Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Reisekinder (2)

9 Kommentare

Abends routiniert eine Fähre besteigen. Weit nach der üblichen Schlafenszeit schlafen gehen. Weit vor der üblichen Aufstehzeit wieder geweckt werden. Neun (!) Stunden durch Tallinn laufen. Eine Fähre besteigen. Zweieinhalb Stunden im im Sommer aufs Konferenzdeck ausgeweiteten Spielzimmer toben. (Dann aber im Auto sofort einschlafen und erst zwei Stunden später zu Hause wieder aufwachen.)

Echte Reisekinder, aber sowas von!

Ich hatte vor diesem Ausflug diesmal zweierlei Bedenken:

Nachdem ich vor acht Jahren so begeistert von Tallinn war, vor allem davon, dass es eben keine typische Touristenstadt war, bekamen wir drei Jahre später, als wir durchs Baltikum aus der Slowakei zurückkamen und noch ein paar Stunden bis zur Abfahrt unserer Fähre in Tallinn verbrachten, einen ganz anderen Eindruck: die Häuser in der innersten Altstadt waren inzwischen so perfekt renoviert worden, dass sie nahezu steril wirkten, und die Stadt quoll förmlich über von Touristen. Ich hätte mir einen Ausflug in das Tallinn von 2004, noch mitten im Aufbruch, gewünscht, und hatte Angst vor einem Tallinn von 2007, das sich mittlerweile vielleicht gar noch verschlimmert hat. Grundlos. Tallinn hat immer noch viel mehr Charme als Stockholm, finde ich. Immer noch wird, ausser im allerinnersten Zentrum, gebaut, immer noch gibt es kleine, schiefe Häuschen, denen Birken aus den Dachrinnen wachsen, Gassen mit uralten Pflastersteinen und nicht auf Hochglanz polierte Kirchen. Dem grössten Touristenansturm konnten wir entgehen, weil wir schon früh halb neun in der Altstadt unterwegs waren, weil wir mit unseren finnisierten Mägen schon kurz nach elf Mittagessen und gegen drei Kaffeetrinken waren. Vielleicht auch, weil wir an einem Wochentag da waren. Vielleicht auch, weil tatsächlich nicht so viele Touristen da waren. Es war jedenfalls schön. Sehr schön.

Meine anderen Bedenken galten der Tatsache, dass wir mit drei Kindern mit Schlafmangel elf Stunden irgendwie in der Stadt herumbringen mussten. Grundlos. Wir fingen das Zeitherumbringen damit an, dass wir eine gute halbe Stunde der Wiederbeladung unserer Fähre zusahen. Dann liefen wir in die wirklich nahegelegene Altstadt. Wir fanden eine deutsch-estnische Bäckerei, in der uns so vertraute wie fehlende Backwaren wie Streuselschnecken, Spritzringe und Kirschkuchen angeboten werden und wo wir ein zweites Frühstück einnahmen. Wir liefen von einer Gasse zur nächsten, hin und zurück und hoch und wieder runter. Tallinn ist klein, da kann man einfach so planlos herumlaufen. Und die Kinder bestimmen lassen, wohin sie als nächstes wollen. Der grosse Herr Maus war furchtbar enttäuscht, als die grosse Kirche um neun noch verschlossen war. Wir versprachen ihm, nach um zehn wiederzukommen. Und liefen dem nächsten Kirchturm nach. In der orthodoxen Kathedrale, in der gerade eine Messe stattfand, flüsterte der grosse Herr Maus ergriffen: „Ist das nicht schön hier? Die vielen Kerzen! Und alles golden! Und die Musik! Wie Weihnachten!“ Von da an war für den grossen Herrn Maus das Tagesprogramm klar: in alle Kirchen gucken. Wir schauten von oben auf die vielen roten Dächer. Wir kauften den Mäusekindern eine Matroschka mit sechs Kindern im Bauch. Das Fräulein Maus sprang von Mäuerchen und balancierte auf Bordsteinkanten. Der grosse Herr Maus zerrte uns zur nächsten Kirche. Wir assen Soljanka zu Mittag, und für das Kaffeetrinken trug der grosse Herr Maus bescheiden seine Wünsche vor: „Ich möchte einfach nur wohin, wo es Kakao gibt. Und sowas wie Pulla.“ Sollte er haben. Der kleine Herr Maus schlief seinen Mittagsschlaf im Mäusevolvo. Die grossen Kinder trugen wir eine Weile, aber keins schlief dabei ein, und keins meckerte, als es dann wieder selber laufen sollte. Wir liefen durch Gassen und Gässchen und versuchten, den nachmittäglichen Touristenströmen ein bisschen aus dem Weg zu gehen. Ich wollte mir bei den Pulloververkäufern an der Stadtmauer eine Wintermütze kaufen, und natürlich kauften wir dem Fräulein Maus eine Wintermütze. Wir stiegen auf einen hohen, hohen Kirchturm, dessen 268 Stufen der grosse Herr Maus im Vierfüsslergang erkletterte, und versuchten von oben zu entdecken, wo wir schon alles gewesen waren. Wir kamen an keinem einzigen Spielplatz vorbei. Die Mäusekinder fragten kein einziges Mal nach einem Spielplatz. Wir liefen und liefen und guckten und wunderten und freuten uns. Schön war es. Sehr, sehr schön.

