Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Sisyphos

18 Kommentare

So ein Tag mit den Kindern zu Hause:

Ich räume den Frühstückstisch ab.

Aus dem Kinderzimmer kommt eine kleine Karawane: das Mäusemädchen schiebt den Puppen-Stubenwagen vor sich her, an dem eine vollgestopfte Wickeltasche hängt, das Mäuseknäbchen folgt ihr, den Kinderrollkoffer hinter sich herziehend. Beide haben ihre Rucksäcke auf. (Sämtliche Gepäckstücke selbstverständlich liebevoll beladen.) „Wir verreisen! Wir fahren nach Deutschland!“ erklären sie mir im Chor. „Gute Reise!“, rufe ich ihnen hinterher und winke. Die Karawane verschwindet im Bad.

Ich räume den Geschirrspüler ein.

„Mama, dürfen wir uns in echt auszieh’n?“, kommt das Mäuseknäbchen fragen. „Warum wollt ihr euch denn ausziehen?“, frage ich zurück. „Wir fahren doch mit dem Schiff! Wir gehen doch in den Whirlpool!“, ruft das Mäusemädchen aus dem Bad. „Ach so, na dann… aber bleibt im Bad, wo es warm ist!“ „Ja, juhuu, wir dürfen uns ausziehen, hat Mama gesagt!“, rennt das Mäuseknäbchen zurück ins Bad.

Während ich die Waschmaschine belade, lunse ich heimlich durch den Türspalt. Neben der Saunatür ist der Stubenwagen abgestellt, der Rollkoffer ist unter einem Berg Klamotten begraben. Das Mäusemädchen sitzt in Unterhemd und Unterhose („Das ist mein Badeanzug!“), das Mäuseknäbchen in Unterhose „(Das ist meine Badehose!“) auf dem Badteppich. Auch die Puppen wurden umgezogen. Der Inhalt der Wickeltasche ist grosszügig auf dem Badfussboden verstreut.

Ich rühre Eierkuchenteig an.

Zwei halbnackte Kinder rennen an mir vorbei ins Kinderzimmer. „Ihr sollt doch im Bad bleiben!“, rufe ich hinterher. „Nein, wir sind doch jetzt schon da!“, bekomme ich zur Antwort. „Na dann aber schnell anziehen!“, befehle ich. Dem Mäuseknäbchen muss ich helfen. Das Mäusemädchen hält mir ihren Pullover hin und macht ein betretenes Gesicht: „Der ist ganz nass.“ „Ah ja. Na, dann musst du einen neuen anziehen.“ Ich reiche einen Pullover aus dem Schrank und hänge den mit den nassen Ärmeln auf.

Auf dem Sofa finde ich einen roten Volvo.

Das Mäusemädchen sitzt in einem Haufen Puppenklamotten und kleidet ihre Iida um. Das Mäuseknäbchen kommt mit der Knetekiste und der Kneteunterlage in die Küche und verkündet: „Ich will kneten, Mama!“ Er patscht bunte Flecken Knete auf dem Rand der Kneteunterlage fest. „Ich hab‘ ein Klavier gebaut, Mama!“, kräht er und spielt mir was vor.

Ich brate Eierkuchen. „Räumst du bitte schon mal deine Knete weg, damit ich den Tisch decken kann?“ „Hm-hm.“, sagt das Mäuseknäbchen. Ich muss ihm allerdings helfen, die Knetestückchen von der Unterlage zu kratzen, das schafft er noch nicht. „Mäusemädchen, räumst du bitte mal die Sachen aus dem Bad?“, bitte ich. „Ja, gleich. Ich muss erst noch der Iida eine frische Windel ranmachen!“ Ich sammle schon mal die Rucksäcke und Puppensachen in den Puppen-Stubenwagen. Das Mäusemädchen fährt ihn dann ins Kinderzimmer.

Wir essen. Das Mäuseknäbchen macht Mittagsschlaf. Ich räume den Tisch ab.

Das Mäusemädchen führt das Schaukelpferd am Zügel durch die Wohnung. „Mama, mein Pferd hat Hunger.“ „Na dann gib ihm ein bisschen Heu!“ „Ja, aber, da brauche ich eine Schüssel! Gibst du mir eine Schüssel?“ Ich greife nach der kleinsten Rührschüssel, nein, die sei zu klein, also die mittlere. „Danke.“ Pferd und Mäusemädchen ab.

