Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Winterspaziergang

10 Kommentare

Es ist kurz vor zehn, es sind -10 Grad, und es verspricht ein sonniger Tag zu werden.

Mag jemand mitkommen auf einen Spaziergang am Fluss entlang von einem Ende Turkus zum anderen?

Es ist nämlich so: heute früh haben das Mäusebaby und ich den Ähämann zum Zoll begleitet. Nun ist das Mäusebaby müde, der Ähämann mit dem J-FI weiter auf Arbeit gefahren, und ich habe zwei Stunden (die das Mäusebaby möglichst schlafend verbringen soll), bis ich das Mäusekleinkind aus dem Kindergarten abholen muss. Was mach’ ich also? Mäusebaby in den Kinderwagen, und loslaufen.

Wir sind fast im Hafen, gleich hinter der Burg. Nur noch schnell über die Strasse und die Eisenbahngleise, dann sind wir schon am Fluss. Der Schnee knirscht unter den Schuhen und den Wagenrädern.

Am „Forum Marinum“ wird auf allen Schiffen, die zum Besichtigen am Flussufer vertäut sind, gearbeitet. Aus allen Motorschiffen dampft es ein klein wenig, denn die Motoren laufen auf kleinster Stufe, und rund um die Segelschiffe laufen kleine Pumpen, die das Wasser in Bewegung halten, damit die Schiffe nicht einfrieren. Der ”Suomen Joutsen” sieht gegen den Winterhimmel heute besonders majestätisch aus.

Es ist kurz nach zehn, und siehe da, inzwischen ist sogar die Sonne aufgegangen!

Und auf der anderen Flussseite taucht jetzt eines der vielen Turkuer Heizkraftwerke auf – aber das einzige, das eine – nachts erleuchtete – Fibonacci-Folge zum Schmuck hat.

Und inzwischen, obwohl ich noch nicht weit gekommen bin, aber das Frühstück schon wieder so lange her ist, knurrt mir der Magen. Im „Café Manuela“ machen das Mäusebaby und ich zehn Minuten finnische Pause: ich esse einen Ringmunkki und trinke einen Kaffee (Ah! Schön warm!), während das Mäusebaby draussen weiterschläft. Also hoffentlich schläft es weiter!

Glück gehabt, Mäusebaby schläft noch. Schnell noch die Handschuhe wieder über die Hände gezogen und weiter. Und was ist denn da? Die grösste Ansammlung von Enten, die ich jemals in Turku gesehen habe: die haben sich alle an der Fahrrinne der Föri gesammelt!

Und ich habe immer bedauernd behauptet, in Turku gäbe es keinen Platz, an dem man Enten füttern könnte…!

Da ist sie, die Föri. Kostenloser Brückenersatz im Drei-Minuten-Takt.

Eigentlich will ich ja lieber am linken Flussufer bleiben, weil das schöner ist, aber ich kann der Föri nie wiederstehen. Nie! Also setzen das Mäusebaby und ich über.

Und ich frage mich mal wieder, wie man sich eigentlich so fühlen muss, so als Föri-Kapitän; eine Minute hin, eine Minute warten, eine Minute zurück… Wieviele Minuten hat so ein Arbeitstag?

Die andere Flussseite bietet Ausblick auf finnische Nachkriegsarchitektur.

Fast alles, was den Grossbrand von 1827 und den Krieg überstanden hat – auch wenn man fairerweise sagen muss, dass das nicht allzu viel war – musste nach dem Krieg solchen finnischen Einheitsbauwerken weichen.

Auf der anderen Seite sind gerade tolle Farben zu sehen:

Und dann kommen wir ganz nahe an meiner Lieblingsfähre vorbei: der “Aspö”, die nach Utö fährt.

Jeden Winter hoffe ich darauf, dass das Meer mal wieder richtig zufriert, und dann will ich ein Wochenende nach Utö! Das letzte Mal war es im Februar 2006 so kalt – aber damals habe ich mich, hochschwanger mit dem Mäusekleinkind, nicht mehr getraut.

Noch toller fände ich, wenn man mal wieder – wie im Winter bevor wir hier ankamen, damals, als auch in Lappland die Rekordtemperatur von minus fünfzignochwas Grad gemessen wurde – mit dem Auto nach Åland fahren könnte. Dann werden über das zugefrorene Meer richtige Strassen angelegt, mit Seitenmarkierungen und Beschilderung und kleinen Autofähren über die eisfreien Schiffsstrassen… aber sowas gibt’s vielleicht nie wieder. :-(

Ach, weil wir gerade von Winter sprechen – diese Werbung verspricht schon Frühlingsgefühle. „Hol dir schon heute einen Tulpenstrauss nach Hause!“

Aber komisch – nachdem wir gestern die ganzen Weihnachtssachen weggeräumt hatten, habe ich auch zum ersten Mal an den Frühling gedacht. Einen Frühling, der noch mindestens drei Monate hin ist… Aber bald schon werden die ersten Narzissen im Topf und die ersten erschwinglichen Tulpensträusse auftauchen, und selbst wenn dann draussen Schneetreiben herrscht, dann ist drin schon ein bisschen Frühling.

