Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Langer Bericht von einer kurzen Geburt

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Wie das Mäusekind auf die Welt kam

Samstag, 18. März 2006

Heute hätte unser Mäusekind Geburtstermin gehabt. Aber nach einer wunderschönen, problemlosen Schwangerschaft deutet noch überhaupt nichts darauf hin, dass es sich demnächst auf den Weg in die Welt machen will. Bis vor kurzem bin ich noch mit dickem Bauch auf dem vereisten Fluss skigefahren. Der Ähämann und ich sind sehr aufgeregt, weil auch neun Monate der Erwartung uns nicht wirklich darauf vorbereiten konnten, wie es dann sein wird, wenn wir auf einmal zu dritt sind. Und wir sind sehr gespannt, ob unser Mäusekind ein Mäusemädchen oder ein Mäusejunge ist. Vor der Geburt habe ich seltsamerweise überhaupt keine Angst, nur die Nervosität ist in den letzten Tagen ein bisschen gestiegen, vor allem, seit wir die Geburtsabteilung in der Turkuer Uniklinik besichtigt haben. Seitdem erscheint uns die bevorstehende Geburt ein bisschen realer. Einen Geburtsvorbereitungskurs haben wir nicht besucht. Geburtsvorbereitungskurse hat man in Finnland vor 15 Jahren wieder abgeschafft, weil man festgestellt hat, dass die Frauen während der Geburt viel zu verkrampft waren, weil sie sich so darauf konzentriert haben, das zu tun, was sie im Kurs gelernt haben, statt auf ihren Körper zu hören. Heute vertraut man eher darauf, dass die Frauen instinktiv das Richtige tun, und auf die Anleitung der Hebamme. Für mich hört sich das sehr logisch und vertrauenerweckend an. Warten wir es also ab…

Sonntag, 19. März 2006

…aber da, auf einmal, sieht es doch so aus, als würde sich unser Mäusekind auf den Weg machen!

1:00 Uhr:

Ich hab’ immerhin schon zweieinhalb Stunden geschlafen und bin gerade auf meinem ersten Toilettengang für diese Nacht. Ich will eigentlich nur mit halbgeschlossenen Augen zurück ins Bett wanken, sogar ohne beim Ähämann vorbei zu gehen, der noch im Wohnzimmer sitzt und am Computer rumbastelt – da fange ich an „auszulaufen“. „Ist das jetzt wirklich…?“, frage ich mich, aber nein, es läuft weiter, kein Zweifel, die Fruchtblase ist geplatzt, nun wird unser Mäusekind bald kommen. Ich pelze den Ähämann ins Bett – „Falls du noch ein bisschen Schlaf haben willst…“ – und hoffe, auch selber noch ein bisschen schlafen zu können. Aber ich bin natürlich viel zu aufgeregt. Der Ähämann ist schon eingeschlafen.

2:00 Uhr:

Ich muss schon wieder aufs Klo. Kein Zweifel, das Fruchtwasser läuft und läuft. Das Mäusekind strampelt.

3:10 Uhr:

Irgendwas zieht im Bauch. Ausserdem muss ich wieder aufs Klo. In der Binde ist Fruchtwasser mit kurzen, schwarzen Haaren. Zeichen vom Mäusekind! :-) Ich geh’ wieder ins Bett, aber sieht nicht so aus, als ob ich schlafen könnte. Ich stehe auf, um nachzulesen, wie lange es nach dem Platzen der Fruchtblase dauert, bis die Wehen einsetzen. „In short time“. Aha. Was immer das heissen mag…

4:00 Uhr:

Ich kann ja mal meine mails checken. Simone hat geschrieben, wünscht alles Gute für die Geburt. Der kann ich gleich antworten, dass es wohl nicht mehr lange dauern wird. Dann schreib’ ich noch meiner besten Freundin Ines. Cool, Samstagnacht um vier mails zu schreiben…!

4:45 Uhr:

Ein bisschen müde fühle ich mich jetzt doch wieder. Einen Versuch ist es immerhin wert. Ich krieche zum Ähämann ins Bett.

4:55 Uhr:

Aua. Fühlt sich zwar nur an wie Regelschmerzen, könnte aber durchaus eine erste anständige Wehe gewesen sein. Na, egal, ich versuch’s trotzdem mit schlafen.