Das Mäuseknäbchen ist erwacht, wir gehen raus. Mit gefühlten sechsundzwanzig Schichten Klamotten für jeden. Als der Minimäuserich aufwacht, gehen wir wieder rein. Ich werfe schnell meine Klamotten von mir, schäle den Minimäuserich aus den seinen und helfe dem Mäuseknäbchen und dem Mäusemädchen mit einer Hand beim Ausziehen. Dann muss ich den Minimäuserich erstmal stillen. Nachdem er auch eine neue Windel bekommen hat, nehme ich mich des Haufens im Flur an: ein Anorak, eine Schneehose, drei Schneeanzüge, drei Paar Winterschuhe, vier Paar Wollsocken, drei Wolloveralls, vier Paar Handschuhe und vier Mützen räume ich an ihre angestammten Plätze.

Zum Dank bekomme ich Kaffee und Kuchen serviert. Das Mäusemädchen verteilt liebevoll Puppentassen und –teller auf dem Sofatisch, das Mäuseknäbchen schenkt Kaffee ein und bringt das Milchkännchen. Dann möchte er lieber ein bisschen kochen. „Darf ich einen von Papas Töpfen haben?“ „Na, meinetwegen.“ Das Mäuseknäbchen bedient sich aus dem Topfschrank in der Küche.

Ich räume den Geschirrspüler aus.

Das Mäusemädchen sortiert die Kochutensilien in der Kinderküche. Das Mäuseknäbchen zerrt die Kiste mit den bunten Bauklötzchen ins Wohnzimmer und fängt an, farblich sortierte Süppchen zu kochen. Ich räume den Kaffeetisch ab. Mein Blick fällt auf die Futterraufe des Schaukelpferdes: in Maulhöhe ist eine Schublade der Spielzeugkommode aufgezogen, darauf steht die Rührschüssel, in die das Pferd sein Maul steckt. Die Schüssel ist leer. Ich beschliesse, dass das Pferd satt ist und nehme die Schüssel mit zurück in die Küche.

Ich hefte einen Kontoauszug ab. Als ich den Ordner aus dem Regal ziehe, fallen mir zwei Kochlöffel entgegen, die schon lange vermisst wurden.

„Mama, liest du mir das Buch vor?“, fragt das Mäusemädchen. „Ich will auch!“, fordert das Mäuseknäbchen und klettert aufs Sofa. Zwischen Kochtöpfen und Bauklötzchen lese ich „Wir haben keinen Löwen“ vor. „Jetzt will ICH eins aussuchen!“, fordert das Mäuseknäbchen und rennt los ins Kinderzimmer. „Aber nimm das hier bitte erst mit!“, rufe ich ihm hinterher. Zu spät. Er ist schon verschwunden. „Ich will auch noch eins aussuchen!“, sagt das Mäusemädchen und rennt hinterher. Beide kommen mit einem Stapel Bücher wieder. Ich lese alle vor. „So, nun aber aufräumen!“ Das Mäuseknäbchen entdeckt seine Kochtöpfe wieder. Das Mäusemädchen räumt zwei Bücher weg. „Der kleine Angsthase“ versteckt sich hinterm Sofakissen.

Das Mäusemädchen will Memory spielen. „Das ist mein Lieblingsspiel!“, verkündet sie. Ich kann nicht mitspielen, ich muss ja Bücher wegräumen. „Juhuu, ich hab‘ gewonnen!“, ruft sie jedes Mal, wenn sie zwei gleiche Bilder aufgedeckt hat. Ich gratuliere, während ich schon mal ein paar winzige Strampler, Kleidchen, Windeln und ein Milchfläschchen zurück in die Puppenkiste stopfe.

Das Mäuseknäbchen hat sich einen Kochlöffel zurückerobert und mit einer Wäscheklammer verziert. „Guck mal, ein Propeller!“, kräht er. „Ich hol‘ mal noch mehr Klammern!“, rennt er los.

Der Minimäuserich ist inzwischen müde und unleidlich. Ich schnüre ihn mir im Tuch vor die Brust und fange an, den Abendbrottisch zu decken. Ich lese vier Klammern auf, die offensichtlich beim Flugzeugbau übriggeblieben sind.

