Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Wendepunkt

10 Kommentare

Finnisch lernt man nicht einfach so.
Weil es eine so furchtbar schwierige Sprache ist. (Wie habe ich jahrelang Kommilitonen beneidet, die für ein Semester in Schweden oder Italien waren und danach fliessend die Landessprache beherrschten…!)
Und weil man auch ohne Finnisch prima zurecht kommt – fast jeder hier spricht Englisch, Filme werden im Original mit Untertiteln gesendet, und als Deutschem helfen einem oft noch die obligatorischen schwedischen (Zweit)-Beschriftungen.

Ich hatte Glück – ich lernte meine ersten finnischen Worte und Sätze von jemandem, der kein Englisch kann. (Oder sich nicht traut, es zu benutzen, weil es nicht perfekt ist. Ein sehr verbreitetes Phänomen in Finnland. Oft bekommt man auf die Frage „Do you speak English?“ ein zögerliches „Yeees, a little…“ zur Antwort, nur um im dann folgenden Gespräch feststellen zu müssen, dass das Englisch des finnischen Gegenübers um Welten besser ist als das eigene.) Wir hatten uns viel zu sagen, und ich freute mich, dass wir uns jedes Mal, wenn wir uns nach Monaten oder Jahren wiedersahen, ein bisschen leichter verständigen konnten. Es gab auch eine Handvoll anderer Leute, die wussten, dass ich immerhin ein bisschen Finnisch spreche, und die konsequent mit mir Finnisch sprachen, wann immer wir uns sahen.

Aber alle anderen – Freunde, Kollegen, Professoren – sprachen Englisch mit mir. Je länger ich in Finnland lebte, desto leichter fiel es mir, zu verstehen, wenn sie untereinander doch einmal ins Finnische verfielen. In meinem letzten Doktorarbeitsjahr schrieb ich gemeinsam mit einer Kollegin einen Antrag auf eine Tierversuchserlaubnis (denn ja, auch das was wir taten, fiel unter die Kategorie „Tierversuch“) – sie schrieb ihn auf Finnisch, ich las ihn durch und schrieb an die entsprechenden Stellen auf Englisch, was sie dort bitte noch einfügen solle. Aber wir wären nie auf die Idee gekommen, endgültig von Englisch zu Finnisch zu wechseln. An Englisch hatten wir uns gewöhnt, und Englisch war einfach, immer noch so viel einfacher als Finnisch…

Ich sprach Finnisch mit anderen Müttern beim Babyschwimmen und auf dem Spielplatz, ich sprach Finnisch mit den Nachbarn, ich sprach Finnisch an meinem Praktikumsplatz. Aber ich sprach immer noch Englisch mit meinen alten Freunden und ehemaligen Kollegen.

Bis heute. Heute war ich mit den Mäusekindern eine ehemalige Kollegin besuchen, die auch gerade mit zwei kleinen Kindern zu Hause ist. Nachdem wir in den letzten Wochen auf Finnisch gemailt hatten, begrüsste sie mich heute auf Finnisch, fragte nach fünf Minuten noch einmal nach, ob ich sie eigentlich gut verstehen würde, und wir blieben bei Finnisch. Den ganzen Tag.

Wow, das war so toll!

(Wurde auch Zeit, nach sechs Jahren!)

10 Kommentare zu “Wendepunkt

  1. Hm.. ein bisschen seltsam finde ich es ja schon, dass anscheinend alle so lange brauchen, um Finnisch zu lernen.
    Ich will ja nicht angeben, aber ich war ein halbes Jahr (!) zum Schüleraustausch in Finnland und verstehe seitdem ALLES und kann auch so gut wie alles sagen. Entweder bin ich ein Sprachgenie oder ich weiß auch nicht xD
    Ich finde Finnisch überhaupt nicht so schwer, wie immer alle sagen.
    Aber vielleicht ist das auch typabhängig.
    Ich gratuliere dir jedenfalls herzlich zum ersten richtig finnischen Gespräch =)

    • Finnisch lernen ist nicht so schwer – aber die gemeinsame Sprache, die man jahrelang mit jemandem hatte, zu wechseln, das schon.

      (Du hast ja vermutlich beim Schüleraustausch von Anfang an Finnisch sprechen müssen.)

    • Liebes Meerkind,

      da überschätzt sich jemand wohl gewaltig. Finnisch während eines halbjährigen Sprachaufenthaltes zu lernen (von 0 auf 100) ist schlicht unmöglich. Die Norm (Angaben der Uni) ist 5 Jahre, vorausgesetzt man lebt im Land. Ich selber lebe seit 3,5 Jahren in Finnland, arbeite im sozialbereich (wo üblicherweise viel geredet wird) und rede dort und sonst im Alltag nur finnisch und nicht englisch, ausser zu Hause, da reden wir viel deutsch. Weil es einfach gut tut, und weil es manchmal wirklich anstrengend ist den ganzen Tag überall und mit allen und in allen Angelegenheiten finnisch zu reden. Wie gesagt, ich lebe und arbeite hier und komme (bestens) zurecht mit der finnischen Sprache, und trotzdem beherrsche ich sie noch überhaupt nicht, ärgere mich oft und lerne so viel wie ich mag. Ich lade dich gerne mal zu mir nach Nordkarelien ein, dann hörst mal, wie es so ist im Alltag, wenn zu allem noch die vielen Dialekte dazu kommen.

