Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Spielen auf Finnisch

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Erst fiel mir gar nichts Besonderes auf. Es gibt hier eben überall Spielplätze, auf jedem Innenhof, in jedem Einkaufszentrum, in jedem Park. Zusätzlich umzäunte, richtig gut ausgestatte Spielplätze, auf denen vormittags Parktanten auf die Kinder aufpassen. (Gegen Voranmeldung und geringes Entgelt kann man seine Anderthalb- bis Sechsjährigen da lassen. Man kann auch gemeinsam mit seinen Kindern da hin gehen und von dem vielen Spielzeug, das die Parktanten in ihren Häuschen haben, profitieren. Und von der Gesellschaft der ganzen anderen Kinder, natürlich.) Und überall sind Kinder. Kleine, grosse, mit Müttern, mit Vätern, mit Grosseltern, mit Tagesmüttern, alleine.

Als das erste Mäusekind ins Spielplatzalter kam, verbrachten wir viele, viele Abende auf dem Spielplatz vorm Haus. Oder auf dem „grossen Spielplatz“, dem mit der Parktante, der nur 200 m weiter weg ist. Im Sommer fuhren wir immer gleich vom Kindergarten aus nach Kupittaa, wo es einen grossen Park mit Spielplätzen für kleine und grosse Kinder gibt. Ich fühlte mich überall gleich wohl – wenn nur das Mäusemädchen beschäftigt und zufrieden war – und schüttelte insgeheim verwundert den Kopf über „Wir waren heute wieder auf dem Spielplatz des Grauens“-Blogeinträge aus Deutschland. Gehört es zum guten Ton unter deutschen Müttern, Spielplätze doof zu finden und ausschliesslich mit seinen Kindern im Wald zu spielen?!

Ein erstes Licht ging mir auf, als ich mit dem Mäusemädchen das erste von zwei Malen in der deutschen Spielgruppe war. (Länger habe ich es dort nicht ausgehalten. Alle Mütter, die ich aus der Spielgruppe persönlich kenne, sind nett, aber diese geballte Deutschheit, das halte ich nicht aus.) Das Mäusemädchen, damals knapp anderthalb, aber immer noch nicht laufen könnend, wurde als erstes von einem Kinderstuhl geschubst, den es gerade stolz erklettert hatte, und als nächstes rüde von einer Matratze gerollt, die zwei Jungs für sich beanspruchten. Die Mütter sassen derweil tratschend und sich vor allem über diverse Missstände in Finnland beschwerend im Nebenzimmer, keiner hatte irgendwas bemerkt, keiner erklärte seinem Kind, dass es so nicht geht, keiner entschuldigte sich beim Mäusemädchen. Das Mäusemädchen und ich waren einfach nur verblüfft. Entsetzt. Und mir ging endlich ein Licht auf.

So geht es auf finnischen Spielplätzen nicht zu.

Unsere Mäusekinder werden so gut wie immer rücksichtsvoll behandelt. Oft, wenn das Mäusemädchen gucken geht, wie die grossen Jungs Hockey oder Basketball spielen, habe ich schon gehört, wie einer zum anderen sagt: „Pass auf, hinter dir steht das Mäusemädchen!“ Letzten Sommer tobte einmal eine grosse Wasserpistolenmaschinengewehrschlacht in unserem Hof, das Mäusemädchen und ich mit dem Mäuseknäbchen im Tragetuch mittendrin. Kein Tropfen hat uns getroffen, und als das Mäusemädchen neugierig seine Hand in den Eimer zum Nachladen streckte, wurde es auch dort geduldet, belächelt und vorsichtig behandelt. Letzte Woche, als das Wetter gar zu fürchterlich war und wir den ganzen Tag drin verbracht hatten, fuhren wir abends noch in ein grosses Einkaufszentrum, wo es immer irgendwelche Spielgeräte zur freien Verfügung gibt. Diesmal stand da eine Rutsche. Die Mäusekinder rannten los wie von der Leine gelassene Hunde. Auch das Mäuseknäbchen. Als er anfing, die Treppe zur Rutsche zu erklimmen, stellten sich die anderen Kinder geduldig hinter ihm an. Erst als ich ihnen sagte, sie könnten ihn ruhig überholen, stiegen sie vorsichtig an ihm vorbei.

