Suomalainen Päiväkirja

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Die unendliche Geschichte vom J-FI und dem Zoll

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Es war einmal ein französisches Auto, das gehörte einer Mäuseforscherin und einem Botaniker. Sie nannten es J-FI, denn es sollte mit den beiden von Deutschland nach Finnland umziehen. Und endlich eines Tages im August bekam es Winterreifen aufgezogen (es wunderte sich ein bisschen), seine Kennzeichen, die ihm den Namen gegeben hatten, abgeschraubt und rote Exportkennzeichen angeschraubt. Die seien nötig, erklärten ihm die Mäuseforscherin und der Botaniker, weil man zwar innerhalb der EU umzöge, aber eben nach Finnland. Dort dürfen ausländische Autos nämlich nur 6 Monate fahren. Danach müssen sie angemeldet werden und ein finnisches Kennzeichen bekommen. Was kein so grosses Problem wäre, wenn man nicht Einfuhrsteuer zahlen müsste für Autos. (Und die ist nicht gerade gering: ((CO2-Ausstoss in g/km) : 10 + 4) % vom geschätzten Wert des Autos in Finnland.)

Die Mäuseforscherin und der Botaniker hatten Glück, denn wer sein Auto bei einem Umzug mitbringt, der ist von der Zahlung der Einfuhrsteuer befreit. Allerdings muss man das Auto schon mindestens ein halbes Jahr vorher besessen haben. Die Mäuseforscherin und der Botaniker waren sehr froh, dass sie den J-FI nicht erst für den Umzug gekauft hatten, sondern schon anderthalb Jahre vorher!

Als J-FI mit der Mäuseforscherin und dem Botaniker in der neuen Heimat ankam, liessen sich die Mäuseforscherin und der Botaniker vorschriftsmässig gleich am Hafen eine Bescheinigung darüber ausstellen, wann, wo und mit welchem Schiff sie samt J-FI in Finnland angekommen waren, und machten sich damit am nächsten Tag auf den Weg zum Zoll.

Dort mussten die Mäuseforscherin und der Botaniker nachweisen, dass sie J-FI tatsächlich schon länger als sechs Monate besessen hatten (leicht), aber auch, dass sie mit dem J-FI das ganze letzte Jahr im Ausland gelebt hatten (schwer). Ein Mietvertrag, den die Mäuseforscherin und der Botaniker wohlweislich dabei hatten, reichte dafür nicht – sie hätten ja trotzdem woanders wohnen können. „Vielleicht Kontoauszüge vom letzten Jahr?“, schlug ein Zollbeamter vor. Hm. Die lagen natürlich alle noch in der Jenaer Wohnung der Mäuseforscherin und des Botanikers, die sie erst im Dezember endgültig kündigen wollten. Für die ersten drei Monate waren sie nur mit dem Allernötigsten, allem, was in den J-FI passte, gekommen. „Ja, was machen wir denn da…“ überlegte der Zollbeamte laut. Der Botaniker wühlte in seinem Portmonee und förderte eine Kinokarte zutage. „Vielleicht geht auch sowas?“, fragte er zweifelnd. „Oh, prima!“, jubelten inzwischen zwei Zollbeamte. „Hast du noch mehr von solchen Sachen?“ Der Botaniker räumte alles aus, was er an Papieren finden konnte, die zwei Zollbeamten halfen bei der Sichtung, ein dritter machte Kopien von Kinokarten, Kassenzetteln aus dem Kaufland, Eintrittskarten und Zugfahrscheinen. Zum Glück hebt der Botaniker immer erstmal alles auf!