9 Kommentare zu “Reisekinder (2)

  1. Toll, das könnte ich mit meinen Kindersch nicht machen – die sind gerade sowas von motzend unterwegs.

  2. Klingt nach einem gelungenen Tag. Macht richtig Freude, Deinen Bericht zu lesen.
    Aber Matrjoschka und Soljanka in Tallinn? Wo die Esten die Russen doch so hassen? Und böse werden, wenn man Russisch spricht? Da siegen die € wohl doch über dem Hass. Nicht dass ich es denen vorwerfe. Ist aber gut zu wissen, bei der nächsten schrägen Diskussion mit einem Esten. :D

    • Wie Erkki weiter unten schon gesagt hat – ein nicht unbeträchtlicher Teil der estnischen Bevölkerung sind Russen. Das sind die, die in die orthodoxen Kirchen gehen, Matroschkas verkaufen und Pullover stricken. Und russisch sprechen. (Hat also nichts mit Geldmachen zu tun.)

      Der estnische Teil der Bevölkerung ist meiner Erfahrung nach tatsächlich bis heute nicht gut auf die Russen zu sprechen. Selbst unter Leuten meines Alters – wir waren mal mit unserer Graduate School auf einem gemeinsamen Workshop mit estnischen Doktoranden – hat man sofort das Gefühl, in ein Fettnäpfchen getreten zu sein, wenn man auch nur ein Wort, dass den Bestandteil russ- enthält, in den Mund genommen hat…

      • Ich weiß, ich weiß. Ich kenne Esten und viele Russen. In Estland selber war ich noch nicht, nur Litauen und Lettland, wo es auch viele Russen gibt. Das ist in allen ehemaligen Sowjetrepubliken so. Nur eben, so wie die Esten hier reden, wundert es mich, dass die Russen in Estland Matrjoschkas überhaupt verkaufen dürfen :D

  3. Na sowas, da lese ich innerhalb von drei Tagen schon das zweite Mal von Tallinn und wie toll es da ist (das andere Mal drüben im norwegensommer-Blog). Müssen wir wohl auch mal hin. Ist allerdings ein büschen weit für uns – Reisekind hin oder her…

    • Und stell dir vor – hinterher stellte sich heraus, dass wir genau am gleichen Tag da waren! Wir sind uns aber nicht über den Weg gelaufen… ;-)

      (Das Reisekind wird ja grösser… :-) )

  4. Besuchen Sie Estland und lassen Sie sich vom Charme der kleinen Gassen und Sehenswürdigkeiten in Tallinn verzaubern , genießen Sie Pärnu mit einem der schönsten Strände..entdecken Sie die Vielfalt eines modernen jungen Landes..
    Zusammen mit Turku war Tallinn 2011 Kulturhauptstadt Europas, ich selbst habe an dem Projekt mitgewirkt und Leute aus Australien , USA und ganz Europa getroffen ,die fasziniert waren.
    Inch: Überall in Estland werden Sie russich hören und russische Traditionen spüren können ,..übrigens von 1,3 Mio. Esten kommen ca. 380000 aus Russland und von den restlichen würden Ihnen vl. 500 Leute sagen wir hassen Russland , vl sagen auch 500 Leute in der Schweiz wir hassen Deutsche..

  5. Mit dem großen Herrn Maus würde ich auch mal auf Besichtigungstour gehen; die Begeisterung für Kirchen hält sich in der Familie leider in Grenzen…

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