Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Rabenelterntest

11 Kommentare

Heute wollte ich den Aufstand proben.

Hat mir doch die Vertretungs-Neuvolatante beim letzten Mal so einen Fragebogen in die Hand gedrückt, den ich bitte zur Anderthalbjahresvorsorgeuntersuchung des kleinen Herrn Maus ausgefüllt wieder mitbringen soll.

Ganz davon abgesehen, dass die grossen Geschwister ganz ohne diesen Fragebogen gross geworden ausgekommen sind, dachte ich schon bei einem ersten flüchtigen Blick auf die Fragen: „Vergesst es!“

Ob das Kind einen geregelten Tagesablauf hätte. Wie wir unseren Alltag organisieren. Ob wir Eltern uns die Hausarbeit teilen. Ob es Regeln gäbe in unserer Familie. Und natürlich die unvermeidliche Frage nach dem Alkoholkonsum, die ich schon ungefähr drölfzig Mal beantwortet habe, seit mich das finnische Gesundheitssystem geschluckt hat.

Solche bescheuerten Fragen aus dem Lehrbuch für gute Eltern beantworte ich nicht. Und wie ich der Ärztin und der Neuvolatante den nicht ausgefüllten Zettel begründen würde, das musste ich mir auch nicht lange überlegen.

Ob sie denn wirklich glauben würden, dass man mit diesen plumpen Fragen irgendwelche Missstände aufdecken könne? Ob sie nicht auch denken würden, dass jemand, der wirklich ein Alkoholproblem hat, nicht glattweg lügen würde bei dieser Frage? Ob man so einem finnischen Kind, das im ersten halben Jahr jeden Monat, bis zum ersten Geburtstag alle zwei Monate, bis zum dritten Geburtstag alle halben Jahre und danach bis zum Schulanfang jedes Jahr zur Vorsorgeuntersuchung geht, denn wirklich nicht anmerkt, ob es ihm zu Hause gut oder schlecht geht? Und ausserdem und überhaupt kostet mich so ein Fragebogen als Nicht-Muttersprachler erhebliche Zeit. Zeit, die ich lieber mit meinen Kindern verbringe.

Oh ja, das hätte ich ihnen alles gesagt. Und dass wir gern darüber diskutieren können. Und auch über die Fragen reden. Aber dass ich diesen blöden Zettel nicht ausfülle.

Und dann wurde ich nicht mal nach dem Zettel gefragt. Der kleine Herr Maus sollte ein Türmchen aus Bauklötzchen bauen, wurde vermessen, abgehört und gehörtestet, ich bekam nicht mal eine Rüge, weil das Kind 1,5%-ige Milch zu trinken bekommt statt fettfreier, und mit einem „Wunderbar. Der kleine Herr Maus entwickelt sich prächtig!“ wieder entlassen.

Na bitte. Sag ich doch. So eine erfahrene Neuvolatante wird sich ja wohl auch ohne Fragebögen ein Bild machen können.

Aufstand im Keim erstickt. Gut so.

11 Kommentare zu “Rabenelterntest

  1. Ha, so Fragebögen kenne ich aus den USA, als ich die Pille haben wollte. Unieigenes Ärzte-Zentrum und „ganz raffinierte“ Fangfragen … und eben ähnliche Aufstand-Gedanken meinerseits

  2. ha! ich hab ein paar wochen nach der geburt in der barnavardscentralen nen fragebogen bekommen, der mich nach depressionen fragte. aber so ganz unauffällig. frag mich auch, was das soll. wenns so konkrete fragen sind, dann kann man die erstens direkt stellen und zweitens merkt man doch sicher, ob es einem gut geht oder man total überfordert/selbstmordgefährdet ist. sehr lächerlich, das ganze. frag mich auch, was pasiert wäre, wenn ich einige fragen mit „jo, mir gehts total übel“ beantwortet hätte…

    • Ha, diesen Fragenbogen habe ich auch schon zwei Mal ausgefüllt, aber nur bei den ersten beiden Kindern. (Beim dritten ist man dann wohl nicht mehr gefährdet?)