„Gut“, sagte einer der Zollbeamten, „dann können wir jetzt das Formular ausfüllen, und das war’s dann.“ Schön, dachten die Mäuseforscherin und der Botaniker. Sie hatten ja immerhin schon mindestens eine halbe Stunde beim Zoll verbracht und hatten noch mehr zu erledigen. Leider wollte einer der Zollbeamten für das Formular auch wissen, warum sie denn nach Finnland umzögen. „Fangt ihr hier an zu arbeiten?“, schlug er die wahrscheinlichste Antwort vor. „Ja. Ich.“, sagte die Mäuseforscherin. „Und du?“, fragte der Zollbeamte den Botaniker. „Ja, also ich, ich komme mit. Aber ich habe hier keinen Arbeitsvertrag, weil ich offiziell Doktorand in Deutschland bin. Aber ich werde trotzdem die meiste Zeit hier sein. Und ab Mai dann ganz.“ „Oh“, sagte der Zollbeamte, und lehnte sich zurück, „das ändert leider die ganze Sache. Denn du“, sagte er zu der Mäuseforscherin, „bist zwar hier, aber bist nicht der Besitzer des Autos, und du“, sagte er zu dem Botaniker, „besitzt das Auto aber bist vielleicht nicht hier. So können wir das Auto nicht in Finnland anmelden.“ „Ja, und jetzt?“, fragten die Mäuseforscherin und der Botaniker erschrocken. „Ja, wenn ihr verheiratet wärt, dann wäre es kein Problem… Aber du“, sagte einer der beiden anderen Zollbeamten zu der Mäuseforscherin, „kannst ja das Auto erstmal als Touristenauto fahren, und du“, sagte er zu dem Botaniker, „kannst das Auto ja dann offiziell hier anmelden, wenn du im Mai herkommst!“ „Nö.“, sagten die Mäuseforscherin und der Botaniker. „Bis Mai sind ja mehr als sechs Monate!“, und „Bekommen wir denn dann überhaupt noch die Einfuhrsteuer erlassen?“ und vor allem „Wir können ja überhaupt nicht bis Mai fahren. Unsere deutschen Exportkennzeichen sind ja nur noch 7 Tage gültig!“ Überhaupt verstanden die Mäuseforscherin und der Botaniker nicht, was es für einen Unterschied machen sollte, das Auto im September oder im Mai anzumelden.

Inzwischen berieten vier Zollbeamte über ihren Fall. Und telefonierten. Und baten schliesslich die Mäuseforscherin und den Botaniker ein Stockwerk höher zum Chef. Der verhandelte auf Deutsch mit der Mäuseforscherin und dem Botaniker, weil er besser Deutsch als Englisch konnte. „Na gut“, sagte er, nachdem er sich ihre Geschichte nochmals hatte vortragen lassen. „Meldet das Auto an. Aber du“, sagte er zu dem Botaniker, „musst mich dann immer anrufen, wenn du nach Deutschland fährst, und auch, wenn du wieder zurückkommst!“, und übergab ihm seine private Handynummer. Ein wenig verdutzt aber sehr erleichtert stiegen die Mäuseforscherin und der Botaniker mit den vier Zollbeamten wieder in die untere Etage, füllten die restlichen Formulare aus, bekamen erklärt, sie dürften das Auto jetzt die nächsten drei Jahre nicht verkaufen und auch niemanden anders damit fahren lassen, und machten sich als nächstes auf zum Katsastus (dem finnischen TÜV), wo dem J-FI eine ausgezeichnete Verfassung bescheinigt und ein Paar finnische Kennzeichen ausgehändigt wurde.

Im Dezember fuhren die Mäuseforscherin und der Botaniker noch einmal nach Deutschland. Der Botaniker rief von unterwegs den Zollchef an. Der wunderte sich sehr, konnte sich nicht erinnern und brummte schliesslich, er sei übrigens auch gerade im Urlaub. Von da an betrachteten die Mäuseforscherin und der Botaniker die Sache als erledigt. Irgendwann wurde ihnen dann auch klar, warum der Botaniker eigentlich immer anrufen sollte – weil jeder Monat, den der J-FI nicht in Finnland verbrachte, nicht auf die dreijährige Karenzzeit, in der er nicht verkauft werden durfte, angerechnet wird. Der Mäuseforscherin und dem Botaniker war das egal. Sie mochten den J-FI, und sie mochten Finnland. Sie dachten gar nicht ans Verkaufen und ans Wiederwegziehen.

Sie kauften dem J-FI Spikereifen und eine Motorheizung. J-FI fror manchmal ein bisschen, aber er fand es toll in Finnland. Eines Tages bekamen die Mäuseforscherin und der Botaniker, der inzwischen Bioinformatiker geworden war, ein Kind. Und dann noch eins. Und sie hatten immer noch nicht genug. Dabei fuhr J-FI ja schon mit zwei Kindersitzen auf der Rückbank herum, hatte öfters noch eine Dachbox oben aufgeschnallt, und wenn die Grosseltern der Kinder der Mäuseforscherin und des Botanikers mit dem Flugzeug zu Besuch kamen, dann passte die ganze Familie schon jetzt nicht mehr gemeinsam in den J-FI. Selbst ein bisschen traurig, versuchten die Mäuseforscherin und der Botaniker dem J-FI schonend beizubringen, dass sie vielleicht bald ein grösseres Auto bräuchten und ihn gerne an jemanden weitergeben würden, der ihn vielleicht nicht ständig mit Dingen und Personen überladen würde.