5:10 Uhr:

Nee, das waren jetzt bestimmt drei Wehen. Das wird nichts mehr mit schlafen. Steh’ ich eben auf! Natürlich hört alles sofort auf.

5:20 Uhr:

Ich hole mir mein Tagebuch und fange an aufzuschreiben.

5:28 Uhr:

Ich glaub’, das war ’ne Wehe.

5:48 Uhr:

Ich glaub’, das auch…

6:00 Uhr:

Irgendwas quetscht mir irgendeinen Nerv ab, die Fingerspitzen der rechten Hand fühlen sich ganz gefühllos an. Ich sollte mal aufhören mit Schreiben und ein bisschen rumlaufen…

7:00 Uhr:

Irgendwie ziept es jetzt alle 10 min. Ich bereite mal das Frühstück vor, geh’ duschen, und dann weck’ ich den Ähämann.

9:58 Uhr:

So richtig ist es mit den Wehen immer noch nichts. Aber weil man ja eigentlich, wenn die Fruchtblase geplatzt ist, gleich und sofort… fahren wir jetzt mal los ins Krankenhaus. Mit dem Bus. Draussen ist Aprilwetter – Schneestürme wechseln mit Sonnenschein. Was sich das Mäusekind für einen Tag ausgesucht hat…!

10:20 Uhr:

Ankunft im Krankenhaus. Wir müssen ein bisschen warten, bis eine Schwester angerannt kommt, sich entschuldigt, sie wäre nur Kinderschwester, keine Hebamme, aber sie hätten gerade Hochbetrieb – „So many babies…!“ Die Juhannuskinder wollen auf die Welt! (Ob es am Alkohol, an der höheren Fruchtbarkeit in der hellen Zeit oder einfach nur daran liegt, dass man über Juhannus mal ein paar Tage Urlaub gemeinsam hat – zum Mittsommerfest werden jedenfalls die meisten Kinder gezeugt in Finnland. Später sollten wir erfahren, dass an dem Wochenende, an dem das Mäusebabymädchen geboren ist, von Freitag bis Sonntag 42 (!) Kinder in der Turkuer Uniklinik geboren wurden, Sonntagvormittag allein zwölf!)

Kein Wunder, dass sie froh sind, dass meine Wehen noch nicht weiter schlimm sind und sie mich zum Warten erstmal auf eine andere Station schicken können. Aber es sei gut, dass wir gekommen sind, sagt die Schwester, denn wenn das Fruchtwasser abgegangen sei, dann solle man ein bisschen aufpassen. Ich komm’ ans CTG, bekomme Krankenhausklamotten, eine nette Hebamme redet stolz ein paar Worte Deutsch mit uns, Ultraschall, ob alles noch in Ordnung ist (und ich hoffe inständig, dass man uns nicht in letzter Minute doch noch verrät, ob das Mäusekind ein Mädchen oder ein Junge ist), ab in den 5. Stock!

11:30 Uhr:

Ankunft im 5. Stock. „Möchtest du gleich erstmal was essen?“ Es gibt nämlich gerade Mittag. Am Tisch neben uns sitzt eine Französin, die in Frankfurt studiert hat und dort ihren finnischen Mann kennengelernt hat. Sie freut sich, dass sie mit uns deutsch reden kann. Sehr nett.

12:00 Uhr:

Ich bekomme ein Bett im Zimmer bei der Französin.

Sie ist schon seit zwei Tagen da, weil ihre Fruchtblase geplatzt ist, und die Ärzte überlegen noch, ob sie die Geburt einleiten sollen oder nicht. Ihrem Baby geht’s gut, genug Fruchtwasser hat sie auch noch, nur keine Wehen. Mich nervt das Warten jetzt schon an. Der Ähämann sagt, ich solle doch noch ein bisschen schlafen. Müde genug bin ich auch. Also…

12:20 Uhr:

…kaum bin ich fast am Einschlafen, kriege ich die erste richtig fiese Wehe und muss wieder aufspringen. Ich bin froh, als sie vorbei ist, aber eigentlich sollte es jetzt ja so weitergehen. Vielleicht sollte ich mich einfach wieder hinlegen, scheint ja ein sicheres Mittel zu sein…

14:35 Uhr:

