Der kleine Herr Maus fing schon beim Anziehen zu Hause „Nein! Nein!“ zu jammern an. Die Tage verbrachte er „Mama komm!“ wimmernd, ausser draussen auf dem Spielplatz, da fühlt er sich wohl. Und eines Vormittags, als ein Spaziergang durch den Wald gemacht wurde, verblüffte er alle, weil er nicht in den Kinderwagen wollte, sondern selber laufen, und zwar den ganzen Weg, und dann fröhlich neben einer der Betreuerinnen hertippelte. (Mich überraschte das gar nicht!) Gegen Ende der Woche schlugen seine Betreuerinnen vor, vielleicht sollten wir es mal mit einem Teddy probieren, den er von zu Hause mitbringen könnte. Ich war auch schon auf den Gedanken gekommen, hatte ihn aber wieder verworfen, weil der kleine Herr Maus nie ein Kuscheltier benutzt. Er schläft ohne Kuscheltier, und er spielt eher mit Puppen als mit Teddys. Trotzdem ging „Bää“ mit ihm am Freitag in den Kindergarten – und als ich nachmittags zum Abholen kam, sassen die beiden gemeinsam, fröhlich in der Gegend herumschauend, in der Schaukel. Das mit dem Teddy war ein voller Erfolg.

Kann ich am Montag wieder beruhigt auf Arbeit gehen, während das Fräulein Maus, der grosse Herr Maus, der kleine Herr Maus und Bää in einen wunderbaren Kindergarten gehen.

7 Kommentare zu “Back to work: Die Kinderbetreuung

  1. Hach. Einfach so schön beschrieben, dass ich grad ein Tränchen zerdrückt habe :-)
    Übrigens hast du es in unser (offline-)Reisetagebuch geschafft, unter der Bezeichnung „eichhörnchenforschende Bloggerin aus Turku“ *g*.

  2. Schön. Das klingt richtig gut bei allen drei Kindern. Und das mit deiner Arbeit und den Eichhörnchen klingt auch gut. Anträge durftest du ja im alten Job auch schon schreiben, wenn ich mich recht erinnere.

    Alles Gute weiterhin!

    • Anträge schreiben ist leider die negative Seite wissenschaftlicher Jobs. Man könnte so viel mehr forschen und publizieren, wenn man sich nicht ständig um seine Finanzierung kümmern müsste…

  3. Ich freue mich für euch, dass ihr nach dieser langen Wartezeit nun endlich ”euren” Kindergarten habt und er auch weiterhin seinen guten Eindruck behält! Der Betreuungsschlüssel ist ein Traum. Und dass man euren Stoffwindeln so offen gegenüber steht – super! (Ging hier gar kein Weg rein.)
    Da du eure frühere Kindergartenanfahrt mit dem Auto erwähnst, hänge ich noch eine Frage dran: lassen sich bei Herrn Picasso drei Kindersitze gut auf dem Rücksitz installieren oder ging das nur mit List und Tücke? Evtl. rüsten wir demnächst das Auto auf und da steht ein großer Herr Picasso gerade ganz oben auf der Liste – dann mit 3mal rückwärstgerichtet.

    Liebe Grüße!

    • Drei Mal rückwärts ging gut – wir hatten die Babyschale hinterm Fahrersitz, den Britax Multitech in der Mitte (das geht beim Picasso, weil er in der Mitte nicht so einen „Huckel“ hat wie normale PKWs, auf dem man den Fuss bei Rückwärtseinbau nicht stellen darf) und den Britax Nordic Secura hinter dem Beifahrersitz (das ergab sich von allein, da der so installiert wird, dass er mit der Lehne gegen den Sitz davor lehnt und der Beifahrersitz im Gegensatz zum Fahrersitz ja nicht verstellt werden muss.)

      Als der kleine Herr Maus aus der Babyschale in den Nordic Secura umziehen sollte, haben wir dem Fräulein Maus einen Britax Evolva gekauft und sie umgedreht – anders wäre es nicht gegangen. Der Evolva kam hinter den Fahrersitz, der Multitech blieb in der Mitte – was ein bisschen nervig war, da man den grossen Herrn Maus immer über den Evolva drüber ins Auto heben musste – der Nordic Secura hinter dem Beifahrersitz.

      Kürzlich hat das Fräulein Maus die 17kg-Marke geknackt, d.h. mit Winterklamotten und -schuhen wird es eng mit dem Fünf-Punkt-Gurt, und wir haben den Evolva jetzt auf Erwachsenengurt umgestellt. Dazu mussten wir aber den Multi-Tech jetzt auch vorwärts drehen, sonst wären wir nicht an das Gurtschloss gekommen. Der mittlere Gurt ist allerdings für den Multitech zu kurz, also fährt der grosse Herr Maus jetzt vorwärts, aber mit Fünf-Punkt-Gurt im Multitech hinter dem Fahrersitz, das Fräulein Maus vorwärts mit Erwachsenengurt im Evolva in der Mitte und der kleine Herr Maus weiterhin rückwärts im Nordic Secura hinterm Beifahrersitz. Um den Gurt vom Fräulein Maus ein- und abklicken zu können, braucht man allerdings ziemlich schmale Hände bei der Konstellation.

      Neulich hatten wir übrigens die Papaoma zu Besuch, da fuhr der grosse Herr Maus hinten im Kofferraum mit dem Multitech (vorwärts), die Papaoma hinter dem Fahrersitz, das Fräulein Maus im Evolva in der Mitte und der kleine Herr Maus im Nordic Secura hinterm Beifahrersitz.

      Wahrscheinlich ist dir jetzt ganz schwindlig… und daran siehst du, dass es durchaus geht, drei Kindersitze hinten im Picasso einzubauen, aber nicht ganz ohne Hin- und Herschieberei. (Und bei anderen Autositz-Marken kann es damit auch schon wieder ganz anders aussehen.)

      • Ein großes Danke für deine Ausführungen :-) Wir fahren zur Zeit einen DuoLogic 2 und einen Multi-Tech und wollten dann – irgendwann – um einen weiteren Multi-Tech aufstocken. Der DuoLogic ist ja mit integrierter Babyschale. Das könnte also insgesamt wirklich eng werden. Aber wir werden mal eine Probefahrt machen und die vorhandenen Sitze einbauen. Dann sieht man ja schon, ob es halbwegs passt.
        Dass die sperrige Mittelkonsole beim Picasso fehlt, ist uns auch schon positiv aufgefallen!

  4. Das klingt wirklich gut! Sowas wünscht man sich doch für seine Kinder.. aööerdings habt ihr auch lange darauf warten müssen. Geratuliere übrigens zur Arbeitsstelle!

    Gruß,
    Symphonee

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