Das ist nämlich die andere Seite. Wenn ich mir Rücksicht für meine kleinen Kinder wünsche, dann muss ich dem Mäusemädchen auch erklären, dass es die grossen Jungs beim Hockeyspielen stört, wenn es mitten auf dem Spielfeld steht, und dass es besser vom Rand aus zuguckt. Oder dem Mäuseknäbchen, dass man nicht einfach die von anderen gebackenen Sandkuchen kaputthaut. Und genau das kann man täglich auf Spielplätzen beobachten, wie kleinen Kindern erklärt wird, wie man nett miteinander umgeht. Und so kommt es dann, dass ich immer wieder völlig hin und weg bin, wenn zum Beispiel der grosse, kräftige 16-jährige Kerl aus dem Nachbarhaus dem Mäusemädchen seinen winzigen Puppenwagen hinterherschiebt, der dem Mäusemädchen über dem Betrachten eines Hundes fortgerollt ist. Oder wenn wir den Spielplatz vorm Haus fluchtartig verlassen, weil das Mäusemädchen auf Toilette muss oder das Mäuseknäbchen ganz plötzlich ganz dringend was essen, und wenn wir dann eine halbe oder eine Stunde später wieder rauskommen, unser Sandspielzeug fein säuberlich in das Sandwägelchen gepackt ist und das Sandwägelchen vor unserer Tür steht, und die Erstklässlerin von gegenüber auf Nachfrage bestätigt, dass sie es war, die für uns aufgeräumt hat, weil „Ich dachte, ihr kommt nicht nochmal raus.“

Und dann wären da noch die Mütter auf dem Spielplatz. Das heisst, die meisten Kinder sind eigentlich alleine auf dem Spielplatz, vor allem auf solchen vor Häusern. Auf dem Spielplatz vor unserem Haus spielen auch schon kleine Dreijährige allein, auch das Mäusemädchen. Wenn aber Mütter dabei sind, dann sitzen die selten tratschend am Rand. Vermutlich deshalb, da der Finne an sich ja nicht so gern redet. ;-) Dafür haben sie immer mindestens ein Auge auf ihre Kinder, und oft noch eins für andere Kinder mit. Letztens liess ich das Mäuseknäbchen kurz allein im Sandkasten vor dem Haus, um was aus der Wohnung zu holen. Als ich das Mäuseknäbchen erschrocken weinen hörte und mich umwendete, um zurück zu ihm zu eilen, hatte schon eine Mutter ihr eigenes Kind in der Babyschaukel zurückgelassen und war auf dem Weg, das Mäuseknäbchen aufzuheben und zu trösten, das beim Rausklettern aus dem Sandkasten mit dem Gesicht im Sand gelandet war. (Ähnlich erging es uns letztens in der Bibliothek. Wenn wir in die Bibliothek gehen, steigt das Mäusemädchen allein die Treppe hoch – es ist ja schon gross! – während ich mit dem Mäuseknäbchen im Wagen die Rampe benutzen muss, die seitlich am Gebäude entlang führt. Oben wartet das Mäusemädchen, und wenn wir die Bibliothek wieder verlassen, dann steigt sie allein die Treppe wieder runter und wartet unten. Allerdings ist dort unten eine vielbefahrene Strasse, und letztens blieb eine zufällige Passantin so lange neben dem vermeintlich allein unterwegs seienden Mäusemädchen, bis sie mich entdeckt hatte und ich neben dem Mäusemädchen angekommen war, dass sie sicher sein konnte, dass es auch ganz bestimmt nicht allein auf die Strasse rennen würde.)

Vielleicht ist das ja alles ganz normal und keiner Erwähnung wert. Ich kenn’s ja nicht anders. Aber ich gehe jedenfalls gern auf den Spielplatz. :-)

13 Kommentare zu “Spielen auf Finnisch

  1. da ich bisher auf nur wenigen finnischen spielplätzen war, kann ich natürlich nicht vergleichen. aber hier (hamburger umland) schaut’s eigentlich ähnlich aus. okay, ich würde mich nicht einfach trauen, mein kind hier alleine auf dem spielplatz zu lassen – er würde eh sofort ausreissen .)
    das mit dem mütter-ratschen stimmt auch, aber dennoch konnte ich bisher nur beobachten, wie dennoch die mütter ihre augen bei den kindern haben… fazit: so grauenvoll find ich die spielplätze hier nicht… es wäre aber schöner, wenn sie gepflegter wären, ein paar andere spielgeräte da wären. das gepflegte liegt leider an den teenies, die zu gerne abends sich dort treffen. an sich auch kein problem, aber die zigaretten oder bierflaschen-scherben müssen einfach nicht sein.
    viel spaß mit dem lumi-vauva! LG, kristina