Jetzt müssen wir die erste Strassenbrücke über den Fluss unterqueren.

Und die zweite.

Seltsame Farben sind das ja jetzt… wie Schneewolken sieht das aus!

Aber Schnee? Bei -10 Grad?

Und jetzt sehe ich etwas, das ich noch nie gesehen habe: da oben, das sieht aus, als zöge ein Schwarm von Millionen kleiner, weisser Schmetterlinge über Turku. Sie flattern und taumeln und tanzen und ziehen weiter.

Und erst eine Minute später fallen die ersten dicken Schneeflocken zu Boden.

Armes Schwein! Bei der Kälte!

(Paavo Nurmi ist das übrigens, der da nackig durch Turku rennt.)

Kurz darauf sieht es am Fluss so aus:

Drei russische Touristen versuchen, den Schnee von ihrem Stadtplan von Turku fernzuhalten. Ansonsten sieht man nichts. Hören tut man auch nichts. Gut so, denn gleich ist es elf, und wir sind schon fast am Dom, und dessen Glocken werden gleich 15 Mal schlagen. Aber so schläft das Mäusebaby ungerührt weiter.

Der Lieblingsdom. Noch mit Weihnachtsbaum davor, dessen Lichter erst am 13. Januar offiziell gelöscht werden. Und ja, auch im Dom braucht man Handtuchrollen und Schmutzfangteppiche.

Beim Haus des Erzbischofs (In einem Stadtplan stand tatsächlich mal “Arkkipiispan Asunto“ – „Wohnung des Erzbischofs“…!) hat es schon wieder aufgehört zu schneien.

Und bald schon unterqueren wir die letzte von vielen, vielen Brücken; diesmal die Eisenbahnbrücke. Die offensichtlich gerade auseinandergebaut wird.

Schnell weiterrennen, damit das Mäusebaby von dem Motorgesäge nicht wach wird!

Und jetzt, jetzt ist Turku eigentlich zu Ende.

(An dieser Stelle habe ich mich erstmal kräftig in den A… gebissen. Eigentlich hätten auf dieses Bild nämlich drei nordisch walkende ältere Damen gehört – wenn nicht die Kamera wegen des durch die Kälte doppelt strapazierten und nun so gut wie leeren Akkus genau in dem Moment die Hufe hochgemacht hätte, als ich abdrücken wollte. Künstlerpech.)

Noch ein Stückchen weiter, und das Mäusebaby wacht auf, wird hingesetzt und guckt verwundert in die Landschaft.

Den letzten und kürzesten Teil des Weges nach Hause legen wir dann mit dem Bus zurück. Hoffentlich kommt er bald. Wenn man nämlich so stehen muss, ist es ganz schön kalt!

10 Kommentare zu “Winterspaziergang

  1. sehr schön! mehr davon! ich mag solche „ich nehm euch mit auf meinen spaziergang“-fotogeschichten…

  2. Toll, ich wäre mit gelaufen, auf jeden Fall.

  3. Wunderbar, danke schön. Ich hoffe, du und der Kameraakku, ihr seid mittlerweile wieder warm. Demnächst bitte mehr davon.

  4. oh das hat spass gemacht:) mehr davon!! biiiiteee!!! ich komme immer gerne mit.

    (ich wüsste nicht, was ich in turku/finnland machen würde, aber so ein klitzekleines bisschen bekomme ich fernweh, wenn ich die bilder sehe. da wird wieder irgendso eine nordische seite in mir angeschwungen….)

  5. Wow! Das war klasse. Da wäre ich gerne dabei gewesen!

  6. Toller Eintrag! Ich hätte mein Söhnchen eingepackt und wär mitgegangen.

    Gruß, Kerstin

  7. Ein ganz toller Spaziergang, danke! Und ich bin froh, dass ich von zu Hause aus (also im Warmen) mitgehen durfte ;-). Ganz wundervolle Bilder! Aber ich glaube, diese lange Dunkelheit würde mich fertig machen…

    Liebe Grüße aus dem „Süden” ;-)!

  8. Ich finde den Blog nach wievor ganz großartig. Die Idee mit dem Winterspaziergang, die liebevollen Beobachtungen, die Akribie der Bilder Details – wunderbar. Ich bin ganz neidisch, denn ich finde irgendwie nie soviel Zeit um alles aufzuzeichnen obwohl mir in Finnland auch immer die Seele überläuft.
    Mit ganz herzlichen Grüßen vom „noch kälteren“ Polarkreis
    Markus

  9. Pingback: Turku / Finnland | Stories & Places

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