Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Negativliste

11 Kommentare

Bisweilen bekomme ich mehr oder weniger direkt vorgeworfen, ich würde dieses Land recht blauäugig lieben. Ob es denn gar nichts gäbe, dass ich nicht mag.

Oh doch! An Finnland finde ich ganz doof:

  • dass es keine Kinderärzte gibt, zumindest nicht im kommunalen terveyskeskus
  • dass Paracetamol vom Baby- bis ins Rentenalter als Allheilmittel angesehen wird
  • dass die Hauptsorge der Schwester in der Kinder-Neuvola ist, dass ein Kind im ersten Lebensjahr bloss kein Gramm zu wenig wiegt – aber nach dem ersten Lebensjahr bloss kein Gramm zu viel!
  • dass man zwar sehr oft Väter mit ihren Kindern auf dem Spielplatz oder bei sonstigen Unternehmungen sieht, aber fast nie Vater-Mutter-Kind(er) zusammen
  • dass ständig irgendwer irgendwo auf die Strasse spuckt
  • dass man als Fussgänger auch bei Grün nicht unbesorgt über die Strasse laufen kann, weil Rechtsabbieger entweder gar nicht auf Fussgänger achten oder denken, sie könnten vor dem Fussgänger ja schnell noch über die Kreuzung fahren
  • dass man für finnische Autofahrer immer mitdenken muss, weil die immer noch auf den Strassen herumgurken, als ob die Verkehrsdichte in den letzten zehn Jahren nicht doch ein kleines bisschen zugenommen hätte
  • dass alle einfach losessen, sobald das Essen auf dem Tisch steht
  • dass einem kein Mann (natürlich gibt es Ausnahmen – aber ich kenne genau eine) die Tür aufhält
  • dass ausgerechnet sonntags die meisten Cafés geschlossen haben
  • dass es keine netten Kneipen gibt, in denen man abends mit seinen besten Freundinnen oder dem Ähämann oder den Kollegen plaudern und eine Kleinigkeit dabei essen kann – denn ausgegangen wird hier ausschliesslich, um sich zu besaufen (und dabei ist Essen ja allenfalls hinderlich…)
  • dass das Essen entweder nach gar nichts oder überall gleich (oder beides ;-) ) schmeckt

(Die Positivliste wäre trotzdem länger geworden! :-) )

11 Kommentare zu “Negativliste

  1. – dass viele Finnen kritikscheu sind und am Bystander-Syndrom leiden, meint, viel rumnörgeln, aber nichts wirklich zur Sprache bringen, damit auch alles schön so bleibt, wie es immer war.

    – unsinniges Stehen und Warten in der Reihe.

    – dass es nirgendwo, aber auch NIRGENDWO, leckeren TK-Spinat gibt, obwohl hier viel mit Spinat gearbeitet wird.

    Bei den Autofahrern gebe ich dir auch recht. Wenn ich daran denke, wie mich die BMW-Fahrerin im April unsanft von der Strasse holte, bekomme ich gleich wieder eine 200er Puls!

    Meine Positivliste wäre aber auch länger als die Negativliste.

  2. Ja, ersteres hat mich übrigens ganz besonders während meiner Doktorarbeit angenervt, weil ich anscheinend die Einzige weit und breit war, die sich getraut hat, offen und ehrlich mit dem grossen Chef zu diskutieren. Woraufhin ich bei ihm so ziemlich unten durch war.
    (Allerdings sehe ich da keinen allzu grossen Unterschied zu Deutschland. Auch dort habe ich mich oft genug in die Nesseln gesetzt, und auch oft für andere, die das Maul nicht aufgekriegt haben.)

    Zweiteres fällt doch eigentlich gerade durch die ständige Nummernzieherei weg?!

    Und über das Essen reden wir mal lieber sowieso nicht…

  3. – dass es keine Bäckerläden gibt, jedenfalls keine, die den Namen verdient hätten (Bröööötchen, Kucheeeeeen)

    – dass viele Ärzte nicht mit Menschen umgehen können

    – dass es in allen Geschäften das Gleiche gibt

    (Zum Spinat hätte ich folgenden Tipp: Mehlschwitze mit Sahne oder Milch anrühren, finnischer TK-Spinat dran, klein gehackte Zwiebel dran, Muskat dran, Salz dran, lecker.)