Aus dem Kinderzimmer kommt eine kleine bepackte Abordnung: Rucksäcke, Rollkoffer, Puppe im Tragetuch („Bindest du mir bitte mal die Iida um?“) und verschwindet im Schlafzimmer. „Was macht ihr denn jetzt? Es gibt gleich Abendbrot. Nichts mehr rausräumen jetzt!“, bestimme ich. „Aber wir fahr’n ’lektrozug! Nach Lappland!“, ruft das Mäuseknäbchen zurück. „Nur kurz!“, setzt das Mäusemädchen hinzu. Ich seufze. Und resigniere. Und würde jetzt gern einfach ein bisschen die Beine hochlegen. Wenn der Minimäuserich mich denn liesse.

Dann kommt der Ähämann nach Hause. Und sagt: „Hätt’st ja schon mal bissel aufräumen können!“

18 Kommentare zu “Sisyphos

  1. Hach! Großartig!

    Ich kanns mir bildlich vorstellen!

  2. Sag ihm:
    Das ist keine Unordnung, das ist Kinderglück :-)

  3. ich ziehe in tiefer ehrfurcht meinen hut!

      • das ist kein quatsch. ich habe nur EIN kleines kind. wie das mit drei kleinen quirls wäre, sprengt meine vorstellungskraft. das ist unbezahlbare schwerstarbeit. physisch und psychisch.

        • Als ich EIN Kind hatte, fand ich das auch alles sehr, sehr anstrengend.

          Jetzt, mit dreien, ist es hauptsächlich… anders. Aber nicht so viel anstrengender, wie man meinen möchte. Man muss mehr organisieren und für alles mehr Zeit einplanen, und natürlich fällt mehr Wäsche an und gibt es mehr Unordnung. Aber es ist z.B. eine unheimliche Erleichterung, dass die beiden Grossen so viel zusammen spielen und sich auch mal gegenseitig helfen, wenn ich gerade so gar keine Hand frei habe.

  4. Das kommt mir soooo bekannt vor! :)

  5. Ich lese schon laaaaange Zeit still bei dir mit. Ich mag deine Beiträge so sehr, sie sind immer so voller Liebe und ganz viel Herz! Ganz, ganz wunderbar, da geht mir das Herz auf! Und diesen Beitrag finde ich ganz besonders schön!
    Ich wünschte, ich könnte das auch so erleben…
    Ganz liebe Grüße!

    • Ich wünsche dir das auch! Sehr! Menschen wie dir gegenüber komme ich mir immer sehr unverdient beschenkt vor…

      • Aber nein!!! Solche Gedanken solltest du dir nicht machen!!! Ich glaube, so wie ich dich anhand deiner Beiträge einschätze, dass du dir auf jeden Fall bewusst bist, welch Glück du mit deinen Kindern hast und dass deine Kinder eine ganz, ganz tolle Mama haben!!! Und das ist auf keinen Fall unverdient beschenkt!!!!
        Ganz liebe Grüße aus Ö!

  6. Hihi, mußte grad sehr grinsen, das hätte so ähnlich auch hier stattfinden können (ohne Puppe und Windeln und Pferd, dafür jede Menge Traktoren, Feuerwehrautos und neuerdings auch Linienbussen….)! Und wenn dann bald noch der Minimäuserich Sachen durch die Wohnung transferiert, wird noch mal ein Stück interessanter….so suchte ich heute vor dem Mittagessen das Besteck des Jüngsten; die großen Jungs fanden es heute abend in der Bügelperlen-Kiste…da wär ich nie drauf gekommen!!
    Viele Grüße von Frau Q von der abtauenden Alb (hier soll es am Wochenende PLUS 12°C geben…).

    • Mit Dingen, die verlorengegangen und später an den unmöglichsten Orten wieder aufgetaucht sind (oder immer noch nicht…) könnte ich einen eigenen, langen Eintrag füllen… *seufz*

      • Ist ja irgendwie beruhigend, daß nicht nur mir so Sachen passieren…. ich zweifelte gestern jedenfalls an meinem Verstand!
        Und noch sagt die Temperatur-Anzeige bei Ihnen hier noch 0°C…. hier auf der Alb taut es, Dachlawinen rauschen überall hinunter und heute abend kann man dann wieder auf dem Hof Schlittschuhlaufen….
        Grüße nach Finnland!

  7. Danke, das war genau was ich jetzt brauchte. :-) Ich grinse immer noch!

  8. Ich hab immer gedacht, wenn ich mal gescheit beschreiben könnte, was hier den ganzen Tag los ist, dann würde auch niemand mehr denken, wir würden niemals aufräumen… VIELEN DANK!

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