Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

”Studentenarzt? Poliklinik? Das klingt ja wie zu DDR-Zeiten…“

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… wurde ich kürzlich per mail gefragt. Und weil ich gerade vom Zahnarzt komme, dachte ich, ich erklär’ mal, wie das hier so läuft…

Kürzlich unterhielt ich mich mit Pälvi, die mir eine lustige Stelle aus dem Bericht über ihre Blinddarmoperation vorlas, über das deutsche Gesundheitssystem. Ich sagte ihr, dass man in Deutschland als Patient kaum einmal einen Bericht selbst in die Hand bekommt. Dass es zumindest bei meiner Hausärztin so war, dass jegliche Ergebnisse eines Bluttests oder was auch immer an die Praxis meiner Hausärztin geschickt wurden. Und wenn ich dann dort anrief, um das Ergebnis zu erfahren, hiess es immer, die Schwester dürfe mir darüber keine Auskunft geben. Entweder ich käme hin, oder ich müsse warten, bis die Ärztin mit ihrem gerade jeweiligen Patienten fertig sei, um mir das Ergebnis selbst vorzulesen. „Wirklich?“, fragte Pälvi, „das muss doch unheimlich teuer sein, wenn für alles, selbst für eine Auskunft, der Arzt zuständig ist.“ „Ja, das ist es auch…“ Zumindest, wenn man es mit den 1,5 % (in Worten: EINS KOMMA FÜNF!) meines Lohnes, den ich hier für die Krankenversicherung bezahle, vergleicht.

Und wie geht das, dass das hier so billig ist?

Nun, erstmal damit, dass das Gesundheitswesen hier sehr viel effektiver organisiert ist. Und dass es weniger Ärzte gibt als in Deutschland. Normal kann das ja nicht sein – in dem Jenaer Stadtteil, in dem ich meine gesamte Studienzeit zugebracht habe, gab es einen Allgemeinarzt (der immer hoffnungslos überfüllt war – von Leuten, die wirklich krank waren, aber sich eben in den einen Arzt teilen mussten, aber auch von Rentnern, die nur mal mit jemandem reden wollten und die unsere Ärztin dann immer geduldig und nett möglichst schnell wieder hinauskomplimentieren musste), aber ganze vier Frauenärzte (eine Frauenarztpraxis ist schliesslich lukrativer, auch wenn man nie mehr als zwei Patienten gleichzeitig im Wartezimmer sitzen hat – und oft weniger).
Hier gibt es pro Stadtteil ein kommunales terveyskeskus – das, was ich in meiner mail, die dann schliesslich zu obiger Frage führte, als „Poliklinik“ bezeichnet hatte, weil es das meiner Meinung nach am besten trifft – mit allen Ärzten, die man so braucht. Zwar hat man dort keine freie Arztwahl wie in Deutschland – man muss eben zu dem gehen, der einem laut Wohngebiet zusteht – aber es gibt weder zu viel noch zu wenige Ärzte pro Patient. Ein Arztbesuch im terveyskeskus kostet den Patienten wahlweise 10 € pro Besuch oder 22 € pro Jahr. Rentner, die nur mal mit jemandem reden wollen, werden dort wohl also eher nicht hingehen. Ausserdem, wenn man nichts Ernstes hat, bekommt man auch gar nicht erst einen Arzttermin.

Das ist nämlich der nächste Grund, warum es hier billiger ist: einen Termin beim Arzt bekommt man nur, wenn auch wirklich ein Arzt vonnöten ist. Hat man nur eine Erkältung, kann man ohne Anmeldung zur Krankenschwester im terveyskeskus gehen. Die schaut sich an, wie schlimm es ist, macht auch Tests, ob es z.B. eine Angina oder doch nur „harmloses“ Halsweh ist, gibt Tipps zur Behandlung oder macht, wenn nötig, doch einen Termin beim Arzt aus. Ausser dass das Geld spart, weil die Krankenschwester für eine Untersuchung nicht so hoch bezahlt werden muss wie ein Arzt, hat das auch den Vorteil, dass man eigentlich nie mit Wartezeiten rechnen muss. Bei der Schwester kommt man fast immer sofort dran, und hat man doch einen Arzttermin bekommen, ist der so gut kalkuliert, dass man auch nicht warten muss.
Auch die Schwangerschaftsvorsorge übernimmt hier nicht automatisch der Arzt. Wozu auch? Ist ja keine Krankheit. Die Hebamme in der neuvola macht Blut- und Urintests, hört die Herztöne des Babys ab und erklärt vor allem alles Mögliche und beantwortet Fragen. Zu zwei oder drei Vorsorgeuntersuchungen kommt, wenn alles normal verläuft, ein Frauenarzt in die neuvola, aber eben nicht zu jeder.

