Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Winter (II)

14 Kommentare

Immer, wenn ich im Winter mit dem Auto beim Abbiegen ein bisschen rutsche, muss ich an die Lieblingstechniker denken. Und an „mein“ erstes Auto.

Hier liegen fünf Monate im Jahr Schnee. Der Winterdienst funktioniert hervorragend. Die Strassen werden nur geräumt, selten gestreut, nie gesalzt. Wenn sie zu schlimm vereist sind, kommt so ein fahrbahnbreites Ungetüm, das die Spurrillen unter viel Getöse abschleift und eine mächtige Eiswolke erzeugt. Alle Autos haben Spikereifen.

Als ich das erste Mal nach Finnland kam, hatte ich noch nicht sehr viel Autofahrerfahrung. Ich hatte kein eigenes Auto, und auch keinen besonders grossen Spass am Autofahren. Ich fuhr halt, wenn mich jemand netterweise dazu zwang, um nicht ganz aus der Übung zu kommen. Sonst nicht.

Und nun war ich plötzlich gezwungen, mit einem der alten Stationsladas tagtäglich über verschneite und vereiste Strassen zu meinen Mäusegehegen zu fahren. Den roten hatte ich am liebsten. Der hatte immerhin halbwegs gut funktionierende Bremsen. Dafür sprang der blaue besser an. Beide brachen unheimlich schnell hinten aus, wenn man zu schnell um die Kurve fuhr oder zu plötzlich bremste. Anfahren musste man seeehr gefühlvoll. Den ersten Gang habe ich den ganzen Winter über nicht benutzt.

Am Anfang sass ich mit schwitzigen Händen und klopfendem Herz hinterm Lenkrad, fuhr sehr vorsichtig und konzentriert und hoffte, dass ich nicht zu schlimm rutschen würde, dass ich mich auf der kleinen Parkfläche vor den Gehegen nicht festfahren würde, sollte Kulta Naapuri noch nicht geräumt haben, und hoffte inständig, dass der Rote hinterher auch wieder anspringen würde. Handys waren damals in Finnland schon gang und gäbe, nur ich hatte noch keins.

Allmählich wurde ich sicherer. Geht doch, dachte ich. Und fuhr jeden Tag ein bisschen entspannter die 11 km zu meinen Gehegen und zurück.

Manchmal fuhren die Techniker mit, um mir in den Gehegen zu helfen und mir Gesellschaft zu leisten. Dann wurde ich chauffiert. Und wie! Sie behaupten alle bis heute, Winter sei schrecklich. Sie beim Fahren zu beobachten straft diese Behauptung Lügen. Vollkommen. Fahren macht offensichtlich erst dann richtig Spass, wenn man um jede Kurve rutschen und mit Hilfe der Handbremse wenden kann. Ich lernte, was man alles gefahrlos mit so einem Auto auf vereisten Strassen anstellen kann. Ich begann, auch Spass daran zu haben, jedes Mal beim Abbiegen das letzte Stück zu rutschen. Ich bekam ein Gefühl für „Rad auf vereister Strasse“, das mich keine Fahrschule hätte lehren können, und das mir sogar half, als ich hier in Turku zum ersten Mal im Schnee Fahrrad fuhr.

Ein einziges Mal habe ich den blauen Lada im Schnee festgefahren. Zum Glück nicht bei meinen Mäusegehegen, sondern hinter der Sägemühle. Von dort konnte ich den einen Kilomter locker zur Forschungsstation zurücklaufen und war noch pünktlich zum Mittagessen. Die Techniker schwangen sich grinsend in den heiligen Stationstoyota und holten den Blauen zurück.

Und wenn’s dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis tanzen. Oder so. Eines Samstags fuhr ich mit dem Roten auf den nächsten See. Weil da ein Motorradrennen stattfand. Auch auf dem See. Zugeschaut wurde aus den rund um die Rennstrecke geparkten Autos. Toll war das!

Ich war fast ein bisschen traurig, als die Märzsonne die Strassen plötzlich schneefrei und trocken machte.

14 Kommentare zu “Winter (II)

  1. Hier gibt es scheinbar nur Salz zum Strassen beräumen und das ist sooooo sinnlos.
    Unser Familienvan steht nun schon seit 3 oder vier Wochen, eingeschneit und springt vermutlich auch nicht mehr an. Ich habe so überhaupt gar keine Wintererfahrung und bin auch nicht sonderlich scharf drauf welche zu sammeln. Unser Stilo ist definitiv kein Winterauto, er rutscht schnell und liegt sehr tief und anderthalb Tonnen Auto schiebt man eben nicht einfach weg und so laufen wir jetzt viel, das Wetter ist herrlich dafür.