Da fiel der Mäuseforscherin und dem Botaniker allerdings die Sache mit dem Zoll wieder ein. Sie lebten ja nun schon über fünf Jahre mit dem J-FI in Finnland; es sollte nun eigentlich kein Problem sein, den J-FI verkaufen zu wollen. Sicherheitshalber riefen sie vorher nochmal beim Zoll an. „Oh“, sagte der Zollbeamte, „da müsst ihr nochmal vorbeikommen und ein Formular ausfüllen!“

Die Mäuseforscherin und der Botaniker fuhren mit dem J-FI also wieder mal zum Zoll. Sie zogen die falsche Nummer und erwischten den falschen Zollbeamten, also so einen, der sagte, sie könnten ruhig Englisch reden, aber nicht wirklich verstand, worum es den beiden ging. Der Botaniker fing an, ein Formular auszufüllen, das der Mäuseforscherin komisch vorkam. „Ach so“, sagte der Zollbeamte auf Nachfrage, „ihr wollt gar kein Umzugsauto anmelden. Ja, dann müsst ihr dort rüber!“ Die Mäuseforscherin und der Botaniker zogen eine neue Nummer, beschlossen, von da an nur noch Finnisch zu reden, und trugen einer netten Zollbeamtin ihr Anliegen vor. Die rechnete ihnen vor, dass sie den J-FI ja schon anderthalb Jahre gehabt hätten, bevor sie mit ihm nach Finnland gezogen seien, und dass deshalb die drei Jahre Karenzzeit schon nach anderthalb Jahren in Finnland um gewesen wären. „Wem von euch gehört das Auto offziell?“, fragte sie. „Mir.“, sagte der Botaniker. „Und du hast doch sicher einen Arbeitsvertrag hier?“ „Ja“, sagte der Botaniker, „aber erst ab September 2005.“ „Das macht nichts.“, sagte die nette Zollbeamtin. „Ihr seid schon so lange da, welche anderthalb Jahre wir da nehmen ist egal. Ihr müsst allerdings“, und damit schob sie der Mäuseforscherin und dem Botaniker ein Infoblatt zu, „noch ein paar Nachweise besorgen.“ Die Mäuseforscherin, der Botaniker und J-FI fuhren also unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Der Botaniker kramte in seinen Akten und holte am nächsten Tag noch einen Nachweis von der Versicherung. Dann fuhren die Mäuseforscherin, der Botaniker und J-FI wieder zum Zoll. Die nette Zollbeamtin war leider nicht da, stattdessen gerieten sie an einen korinthenkackenden seinen Job sehr genau nehmenden Zollbeamten. „Oh“, sagte der, „ihr wohnt schon seit fünfeinhalb Jahren in Finnland? Dann wird es ja höchste Zeit, die Karenzzeit löschen zu lassen!“ „Ja“, nickten die Mäuseforscherin und der Botaniker brav und schoben dem korinthenkackenden seinen Job sehr genau nehmenden Zollbeamten einen Stapel Papiere zu. Der allerdings fing erst nochmal zu rechnen an und befand, des Botanikers Arbeitsvertrag wäre nicht ausreichend, wir bräuchten wennschon einen Nachweis für die anderthalb Jahre direkt im Anschluss an den Umzug. „Und wie bitte machen wir das?“, fragte der Botaniker. „Na zum Beispiel mit Kontoauszügen.“ „Aha.“ „Von jedem Monat einer genügt.“, setzte der korinthenkackende seinen Job sehr genau nehmende Zollbeamte noch hinzu. Die Mäuseforscherin und der Botaniker fuhren also wieder unverrichteter Dinge heim, der Botaniker suchte einen Stapel Kontoauszüge von vor fünf Jahren raus und brachte sie am nächsten Tag zum Zoll. Damit war endlich alles nachgewiesen, ausgefüllt und beantragt. Am nächsten Tag fanden die Mäuseforscherin und der Botaniker einen Brief vom Zoll im Briefkasten, dass die Karenzzeit für den J-FI nun offiziell um ist. Damit müssen die Mäuseforscherin und der Botaniker nun nur nochmal zum Katsastus, um J-FIs Papiere ändern zu lassen.