  2. Ich sehe gerade eure tollen Spielplätze vor meinem inneren Auge ;-)
    Es stimmt, die Kinder der verschiedenen Altersgruppen gehen bei Euch irgendwie rücksichtsvoller miteinander um, das ist mir auch schon aufgefallen…

  3. Ach, wenn ich nicht so sicher wäre, dass ich diese spezielle finnische Sprache niemals nicht lernen könnte und außerdem als deutsche Lehrerin fürs finnische Schulsystem gnadenlos uninteressant wäre, dann lönnte ich fast daran denken, nach Finnland auszuwandern. Das hört sich nämlich ganz so an, als ob dort auch ich Spielplätze schön finden könnte. erst gestern unterhielt ich mich mit einer Freundin über diese fehlende Rücksichtnahme, diese Mütter, die beim Kinderturnen ihren randalierenden Kindern zuschauen und hoffen, dass die Turntante was sagt…
    Schön ist es da bei Ihnen in Finnland.

  4. *seufz* auch ohne Kinder hat mich bei dem Artikel grad mal wieder die Sehnsucht nach Finnland & der finnischen „Mentalität“ gepackt… Denn die wird meiner Meinung nach ind diesen Beispielen sehr schön deutlich.

  5. Hach, hört sich das gut an. Ich war zwar noch nie in Finnland, aber aus Norwegen kenne ich ähnliche Kinderfreundlichkeit.

  6. Doch ja – ich kenn beides – den Spielplatzhorror aus Töchterchens Zeiten und das Gegenteil. Das war allerdings kein „offizieller“ Spielplatz sondern die gesamte Neubausiedlung in der beide Jungs aufgewachsen waren. Zuständig war immer die Mutter, in deren Garten die Schlacht tobte und selbstverständlich hat die beaufsichtigt, getröstet, die Eisversorgung organisert usw. Mit dem Ergebnis, dass die Kinder auch in der Grundschule klassenübergreifend gespielt haben – und zwar ohne Geschubse und Gedrängel.
    Manchmal denke ich es ist auch hier eine Frage der Anonymität. Dort wussten eben alle, dass diese Kinder noch ziemlich lange miteinander auskommen müssen…
    Nun denn – jetzt ist die Spielplatzzeit vorbei – ich guck mir es bei den Enkelkindern wieder an.

  7. Ja, ich habe und tue es immer noch meinen Kinder Rücksicht predigen aber irgendwann habe ich dann mal gesagt „Wenn euch jemand schubst, schubs zurück“ Mich kotzt das an. Neulich auf der Hüpfburg wurde die Große von einem viel größeren Jungen (vielleicht 10, 11 Jahre) belästigt, da war sofort der kleine Bruder zur Stelle und beschützte bis der „große“ Junge meine Tochter in die Schulter biss. Ich war geplättet. Und dann noch dazusetzte „Das hast du nun du alte dumme fresche Sau“ – da war ich sprachlos. Und von den Eltern kam nixs, dafür juckte es mir gewaltig in den Fingern. Irre, wirklich irre. Machen die sich da keine Gedanken?? Aber in Deutschland sind ja seit neusten fast alle Kinder hochbegabt und damit wird dann die fehlende soziale Kompetenz begründet. Irre aber das sagte ich schon.

  8. Vor vielen, vielen Jahren hörte ich in irgendeiner Reportage über irgendein Land mal den Satz, wie es um den Zustand einer Gesellschaft bestellt sei, könne man immer auch daran ablesen, wie diese Gesellschaft mit ihren Kindern umgehe. Das würde ich so 100%ig unterschreiben und wenn ich das hier lese, noch hinzufügen: Daran, wie in einer Gesellschaft die Kinder miteinander umgehen, daran lässt sich auch vieles ablesen. Denn woher lernen denn die Kinder, wie sie sich verhalten sollen/dürfen/können? Von den Großen doch wohl.

  9. ich beneide dich um die finnischen spielplätze – glaub mir, wenn es solche hier unten gäbe, ich wäre nur noch auf spielplätzen. bei uns hier leider spielplätze des grauens – tratschende, unachtsame mütter und prügelnde kinder. aber!! :)

    weil mir wald und wiese auf dauer auch zu langweilig ist, lasse ich mich ja nicht beirren und suche fein weiter, nach dem ultimativen finnischartigen spielplatz auch bei uns:)

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  13. Also wir haben hier auch die finnischen Spielplätze. In Freiburg. Ich gehe gern auf unsere Spielplätze und habe noch keine negativen Erfahrungen gemacht.

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