  2. Wenn ich mir überlege was da hier in manchen Landesteilen für ein Irrsinn los ist. Bei 5 cm fahren keine Busse mehr und alle drehen durch :).

    Finnland ist doch aber auch ein recht flaches Land oder? Das macht es leichter.

  3. Und hier fällt die Schule aus, wenn man Schneeregen vorhersagt, den es dann nachher gar nicht gibt. Auch lachhaft. ;-)

  4. Ach, ich werde schonwieder ganz wehmütig. Und ich liebe dieses Foto, schon immer.

  5. Neid. Ich wünschte, ich hätte die Erfahrung mit „Rutschbremssteuern“ ;-) . Seit 1 Woche bin ich nicht mehr mit dem Auto gefahren, gestern morgen dafür zu Fuss bergab zum Bus gerutscht. Immerhin fuhr hinter mir der Salz-Wagen (bei absolutem Glatteis auf der Strasse finde ich das auch sinnvoll).

  6. Bei Lyon haben sie dieser Tage ein Fahrverbot für LKW über 7,5t verhängt in Erwartung starker Schneefälle. 12 Stunden später fiel immer noch nur Regen, dafür war die Stimmung der Fahrer aber jenseits der -100°C…

    Ich hatte mal einen L300, der war heckgetrieben und im Winter absolut unmöglich. Einmal hat mich der talwärts fahrende Verkehr zum Halten gezwungen, weil sie einfach am haltenden LKW vorbeifuhren und meine Spur benützten, und ich habe ihn im DRITTEN wieder anfahren müssen… das ist das einzige Auto, mit dem ich jemals Schneeketten hatte.
    Der Wartburg war dagegen unerschütterlich.
    Übel nur mein letztjähriger C3 mit Sommerbereifung, damit wäre ich fast in mein eigenes – winterbereiftes – Auto gerutscht! Aber jetzt hat mir die Kirche ein neues Dienstgefährt vor die Tür gestellt, es heißt auch C3, hat aber Winterstiefel an. Und ich behaupte, ich fahre damit sicherer als mancher Einheimische. :D Weil ich’s KANN, so wie du.

  7. Spikereifen hört sich gut an! Ist das so ähnlich wie Schneeketten?? Hätte ich zur Zeit manchmal gerne hier oben….aber am Montag bin ich einfach so den Berg runter gerutscht, trotz liegengebliebener LKWs auf der anderen Spur und Schneekettenpflicht, wie mir mein großes Kind am Nachmittag berichtete (sein Schulbusfahrer hört auf der Fahrt immer Radio, und das Kind hat wohl die Verkehrsnachrichten aufmerksam gehört…). Am schlimmsten finde ich es, auf so matschigen Straßen zu Fahren… aber im Mai ist ja auch hier der Winter wieder vorbei ;)
    Viele Grüße in die Kälte, hier hat es momentan Plus-Grade!

    • Naja, halt Reifen mit so eingeschossenen kleinen Metallspitzen dran. Ein bisschen komfortabler als Schneeketten, und schneller darf man damit auch fahren.

      (Ich hab‘ sogar fürs Fahrrad Spikereifen – aber seit ich Kinder habe fahre ich im Winter nicht mehr Rad, leider.)

      Und ja, Matsch ist saublöd, aber den gibt’s hier so gut wie nie. Eben weil NICHT gesalzt wird. Und selbst wenn der erste Schnee fällt, ist der Boden hier schon immer so gefroren, dass der sofort liegenbleibt und auch kein bisschen matscht.

      • Ich erinnere mich noch gut an die Aufkleber auf französischen Autos, eine 90 mit einem Zackenkranz drumherum – weil man mit Spikesreifen hier nur maximal 90 fahren durfte. Mittlerweile sind die Dinger leider verboten.
        Richtig schön mit Spikes geht’s ab beim Eisspeedway…

      • Matsch gibts bei euch vielleicht auch deshalb nicht, weils bei nicht ständig zwischendurch taut. Die Straße bei uns vorm Haus wird weder geräumt noch gestreut, das war in den letzten Tagen die mit Abstand am Bescheidensten zu fahrende Straße auf meinem Arbeitsweg, weil der wunderbare Schnee sich bei den leichten Plusgraden in fiesen Matsch verwandelt hat. :(

  8. Klar funktioniert es besser, ist ja schliesslich ein nordisches Land. Man würde allerdings hier auch nicht erwarten, dass sie jederzeit eine breite Palette Palmendüngemittel parat haben. Von wegen aber, alles funktioniert „prima“: ich wünsche niemanden die tägliche Berufsverkehrsreise Porvoo-Espoo. Dauerte derzeit jeden Morgen bis 2 Stunden, jeden Abend 1,5 – 2 Stunden, einige male sogar länger. Es geht GAR NICHTS auf dem Ring I. Obwohl es gehen müsste.

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