Und da die Mäuseforscherin, der Botaniker und der J-FI während der langen Prozedur nicht gestorben sind, leben sie noch heute glücklich und zufrieden (und nur ein bisschen traurig wegen der bevorstehenden Trennung) in Finnland. Nun vergleichen sie Preise und sind entsetzt über die Preisunterschiede von Autos zwischen Deutschland und Finnland.

Und was meint ihr, wo werden die Mäuseforscherin und der Botaniker ein neues Auto kaufen?

10 Kommentare zu “Die unendliche Geschichte vom J-FI und dem Zoll

  1. Jaaaa, an den Papierkrieg erinnere ich mich auch noch gut und mein Auto hat auch noch Karenz, weil ich keine Lust habe, meinen Chef mit einer Arbeitsbescheinungen zu quälen und auch sonst fürchte, die finden irgendeinen Grund, mir eine saftige Rechnung zu schicken…. Henry ist jetzt 12 Jahre und hält immer noch gut durch. Aber ein Viertürer wäre besser… wobei wir eigentlich auch mit einem Auto klarkämen. Bei den Preisen hier werde ich mir aber wohl nie wieder ein eigenes Auto leisten können *seufz*

  2. och nee, ich krieg schon beim Lesen ne Gänsehaut. Bis auf die Winterreifen das selbe hier in grün…

  3. Wie? Bei euch auch?

    Eigentlich dachte ich ja, dass es sowas innerhalb der EU nicht mehr geben dürfte… aber da die Finnen Europa ja gern in „Finnland“ und „Europa“ einteilen, dachte ich, naja, gut. Aber es gibt sowas also auch anderswo? *nichtglaub*

  4. ich glaube eher das ist europa-einheitlich. bei uns ist es sogar ein jahr, das man nachweisen muss…

  5. Toll geschrieben! Schön, dass es in Finnland keine Bürokratie gibt. Jihey!

  6. Die Finnen sind nicht nur bei der PISA-Studie besser als wir, nein, auch die Bürokratie beherrschen sie aus dem FF.

  7. Beherrschen wohl – aber zu behaupten, in Finnland wäre die Bürokratie genauso oder gar schlimmer als in Deutschland, das täte den Finnen grosses Unrecht. Die meisten Sachen gehen nämlich tatsächlich ohne viel Papier und Kosten vonstatten.

    Die Sache mit dem Zoll ist insofern schlimm, weil es sie eigentlich gar nicht geben dürfte innerhalb der EU.

  8. Mal so, mal so – es wird viel übers Internet gemacht – stimmt (ab und zu mit kleinen Pannen, indem Vertrauliches dann auf der offenen Internetseite erscheint, hehe). Aber das finnische Beamte kompetenter wären – davon keine Spur. Leider besonders bei Kela und dort, wo der Kunde „etwas braucht“ genauso stur und wichtigtuerisch. In acht Jahren ununterbrochenen Vollzeitjob hat mich mal der Kela-Computer „im Galopp verloren), als ich in der Apo erfahren habe, dass ich in den letzten vier Monaten gar nicht versichert war (Abzüge und Steuern wurden dennoch bezahlt, aber das heisst hier nichts). Dazu kommt noch: drei Beamte, drei Meinungen, zehn Beamte, elf Meinungen. Besonders wenn es um Autos geht.

    Kennt man hier sowas, wie Widerspruch denn überhaupt? :D

  9. Das war eine Freude hier zu lesen! :-)
    Nicht wegen des bürokratischen Hintergrundes, sondern weil es eine Geschichte aus dem wirklichen Leben ist und sooooo herrlich anschaulich beschrieben wurde. Mir war, als hätte ich direkt daneben gestanden! Danke! :-)
    Ulileo

    PS. Meine Tochter (die hier schon lange immer mal wieder mitliest) hat mir den Tipp gegeben, hier vorbeizuschauen – und ich muss sagen, es lohnt sich sehr – wegen der Beiträge und auch, weil mir Finnland so vertraut ist.

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