Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Eigentlich

9 Kommentare

Eigentlich hatte ich ja die Schnauze voll von Wissenschaft und Uni und so. Eigentlich wollte ich ja zur Abwechslung gern mal was „Richtiges“ machen. Deswegen bin ich ja im Moment eigentlich auch arbeitslos. Das heisst, eigentlich mache ich ja einen Kurs. Also, eigentlich mache ich ja gerade am Biologischen Museum ein Praktikum, das zu diesem Kurs gehört.

„Was hast du dir denn so vorgestellt?“, fragt mich Pekka, als ich zum Vorstellungsgespräch ins Museum komme, und redet gleich weiter: „Ich dachte ja, du könntest irgendein selbstständiges Forschungsprojekt machen, irgendwas im Stadtgebiet, was dir einfällt.“ Mir fallen spontan die finnischen Igel ein, die bei Gefahr wegrennen, statt sich einzurollen. Oder die Flughörnchen, die es hier überall gibt. Oder diese überall hinscheissenden Hunde. „Frag doch mal den Timo aus der Uni, der hat ständig irgendwelche Projekte am laufen, der weiss bestimmt was für dich.“

Den Timo? Den frag ich gern! (Eigentlich wollte ich den schon seit ungefähr einem Jahr fragen, ob ich nicht mit ihm irgendwas planen könnte. Der macht eher so angewandte Sachen. Und der ist um Welten netter als mein etwas… äh… schwieriger Doktorvater. Aber irgendwie ist es ja auch ein bisschen komisch zu sagen: „Also der Erkki und ich, wir wollen beide auf keinen Fall mehr miteinander arbeiten. Aber kann ich vielleicht mit dir…?“ Deswegen hab‘ ich’s immer vor mir hergeschoben und dann doch nicht gefragt.)

Pekka fiel inzwischen auch noch was ein: „Weisst du, was du machen könntest? Du könntest die Kreuzottern im Stadtgebiet erforschen! Da weiss überhaupt niemand was drüber bisher, und wir könnten Leute befragen, und Schlangen kann man prima mit Mikrochips markieren und…“, schreibt er mir am nächsten Tag eine begeisterte email. Meine Begeisterung indes hält sich… in Grenzen. Kreuzottern?! Ich?! Mit meiner Schlangenphobie?! Also interessant ist das bestimmt, aber…

Von Timo kommt auch eine mail: „Kaarina und ich haben uns gerade ein Projekt ausgedacht mit Füchsen in der Stadt. Da kannst du auf jeden Fall mithelfen. Wir schreiben auch gerade einen Forschungsantrag, und wir haben gedacht, wir benennen dich als Postdoc für das Projekt. Wenn du willst. Lass uns doch mal in den nächsten Tagen darüber reden.“ Das klingt toll! (Obwohl ich ja eigentlich nie wieder Wissenschaft und Uni und so…)

Wir treffen uns zwei Tage später, und bei diesem Treffen erfahre ich als erstes, dass der Antrag bis letzten Freitag eingereicht sein muss, also in acht Tagen. „Wärest du bereit, den Antrag zu schreiben?“, ist gleich die nächste Frage an mich. Zum Glück muss ich nicht ganz bei Null anfangen. Zum Glück bin ich nur die, die alles koordinieren muss, die, die als einzige in der Lage ist, Excel-Tabellen in Word-Dokumente einzufügen, und die am Ende sogar die Eingabefelder für die Budgetplanung auf den Seiten der Finnischen Akademie versteht.

Wir schicken den einen Antrag ab. Eigentlich will ich diese Woche wieder ins Museum gehen, mit Pekka einen Spurenlesekurs für Schulkinder, der in den Winterferien stattfinden soll, vorbereiten. Aber mit einem einzigen Antrag ist’s ja nicht getan. Am 15. Februar ist Deadline für Forschungsanträge bei einer weiteren Stiftung. „Da haben wir ja noch ein bisschen Zeit!“, sagen Kaarina und Timo. „Den muss ich ja dann auch diese Woche noch fertigmachen!“, seufze ich, denn der Antrag muss nicht nur online eingereicht, sondern auch ausgedruckt und unterschrieben mit der Post geschickt werden. Und da wir ab Samstag und bis nach dem 15. im „Blauen Mökki weilen werden, in dem es zwar theoretisch möglich ist, das Internet zu benutzen, aber unmöglich, irgendwas auszudrucken, muss ich also bis zur Abfahrt alles fertig haben.

Seufzend sitze ich seit zwei Wochen am Computer und versuche Leute davon zu überzeugen, dass nichts interessanter ist als Stadtfüchse zu erforschen. (Mensch, denkt doch mal, wenn die Tollwut doch noch nach Finnland kommt! Und der Fuchsbandwurm! Und das Ganze dann in der Stadt!!!) Seufzend denke ich daran, dass ich mal gedacht habe, ich wolle nie wieder Wissenschaft und Uni und so. Seufzend denke ich, wie schön das eigentlich wäre. Seufzend denke ich, wie gering die Chancen sind, überhaupt Geld bewilligt zu bekommen, und selbst wenn, dass das frühestens in einem Jahr sein wird.

Ich richte dann mal eine neue Kategorie ein. Bleibt abzuwarten, ob die ganz klein bleibt, oder vielleicht doch ganz gross wird.

9 Kommentare zu “Eigentlich

  1. Mir fällt da spontan dieser uralte Werbeslogan einer Bausparkasse ein:
    „Da steckt bestimmt der Fuchs dahinter!“
    :-)

  2. Wahrscheinlich ist die Uni ja kommunistisch von Fuchs und Elster unterwandert ;) Ich finde ja, das klingt spannend – aber ich muss es ja auch nicht machen. Fressen Füchse und Kreuzottern eigentlich die Teilnehmer deiner früheren Projekte?

    Das mit den Igeln klingt auch interessant. Im Straßenverkehr ist die finnische Variante ja vermutlich die lebensrettendere.

    Ich drück dann mal die Daumen, dass ihr das Geld bewilligt bekommt.

  3. Man kommt da nur schwer wieder weg, von der Wissenschaft und der Uni – ich musste so lachen, denn ein guter Freund, der jetzt eigentlich auch endlich mal was „Richtiges“ machen wollte, endlich weg von der Uni und der Wissenschaft, sitzt seit ein paar Tagen auch wieder an einem Antrag.
    Ich wünsche Dir viel Erfolg!

  4. Füchse, oh wie schön!!! Darf ich dann, wenn ich in 3 Jahren wieder arbeitslos bin, bei dir ein Praktikum machen? :-)

  5. Ich glaub das wird gut. :)

    Liebe Grüße
    Judith

  6. …eigentlich gäbe es wohl wenig Forschung, wenn es dieses eigentlich nicht gäbe… Viel Erfolg und viel Spaß! Georg

  7. :-) Ich versteh dich, nie wieder Uni, nie wieder Wissenschaft, etwas richtiges, was auch Bestättigung liefert. Ich nehm mir gerade die Auszeit von der Uni und arbeite „im richtigen Leben“ und es ist in der Tat anders, ganz anders. (ohne Forschen ist es aber auch etwas langweilig ;-))

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