So richtig toll fühlt sich das mit den Wehen nicht mehr an. Ich laufe die ganze Zeit herum, aber es wird auch zwischen den Wehen nicht wirklich besser. Ich frage eine Schwester, wann ich mich denn wieder melden soll. „Wenn die Wehen ungefähr alle fünf Minuten kommen. Und wenn sie stärker werden.“ „Wie stark denn?“ „Naja, wenn du sie im ganzen Bauch merkst, und wenn sie wirklich RICHTIG schmerzhaft sind.“ Hm. Ich merke nichts im ganzen Bauch, es gibt auch keine Abstände, und ich finde es auch noch nicht unerträglich schmerzhaft. Was ich habe, fühlt sich an wie dauerhaft starke Menstruationskrämpfe. Mal stärker, mal schwächer.

16:00 Uhr:

Ich geh’ die Schwestern mal fragen, ob ich vielleicht noch ein bisschen heiss duschen darf, weil die Wehen jetzt doch deutlich stärker sind. „Ja, kannst du machen. Aber willst du nicht vorher noch essen? Es gibt gerade Abendbrot.“ „Nee, danke, mir ist gerade eher nach dem Gegenteil…“ „Oho, sooo schmerzhaft sind deine Wehen schon?! Dann machen wir lieber gleich erst nochmal ein CTG.“ Meiner Meinung nach zeigt das nicht allzu viel an, und ich empfinde meine Wehen noch immer nicht als RICHTIG schmerzhaft. Anscheinend stelle ich mir darunter Schlimmeres vor als es ist. Ich bin jedenfalls davon überzeugt, immer noch warten zu müssen.

16:20 Uhr:

Aber nein, jetzt geht alles sehr schnell! Nichts mit Duschen! „Ich ruf’ gleich mal in der Geburtsabteilung an!“, sagt die Schwester, und: „Deutsche seid ihr, oder? Wenn Jenni gerade frei ist, dann bekommt ihr die, die spricht deutsch.“ Und schon muss ich auf ein anderes Bett, mit dem ich runtergefahren werden soll (was ich für vollkommen lächerlich halte, ich könnte doch auch laufen!), und der Ähämann muss in Eile meine Sachen aus dem Zimmer holen.

In der Geburtsabteilung nimmt uns Hebamme Jenni in Empfang, die ein unglaublich gutes Deutsch spricht, weil sie einen deutschen Mann hat. Englisch wäre vollkommen in Ordnung gewesen, aber in so einer Situation ist es auch ganz schön, seine Muttersprache benutzen zu können.

Ich werde wieder verkabelt, habe 3-5 Wehen, die ich schon ziemlich schlimm finde, aber sowieso gehen ja alle inklusive mir davon aus, dass es noch lange dauern wird. Jenni geht nochmal kurz, und ich bekomme prompt die Hammerwehe – sehr schmerzhaft, mir ist ganz fürchterlich schlecht, und dann ist da dieser neue, ganz fürchterliche Druck nach unten. Der Ähämann klingelt nach Jenni, ich verlange eine Schüssel (die ich dann zum Glück doch nicht brauche) und berichte ihr von dem Druck. Jenni meint, sie wolle sich dann doch lieber mal den Muttermund angucken, und schon, als ich ihren erstaunten Gesichtsausdruck sehe und sie „Oho!“ sagen höre, weiss ich bescheid. Als Jenni dann sagt, der Muttermund sei schon 7 bis 8 cm offen, bin ich aber doch erstaunt. Sooo viel schon, von den paar Wehen?

Jenni setzt sich zu uns und erzählt ein bisschen was. „Solche Babys nennen wir hier „Luomu“-Babys.“, sagt sie. „Luomo“ heisst soviel wie „Öko“ und in dem Fall, eine einfache Geburt ohne Schmerzmittel.