      UND NOCH DAS:
      Das „Suomalainen Päiväkirja“ finde ich übrigens Spitze. Lese regelmässig die interessanten Beiträge. Weiter so, und herzliche Gratulation zum „Wendepunkt“. Ich fühle ganz genau so.
      Beste Grüsse aus Joensuu

  2. Danke für die haarscharfe Analyse, ich sehe dies nach 1.5 Jahren genau so. Zusätzlich habe ich feststellen müssen, dass die Finnen (im Gegensatz zu z. Bsp. uns Schweizern) sich gar nicht richtig gewöhnt sind, dass Ausländer ihre Sprache lernen wollen. So wechseln viele sie bei der erstbesten Gelegenheit ins Englische, wohl aus falsch verstandener Höflichkeit, weil ich mich nicht perfekt ausdrücken kann. Auch darum korrigieren sie jeden kleinen Fehler, anstatt darüber hinwegzusehen und mit der Konversation fortzufahren, so gut wie’s halt geht. Das kann bei Anfängern echt demotivierend sein kann. Inzwischen kann aber auch ich mich recht gut ausdrücken. Trotzdem, eigentlich sind dies alles nur Ausreden, denn ich kann es halt immer noch nichtt gut genug! Es gibt nur eine Lösung: Üben üben nochmals üben…

  3. Ich kann Dich schon verstehen. Mein Austauschjahr ist mittlerweile 10 Jahre her und obwohl meine Gasteltern nur Finnisch sprechen (die können sonst nur Russisch, das kann ich nicht) rede ich mit meiner Gastschwester, die grade ein halbes Jahr Praktikum in Deutschland macht und deswegen rein theoretisch auch ohne weiteres Deutsch mit mir reden könnte, genauso wie ich Finnisch mit ihr, immer nur Englisch. Das haben wir einfach immer so gemacht, denn ohne sie hätte ich sonst gar kein Finnisch gelernt. Ich befürchte bei uns beiden wird sich das auch nicht mehr ändern – selbst wenn es nicht das leiseste Problem wäre entweder ihre oder meine Muttersprache zu benutzen. Und das hat glaube ich, wenig damit zu tun, ob es uns leicht oder schwer fällt die Sprache zu lernen.

  4. Mit unsere Kantorei waren wir in den 80ern in Finnland auf Konzertreise. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Auch an die ‚Brocken‘, die wir dort gelernt haben. Vieles war ja logisch: Taxii, Postimärki,…
    Aber eines meiner Lieblingslieder für Chor ist seit dem von Sibelius:
    Soi kuni aksi luohjan, niit virsi kiitoksen…
    Richtig aufschreiben kann ich es nicht mehr. Aber auswendig sprechen/singen immer noch einen ganzen Teil (Psalm 98 glaube ich).
    Ich finde die Sprache noch immer wunderschön und beneide Dich, dass Du sie nun so gut beherrschst.

  5. Gratulation und ja! Noch schwerer als Finnisch zu lernen ist es, die gemeinsame Sprache zu wechseln. Ich hatte im Herbst den umgekehrten Fall mit einer finnischen Freundin hier in München. Sie bat mich, dass wir uns in Zukunft auf Deutsch unterhalten statt auf Finnisch, weil sie in der Arbeit viel Finnisch spricht und eben auch sonst mehr finnische Kontakte hier hat als deutsche. Ihr Freund ist zwar deutsch, der ist aber momentan auf einem Auslandssemester. Sie spricht wirklich sehr gut Deutsch, wollte aber einfach in Übung bleiben.

    Tja, wir sprechen immer noch Finnisch miteinander. ;)

  6. Mir fällt es auch schwer, mit Leuten Finnisch zu reden, mit denen ich „schon immer“ Englisch gesprochen habe — besonders bei der Arbeit. Immerhin kommen immer mehr Leute dazu, mit denen ich einfach so Finnisch rede.

    Bis ich die Sprache so ganz richtig kann, dauert es aber wohl noch eine ganze Weile (oder wird nie passieren)… :-/

  7. Hallo :)

    Also das mit dem Finnisch lernen stimmt. In einem halben Jahr ist das fast unmöglich. Ich wohne seit 2 Jahren in Finnland und verstehe Finnisch und kann auch Antworten aber immer noch recht brüchig. Ich war erst gestern bei meinen Gasteltern, habe Finnisch gesprochen und wenn ich mich überhaupt nicht ausdrücken konnte, bin ich auch auf Englisch umgestiegen. Es ist nicht unmöglich zu lernen, aber selbst um es nach 5 Jahren wirklich fließend zu sprechen muss man wohl regelmäßig Kurse besuchen und es ausschließlich im Alltag verwenden ;)

  8. Pingback: C’est moi! « Bewegtes und Bewegendes

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