Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

-26.3°C

3 Kommentare

Das Mäusebabymädchen patscht mir, nachdem ich sie heute früh in mein Bett geholt habe, eine kleine kalte Hand auf die nackte Brust. Ich nehme sie in meine Hand, wickele uns beide in mein warmes Federbett, wir kuscheln uns aneinander, das Mäusebabymädchen fängt an zu nuckeln, und wir beide schlafen wieder ein. Eine Stunde später schäle ich mich aus der Decke, stehe auf, und mein erster Gang führt mich, wie immer in diesen Tagen, zum Thermometer. -26,3 Grad. Wow! Ich glaube, so kalt ist es in Turku noch nie gewesen, seit wir hier wohnen.

Seltsam ist das mit uns modernen Menschen. Wir wissen nur noch vom Thermometer, wie warm oder kalt es draussen ist. Wir müssen ja nicht mal die Heizung weiter aufdrehen, wenn es draussen kälter wird. In unserer Wohnung herrschen konstante 23 Grad. Das Fenster im Schlafzimmer lassen wir dem Mäusebabymädchen zuliebe bei diesen Temperaturen auch zu, dafür öffnen wir die kleine Lüftungsklappe, durch die genügend kalte Luft hereinströmt, und drehen die Heizung ein klitzekleines bisschen auf, so dass sie ab und zu mal anspringt, wenn es doch zu kalt wird. Wacht das Mäusebabymädchen früh mit warmen Händen auf, ist es wahrscheinlich nicht so kalt, sind ihre Hände kalt, kann man von etwas strengerem Frost ausgehen. Aber das ist auch schon der einzige Temperaturindikator.

Ich lüfte kurz beim Bettenmachen. Sofort bilden sich Eisblumen am Fenster.
Draussen rauscht es, als stürme der Wind durch das Wäldchen vor unserem Haus. Das ist das Rauschen der Autos auf der mindestens 1 km entfernten Hämeentie, das durch die kalte Luft ungehindert bis zu uns dringt. Von wegen Frost und Stille!

Ich lege des Mäusebabymädchens Anziehsachen bereit. Mehr als gestern kann sie auch nicht anziehen. Irgendwann ist mit Kleidung nichts mehr zu machen, dann kann man nur noch die Zeit draussen reduzieren. Der Ähämann wird sie heute mit dem Bus zum Kindergarten bringen. „Nimm doch bitte die Vaseline mit und lege sie in ihr Fach im Kindergarten, damit ich sie wieder eincremen kann, bevor wir heimgehen.“

Auch ich habe ein vaselinegecremtes Gesicht, als ich mich auf den Weg zum Bus mache. Trotzdem zwickt der Frost schon nach ein paar Schritten in die Wangen. In der Nase gefriert der ausgeatmete Dampf. Sonst ist mir mollig warm. Wie die meisten Finnen trage ich über der Hose noch eine leichte Thermohose, die dann auf Arbeit wieder ausgezogen wird, und unter der Mütze Ohrenschützer.

Der Busfahrer hat ein Einsehen und den Bus an der Wendeschleife gleich an die Einstiegshaltestelle gefahren. Er öffnet für jeden ankommenden Passagier die Tür und schliesst sie danach wieder. Drei Haltestellen weiter steigt eine vermummelte Vorschulklasse ein. Als an der nächsten Haltestelle kalte Luft durch die geöffneten Türen in den Bus strömt, pusten sie Dampf in die Luft und lachen sich kringelig, dass das sogar im Bus geht. Dabei ist es im Bus noch wirklich warm, die Sitze sind mollig, die Handschuhe ziehe ich aus, als ich die Kuukausiliite aus dem Rucksack krame, und die Mütze behalte ich nur aus Bequemlichkeit auf. Nur die paar wenigen Mercedes-Busse, die auf unserer Linie fahren, sind schon bei -10 Grad eisekalt (und haben, nebenbei bemerkt, auch nur Platz für zwei Kinderwagen statt für drei wie die üblicheren VOLVO-Busse *grummel*).

Nachmittag. Die Sonne scheint ins Büro. Sie sticht uns dermassen in die Augen und leuchtet auf den Bildschirm, dass wir notgedrungen die Jalousien ein bisschen zudrehen müssen. Ich schätze die Temperatur auf maximal noch – 5 Grad. Denkste! Ein kurzer Blick zu FMI sagt mir: -16 Grad!

Als ich gegen vier das Mäusebabymädchen aus dem Kindergarten hole, fühlt es sich gar nicht mehr so kalt an. Ich brauche ungefähr zehn Minuten, um sie anzuziehen, beschliesse aber, weil die Sonne so schön scheint, weil wir beide noch nicht an der frischen Luft waren heute (bei weniger als -10 Grad gehen sie nicht raus im Kindergarten), und weil das Mäusebabymädchen heute Mittag nur eine Stunde geschlafen hat, nach Hause zu laufen statt mit dem Bus zu fahren. Der Schnee knirscht unter den Schuhen, der koski dampft, und die Sonne taucht alles in ein warmes Licht. Das Mäusebabymädchen schläft nochmal kurz ein im Wagen. Als wir zu Hause ankommen, sagt mir der routinemässige Blick aufs Thermometer, dass draussen nur noch -10 Grad sind. Bestimmt scheint die Sonne auf den Messfühler! Überhaupt, die Sonne – vor einem Monat noch war es um die Zeit schon stockdunkel, und jetzt können wir schon wieder Abendspaziergänge in der Sonne machen! :-) Kaum ist sie aber untergegangen, sinkt die Temperatur wieder rapide. Jetzt sind wir bei -19,4. Eigentlich sollten wir den Kühlschrank abtauen, weil wir unser Gefriergut nicht umständlich in Kühltaschen packen müssten, sondern einfach vor die Tür stellen könnten.
Aber morgen ist auch noch ein Tag.

3 Kommentare zu “-26.3°C

  1. Pingback: Etwas kühl heute | Graugrüngelb

  2. Ach Karen, durch eure zehn Jahre Finnland lese ich den Beitrag gerade. Du kannst so wunderschön beschreiben! Was ich an dir ganz besonders mag, ist, dass du eigentlich jeder Jahreszeit etwas abgewinnen kannst und davon schwärmst. Bei Matschwetter maulst du nicht, sondern erwähnst es mit einem Seufzen oder Schulterzucken. Gibt nicht viele Menschen, die nicht dauernd jammern (zu warm, zu kalt, zu nass)… =)
    Liebe Grüße,
    Kathrin

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