17:05 Uhr:

Jenni meint, ich könne mich auch in den Schaukelstuhl setzen, falls sich Sitzen gut anfühlt. Ich versuch’ das mal, aber irgendwie bekommt das Mäusekinds Herztönen nicht gut. Jenni scheucht mich zurück ins Bett und kurz darauf in den Vierfüsslerstand, telefoniert, das Zimmer ist plötzlich voller Leute – noch eine Hebamme, eine Ärztin… – ich muss Sauerstoff atmen und bekomme irgendwas unter die Zunge gespritzt (später habe ich erfahren, dass es ein Mittel zum Blutdrucksenken war) und habe nur Panik, dass es dem Mäusekind schlecht gehen könnte. Die Ärztin befestigt eine Elektrode an Mäusekinds Kopf (was sich nachher noch als positiv auch deswegen herausstellt, weil der Ähämann in der Pressphase immer sieht, wie weit das Kabel bei jedem Pressen herauskommt und mir somit immer sagen kann, wie gut es vorangeht), womit die Herztöne besser überwacht werden können, weil mir der seltsame Gummigurt über dem Bauch ständig verrutscht. Und schon sind die Herztöne auch wieder besser! Puh! Die Ärztin sagt, ich könne auch schon ganz leicht bei jeder Wehe mitpressen. Juhuu!

Allerdings brauchen die letzten 2 cm Muttermund dann doch noch eine Weile, das ist anstrengend und schmerzhaft.

19:00 Uhr:

Aber jetzt ist es soweit. Jenni hilft ein wenig nach und stülpt den Muttermund über Mäusekinds Kopf zurück. (DAS tut weh!!!), erklärt mir, was ich am besten machen soll, und los geht’s. Am Anfang fühlt sich das Pressen auch nicht gerade angenehm an, aber wenn man sich erstmal dran gewöhnt hat, dann doch sehr viel angenehmer als die letzten Wehen vorher. Leider lassen irgendwann die Wehen ein bisschen nach, und damit es nicht mehr so ewig dauert mit dem Pressen, bekomme ich zur Unterstützung den Oxytocin-Tropf. Das ist tatsächlich gut, ich spüre wieder ganz genau, wann eine Wehe anfängt und kann das Pressen besser timen, merke aber von den Wehen selber durch das Pressen eigentlich gar nichts. Anstrengend ist es! Der Ähämann kühlt mir das Gesicht und reicht mir zu trinken, manchmal auf Jennis Anweisung hin zwischen zwei Wehen auch die Sauerstoffmaske, DAS tut gut, und weiter geht’s! Dann erzählt er mir bei jeder Wehe, dass er den Kopf schon sieht. Jenni macht einen Dammschnitt. Das macht tatsächlich dieses furchtbare Geräusch mit der Schere, aber es macht mir gar nichts, weil ich’s ja nicht merke, und weil ich weiss, dass es mir und dem Mäusekind hilft. „Gleich ist es da!“, sagt der Ähämann. Noch eine Hebamme und eine Kinderschwester sind auch schon da, alle weisen mich – auf deutsch, englisch und finnisch durcheinander – an, beim nächsten Mal gaaaaanz lange zu pressen. Und dann sagt der Ähämann schon: “Der Kopf ist draussen!“, und ich hab’s gar nicht gemerkt. Es war unangenehm, das Mäusekind die letzten Zentimeter herauszupressen, aber nicht so schmerzhaft, wie ich eigentlich erwartet hätte. Noch einmal pressen…

20:25 Uhr:

…und ich sehe zuerst einen winzigen, verschmierten Hinterkopf mit dunklen Haaren, dann das ganze winzige, zusammengekrümmte Wesen, irgendjemand macht ihm die Beine breit und zeigt’s uns: ein Mädchen!

Ich bekomme sie auf den Bauch und nehme sie in die Arme. Unser Mäusekind!

Jenni drückt mir nochmal auf dem Bauch rum, ich weiss, die Plazenta muss noch raus und habe ein bisschen Angst davor, ich will nicht mehr, obwohl ich weiss, dass das Schlimmste überstanden ist. Und sie kommt auch mit nur einmal pressen richtiggehend herausgeflutscht. Jenni näht ewig an meinem Schnitt rum.

Der Ähämann darf das Mäusebabymädchen baden und anziehen, ich darf unter die Dusche, dann bekomme ich endlich was zu essen. Ich hab’ soooo einen Hunger! Das Mäusebabymädchen nicht, jedenfalls zeigt sie kein grosses Interesse an der Brust…

23:00 Uhr:

Das Mäusebabymädchen und ich werden auf die Wochenbettstation gebracht und verbringen unsere 277. Nacht gemeinsam, aber die erste, in der sie mich von aussen gegen den Bauch tritt. Es ist so schön, sie endlich bei uns zu haben!

 

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