  4. – Dass freitags und samstags abends in Innenstädten an jedem Baum und jeder Hecke, aber auch auf Bahnsteigen, Picknickwiesen, an Bushaltestellen, sogar in dunklen Winkeln von Lokalen direkt neben den Tischen (selbst gesehen) und an jedem anderen öffentlichen Ort besoffene Männer stehen und sich erleichtern.

    – Dass ein Spaziergang an einem Samstag- oder Sonntagmorgen durch besagte Innenstädte einem Hindernislauf gleicht, bei dem man permanent K…tzlachen überspringen muss.

    – Dass in öffentlichen Verkehrsmitteln sehr oft hochgradig betrunkene Menschen unterwegs sind, die andere Fahrgäste belästigen, und dass denen dann niemand beispringt.

    – Dass der Gebrauch von Taschentüchern bei laufender Nase nicht sonderlich verbreitet ist.

    (Dafür wäre für mich die Qualität von finnischem TK-Spinat ein Problem von sehr untergeordneter Bedeutung :))

  5. Hmm, den Straßenverkehr hab ich wieder ganz anders erlebt (wenn auch meist per Fahrrad oder zu Fuß). Ich hab die Autofahrer, die am Zebrastreifen für mich angehalten haben, wohl ganz schön verwirrt, weil ich ungläubigerweise auch angehalten habe :) (Aber das war auch in Pohjanmaa ;) )

    Und der TK_spinat schmeckt wirklich scheußlich.

    Das mit den „Tischmanieren“ ist mir auch aufgefallen – besonders schlimm fand ich das, wenn ich als Gast in einer Familie eingeladen war und das trotzdem irgendwie so ablief, dass jeder irgendwann an den Tisch gekommen ist und angefangen hat zu essen. Und wer fertig war, setzte sich wieder vor den Fernseher (der ja sowieso den ganzen Tag läuft).

    – Strom- und Energieverschwendung

    LG aus dem Erzgebirge

  6. Ines: Strom-und Energie-und Papier-und Wasserschwendung!!!

    Emma: Spinat ist zum Glück nicht mein Lebensinhalt.

    Pinni: Mit Ärzten hatte ich bisher immer Glück, so scheint es, auch mit Apothekern. Und wegen der Preise: es wird schon schwierig einen guten Wein beim Alko auszusuchen, damit irgendwo zu erscheinen, ohne das alle wissen, was er gekostet hat. Es bleibt so wenig Raum fuer Unentdecktes, auch wenn das natuerlich auch nur Luxusprobleme sind.

    Myyratohtori: Selbst mit Nummer bin ich vor Kurzem so sehr geschnitten worden, dass ich es fast Tarja H. in der Bauchtanzstunde hätte berichten können und eine bestimmte Verischerungsgruppe hier einen gut zahlenden Kunden, nein zwei sogar, verlor. Überall dort, wo es keine Nummern zum Ziehen gibt, dort droht das zeitraubende Chaos!

    Und, liebe Myyratohtori-n, werdet ihr fuer immer hier bleiben oder zieht es euch ein bißchen zurueck oder hin nach Anderswo?

  7. Emma, ich habe lange nachgedacht, ob ich die freitäglichen Besoffenen mit in die Liste aufnehme. Ich habe mich dann dagegen entschieden, weil sie mich persönlich nicht weiter stören. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Betrunkener aggressiv geworden oder mich dumm angemacht hätte. Die von dir beschriebenen Begleiterscheinungen dagegen nerven mich auch und würden in meine Liste gehören. Einmal wollten wir mit einem Gast aus Deutschland essen gehen – als dort aber genau in dem Moment, als wir ankamen, ein Gast quer über den Tisch kotzte, haben wir es lieber gelassen… *örks* Und in Konnevesi gab es jemanden (junge, erfolgreiche WissenschaftlerIN (!) ), mit der ich nur schwerlich beim Mittagessen am Tisch sitzen konnte, wegen ihres permanenten Nasehochgeziehes. Dieser Punkt also auch mit auf meine Liste!