Und manche Untersuchungen sind sehr zentralisiert. Zu Beginn meiner Schwangerschaft wurden bei mir eine Reihe von Bluttests gemacht – zur Bestimmung von Blutgruppe und Rhesusfaktor und der Menge an Röteln-Antikörpern und ein Aidstest und was weiss ich alles, sechs Röhrchen Blut hat es mich jedenfalls gekostet *jetztnochschwindel*. Das hat aber nicht die Schwester in der neuvola gemacht, sondern, damit es schneller geht, wurde ich dazu in das Zentrallabor im Uni-Krankenhaus geschickt. Dorthin bekommt man eine Überweisung, auf der steht, was alles getestet werden soll, und man geht dann einfach ohne Voranmeldung dort hin, zieht eine Nummer und wartet und wartet, bis man dran ist. Da dort mindestens vier Schwestern den ganzen Tag mit nichts Anderem beschäftigt sind, als Leuten Blutproben abzunehmen, muss man auch dort kaum warten. Und auf das Ergebnis auch nicht lange. Die Proben werden ja gleich an Ort und Stelle untersucht, nicht erst aus der Arztpraxis abgeholt und ins Labor gebracht.
Zum Ultraschall muss man auch in eine spezielle Schwangerenultraschallpraxis, im städtischen Krankenhaus. Den ersten Ultraschall, in der 12. bis 14. Woche, macht ein Spezialarzt. Der war so spezialisiert, dass ich für immer in Erinnerung behalten werde, wie er plitzplatz eine Messung nach der anderen am ultrageschallten Mäusekind vornahm, uns die Messwerte mitteilte und nach jedem ein ein wenig gelangweiltes „This is normal…“ hinterherschob, während wir vor Staunen und Rührung, das Mäusekind zum ersten Mal zu sehen, uns überhaupt nicht für seine Werte interessierten. (Doch, beruhigt hat es uns schon! Aber es ist eben etwas anderes, sein eigenes und erstes Mäusekind zum ersten Mal zu sehen, als den 8236. Embryo zu vermessen.) Und wenn alles in Ordnung ist, dann hat man in der 20. Woche nochmal einen Ultraschall, und wenn da auch alles in Ordnung ist, dann war’s das. Und das reicht ja auch. Eine deutsche Freundin erzählte mir:“Naja, eigentlich hat man in Deutschland auch nur drei Mal Ultraschall, aber mein Frauenarzt hat bei jeder Vorsorgeuntersuchung einen gemacht, also insgesamt neun Mal.“ NEUN Mal?! Und nein, sie ist nicht privat versichert. Ja, auch da geht das Geld hin in Deutschland…

Das einzige, womit ich hier bisher nicht so recht zufrieden war, ist der Zahnarzt. Zahnärzte gibt es in Turku zu wenige, und ich hab’ keine Ahnung, warum man diesen Zustand nicht ändern kann. Letztes Jahr rief ich im Oktober da an und wollte gern einen Termin noch bis Jahresende. Nur so, zum Nachgucken. „Nee“, bekam ich gesagt, „das wird nichts mehr dieses Jahr.“ Es sei denn, ich hätte Probleme. Ansonsten könne ich mich nur auf die Warteliste setzen lassen. Und wann ich denn dann mit einer Untersuchung rechnen könne? „So in ungefähr neun Monaten!“ Ich bin fast umgefallen, aber da ich tatsächlich keine Probleme hatte, hab’ ich mich damit abgefunden. Im September bekam ich dann eine SMS, ich wäre jetzt auf der Warteliste vorgerückt, ich solle bitte innerhalb der nächsten Woche anrufen und einen Termin machen. Den Termin bekam ich dann für Ende Oktober. Auch dieser sehr effektiv. Mir standen genau 20 Minuten zu, in denen alle meine Zähne überprüft wurden und festgestellt wurde, dass eine alte Füllung erneuert werden müsse und ich zwei neue, kleine Löcher hätte und auch Zahnstein entfernt werden müsse. Dafür bekam ich dann zwei neue Termine, den für die Löcher hatte ich heute, den für den Zahnstein am Montag. Komisch war das schon, nach dem check-up direkt wieder heimgeschickt zu werden, statt dass die gefundenen Schäden gleich behoben werden. Aber andererseits erspart auch das allen wieder Wartezeiten: man kann ja vorher nicht wissen, ob der Patient ein Gebiss hat, an dem rein gar nichts gemacht werden muss, oder ob es eine Dreiviertelstunde dauern wird (wie bei mir heute) bis alle Schäden behoben sind. Letztendlich bin ich heute auch aus dem Staunen nicht herausgekommen – so viele Geräte und Gerätchen hatte ich noch nie bei einem Zahnarzt gesehen. Und schlimm war’s auch nicht. Allerdings recht teuer: pro behandeltem Zahn muss man nämlich 22 € bezahlen, der check-up hat mich 12 € gekostet. Das klingt viel, aber wie oft muss man das wirklich bezahlen? Letztendlich spart man doch, weil eben die Krankenkassenbeiträge so niedrig ist. Ach ja, und es gibt auch nur eine Krankenversicherung. Das läuft alles über KELA.

Als Student kann ich auch ins Studenten-terveyskeskus gehen. 35 € vom Semesterbeitrag sind dafür vorgesehen. Der Service dort soll etwas besser sein (obwohl ich mich, bis auf den Zahnarzt, nicht beklagen kann über das kommunale terveyskeskus), und auch preiswerter, dort zahlt man z.B. beim Zahnarzt nur 6 € pro halbe Stunde.

Naja, und wem das alles nicht passt, der kann ja schliesslich eine private Krankenversicherung abschliessen und zu einem der vielen privaten Ärzte gehen. Aber das sehe ich ja gar nicht ein!

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