      Hm, vielleicht gibt’s die Fragebögen ja auch, weil die Leute nicht gern über sowas sprechen und das Ankreuzen einfacher ist… aber wenn sich da ein Problem herausstellt, dann muss man ja dann auch drüber reden…

      Und ich glaube schon, dass man bei Problemen irgendwohin weiterverwiesen würde, wo einem vielleicht geholfen werden kann. Aber das ändert ja trotzdem nichts dran, dass diese sofort durchschaubaren Fragen einfach nur doof sind.

  3. Ich glaube, dass es so einen Zettel nur gibt, damit man mal bewusst darüber nachdenkt :) Oh, ich hätte den gern ausgefüllt *umfragenlieb* *lach* Aber ansonsten bin ich genau Deiner Meinung… Wir haben übrigens letztes Jahr ganz super Unterstützung von deren „weiterreichenden Services“ bekommen, weil ich mich getraut habe zu sagen, dass bei uns eben nicht alles super ist und ich am Zusammenbrechen war… Die vorherige Tante hatte immer nur „jaja, das wird schon“ gelabert. Zum Glück ist es jetzt mit dem Schlafen viel besser, war also nur eine Phase :)

    • Wenn du Umfragen liebst, dann bist du doch genau im richtigen Land! :-) Ich werde jedenfalls ständig „zufällig ausgewählt“ für irgendwelche Studien und fülle Fragebögen aus, seit ich in Finnland wohne.

      Und ja, es gibt halt fähige und weniger fähige Neuvolatanten… Der Standardratschlag unserer ist auch immer „Da muss man erst mal ein bisschen abwarten…!“ Sehr toll! :-/ (Wobei das wesentlich besser geworden ist, seit wir auf Finnisch miteinander kommunizieren.)

  4. Na das fehlte hier in Deutschland noch! Reicht schon das man permanent darauf schriftlich darauf hingewiesen wird das die nächste U ansteht und die sind mittlerweile Pflicht in Deutschland (sonst wird das Jugendamt eingeschaltet). Soll se kommen, ich würde se glatt auf Kita und Schule verweisen. Denn die haben einen viel besseren Einblick. (will gar nicht wissen was die Kinder alles erzählen…..)
    Aber die Frage nach dem alkoholkonsum ist gut :-)
    Wie die Frage „Brauchen sie ne Brille“ beim Führerschein – ich bräuchte eine, habe es aber natürlich mit nein beantwortet. Soviel zu diesen Fragebögen.

    • Ich finde es ja in Ordnung, dass man über solche Fragen spricht. Aber als Fragebogen, der dann auch noch für immer und ewig bis das Kind sechs wird abgeheftet wird, das ist mir zu… totalitär.

      (Die Jugendämter haben’s ja auch nicht leicht. Wenn dann doch mal ein Kind in den Brunnen gefallen ist, dann heisst es, warum hat denn das Jugendamt nicht eher reagiert…)

      • Oh übers Jugendamt, da könnten dir Lehrer Geschichten erzählen…..
        Ich fühle mich immer etwas überwacht. Ich denke Kinder die in stattlicher Betreuung sind, sind gut „überwacht“. Die schlimmen Fälle decken sie mit diesen Us auch nicht rechtzeitig auf.
        Wie ist denn euer Alkoholkonsum ;-) Ach und Drogen? :-)

  5. Genauso konstruktiv wie der von Firmenkrankenschwestern regelmässig beim Gesundheitscheck durchgeführter http://www.paihdelinkki.fi/testit, den man wahrheitsgemäss zu beantworten hat – während man einen bedrohlichen Atem im Nacken spürt. Für Finnen heisst es „Sie wollen nur helfen“. Gerade die, die Hilfe brauchen, geben es unwahrscheinlich zu.

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