    Pinni, genau, Bäcker…! *zahntropf*

    Ines, ja, auch vergessen. Strom und Wasser sind hier irgendwie zu billig… :-/

    Und Frech, „für immer“ ist ein sehr absoluter Ausdruck. Wer kann das schon sagen… Als ich vor fünf Jahren endlich wieder hierherkommen konnte, habe ich gesagt, ich möchte gern für immer herkommen, aber fragt mich in drei Jahren nochmal. Jetzt sage ich immer noch, ich möchte gerne für immer hierbleiben, aber fragt mich in ein paar Jahren wieder. Wer weiss… Fakt ist, dass wir uns hier wohl und zu Hause fühlen und dass es mit Kindern eigentlich kein besseres Land gibt. Ich krieg‘ ja schon die Krise, wenn das Mäusekleinkind hier auf eine grössere Anzahl deutscher Kinder trifft – und würde die Kinder nur sehr unguten Gewissens in einem deutschen Kindergarten, einer deutschen Schule… wissen wollen. Aber das wäre mal einen eigenen Eintrag wert.

  8. Ha, wir haben hier auch fleißig gewitzelt, dass man Burana noch fürn gebrochenes Bein verschrieben bekommt. Lustig fand ich’s nicht mehr, als der Arzt mir nach 3 Wochen Humpelei wegen nem „kaputten“ Knöchel (der verhakt sich immer) beim zweiten Besuch immer noch n Rezept in die Hand drückte. Aber: Röntgen geht erst, wenn ich ne Woche den Mist gegessen hab…
    Und das Beste: Bevor er sich das Bein auch nur angeguckt hat, hat mir der Herr im Kittel verkündet, dass man mit manchen Dingen einfach leben muss…

    Was ich immer wieder heftig finde, ist, wenn ich den gleichen Busfahrer, mit dem ich abends heimgefahren bin, früh schon wieder im Bus treffe… Und derselbe Fahrer 10 Tage am Stück kreuz und quer durch alle Schichten fährt. Wo ich doch weiss, dass die 10 Stunden-Schichten haben. Da lob ich mir das Fahrrad.

    Mit den meisten anderen Sachen kann ich inzwischen ganz gut umgehen bzw. sie umgehen; und in Joensuu hab ich inzwischen sogar ne nette Kneipe mit winzigem aber vorhandenem Snackangebot gefunden.

  9. Ich hab mehr und mehr das Gefühl, dass Finnland mal ne portugiesische Kolonie war… Bis auf alles kulinarische auf Deiner Anti-Liste könnte ich mich komentarlos anschliessen.

  10. Also bei einigen Punkten dachte ich, du schreibst über Portugal.
    Hätte ich nicht gedacht, dass man in Finnland auch nicht am Zebrastreifen anhält, dass man als Fussgänger auch bei Grün nicht unbesorgt über die Strasse laufen kann, dass alle einfach losessen, sobald das Essen auf dem Tisch steht, dass Paracetamol vom Baby- bis ins Rentenalter als Allheilmittel angesehen wird.
    Interessant zu lesen, dass es im hohen Norden nicht so sehr anders zugeht als im Südwesten Europas.

  11. Hallo!

    Bin heute zufaellig ueber deinen Blog gestolpert und finde ihn toll!
    Habe beim Studium ganze liebe Finninnen kennengelernt und will die unbedingt mal in Finnland besuchen. Ich kann gut nachvollziehen wie du dich gefuehlt hast, nachdem du aus Finnland das erste Mal weg bist. Ging mir mit England aehnlich. Wenn man einmal das Herz verloren hat, muss man einfach zurueck. Finnland ist zwar sicherlich gaaanz anders als England aber die Englaender spinnen ja auch gern mal ;)

    Ich wuensche dir / euch weiterhin alles Gute und werde jetzt oefter mal vorbeischauen.

    gabi

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