Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Unabhängigkeitstag

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Montag, 16:01 Uhr: Ich stehe im Nahverkehrsbüro, wo ich meine normale Monatskarte gegen die endlich erhältliche Monatskarte nach Bedarf umtauschen will, vor verschlossenen Türen. Normalerweise haben die bis 17:00 Uhr auf. Aber nicht heute. Nur bis 16:00 Uhr. Nein, ich versuch’ jetzt nicht, mich in den A… zu beissen, dass die Entscheidung „Erst zu Tiimari, dann ins Nahverkehrsbüro, oder erst ins Nahverkehrsbüro und dann zu Tiimari?“ zu Gunsten ersterer Alternative ausgefallen ist! Hyvää Itsenäisyyspäivää!

Montag, 18:35 Uhr: Der liebste Ähämann ist mit mir mit dem Auto zur Post gefahren, um mir bei der Abholung des 8,4 kg schweren KELA-Pakets behilflich zu sein. Eigentlich ist die Post ja wochentags bis 20:00 Uhr geöffnet. Aber ich stehe zum zweiten Mal an diesem Tag vor verschlossenen Türen. „Heute nur bis 18:00 Uhr. Und, Hyvää Itsenäisyyspäivää!

Dienstag, 09:20 Uhr: Ich wache auf. (Es ist nämlich Feiertag, und wir dürfen ausschlafen!) Es hat frisch geschneit, ist noch halb dunkel, aber die finnische Flagge flattert schon am grossen Fahnenmast vor unserem Haus. Hyvää Itsenäisyyspäivää!

Dienstag, 09:30 Uhr: Ich stehe auf. Schliesslich wollen wir in aller Ruhe frühstücken, bevor wir zum Konzert gehen. Wir haben nämlich zwei Freikarten für das Festkonzert anlässlich des Unabhängigkeitstages im Turkuer Konzerthaus bekommen. Der Nikolaus war übrigens auch da! :-) Schön, neuerdings zu Nikolaus immer frei zu haben! Hyvää Itsenäisyyspäivää!

Dienstag, 10:55 Uhr: Wir stehen an der Bushaltestelle. Die 4 kommt mit zwei wehenden finnischen Fähnchen rechts und links auf dem Dach angebraust. Es erinnert mich an die 1.Mai- und 7.Oktober-Beflaggung der öffentlichen Verkehrsmittel damals in Karl-Marx-Stadt. Und doch wieder auch nicht. Hier geschieht das aus freiem Willen. Wenn ein Busfahrer seinen Bus mit der Fahne schmücken möchte, dann macht er das, wenn nicht, dann nicht. Und ich finde das irgendwie rührend, diese kleinen privaten Gesten. Natürlich wünschen wir ihm beim Einsteigen: „Hyvää Itsenäisyyspäivää!“.

Dienstag, 10:25 Uhr: Der Vorraum des Konzerthauses hat sich schon gut gefüllt. Festlich gekleidete Menschen, etliche Kriegsveteranen in Uniform und mit diversen Orden. Es gibt Kaffee und Törtchen für alle. Jemand geht rum und verteilt finnische Fahnen zum Anstecken. Hyvää Itsenäisyyspäivää!

Dienstag, 12:00 Uhr: Das Konzert beginnt. Natürlich mit der Nationalhymne. Alle stehen auf und singen mit. Darf ich mitsingen, wo es doch heisst “mein Geburtsland” und “Land meiner Väter”? Andererseits kann ich guten Gewissens die Worte „Kein Land, so weit der Himmelsrand, kein Land mit Berg und Tal und Strand, wird mehr geliebt als unser Land im Norden…“ mitsingen. Vielleicht gerade, weil es eben nicht mein Vaterland ist.
Es werden ausschliesslich finnische Musikstücke gespielt, zum Schluss natürlich die Finlandia. Hyvää Itsenäisyyspäivää!

Dienstag, 14:30 Uhr: Wir sind wieder zu Hause. Es ist auch schon wieder reichlich finster. Eigentlich wollten wir später noch Kerzen gucken gehen. Am Abend des Unabhängigkeitstages stellen die Finnen nämlich zwei Kerzen ins Fenster, eine blaue und eine weisse. Aber da es inzwischen in Turku mal wieder nieselt, werden wir das dieses Jahr ausfallen lassen. Hyvää Itsenäisyyspäivää!

Dienstag, 15:30 Uhr: Der Hausmeister vom „Talo-Team“ holt die Flagge herunter. Jetzt schon? Doch, doch, da war doch was mit Sonnenuntergang, und der ist ja schon vorbei… Schnell mal die Beflaggungsanweisungen in meinem Kalender nachschlagen: “Die offizielle Beflaggung beginnt morgens 8 Uhr und endet mit Sonnenuntergang, im Sommer aber auf jeden Fall 21 Uhr. Die Juhannus-Beflaggung beginnt am Vorabend 18 Uhr und endet am Juhannustag 21 Uhr. Am Unabhängigkeitstag und solchen Wahltagen, an denen die Wahllokale nach Sonnenuntergang schliessen, endet die Beflaggung um 20 Uhr.“ Na bitte, dürfen tut er eigentlich noch nicht. Aber vielleicht hat er den Satz über den Unabhängigkeitstag absichtlich überlesen, weil er 20 Uhr vorm Fernseher sitzen will. Denn:

Dienstag 18:50 Uhr: YLE beginnt die Übertragung des Empfanges bei der Präsidentin . Jedes Jahr empfängt der finnische Präsident oder die finnische Präsidentin neben den noch lebenden ehemaligen Präsidenten, den Regierungsmitgliedern, den Diplomaten, den kirchlichen Würdenträgern und den Uni-Rektoren Künstler, Sportler, Wissenschaftler, sozial engagierte Bürger, Kriegsveteranen… dieses Jahr aber z.B. auch Finnen, die bei der Tsunami-Katastrofe besondere Hilfe geleistet haben. Ich weiss eigentlich auch nicht, worin der besondere Reiz liegt, dabei zuzugucken, wie Tarja Halonen 2000 Menschen die Hand schüttelt – vielleicht ist es einfach schön, Menschen anzugucken. Wir machen das jedenfalls gern. Der liebste Ähämann mit dem Fotografenauge, ich nur so.
Gelegenheit, mich auch mal wieder zu wundern, wie das so ist mit den Finnen und ihrer Präsidentin… Als sie 2000 gewählt wurde (als ich ja bekanntermassen auch gerade im Land war), hatte ich natürlich keinerlei Ahnung von finnischer Politik und finnischen Politikern, aber die Wahlplakate waren natürlich unübersehbar. Ich weiss noch, dass ich gedacht habe:“Also die, die würde ich ja nicht wählen. Die guckt so streng…“ Da konnte ich ja noch nicht ahnen, dass sie bald „Muuminmamma“ genannt werden würde (wegen der grossen Handtasche, die sie immer dabei hat – nein, gestern nicht, gestern nur eine ganz kleine! – wegen ihres Ganges, und vor allem wohl wegen der Eigenschaften, die eine Muuminmamma eigentlich ausmachen) und zum beliebtesten Politiker Finnlands werden. Damals war sie gar nicht so beliebt. Es hiess, nur „der Süden“, nur „die Stadtleute“, hätten sie gewählt. „Das Land“ aber wollte sie eigentlich gar nicht – weil sie eine Frau war, weil sie unverheiratet mit einem Mann zusammenlebte, weil sie nicht der Kirche angehörte, weil sie überhaupt viel zu unkonservative Ansichten hatte, weil… Heute hat sie gute Chancen, die Präsidentschaftswahl im Januar als Erste in der finnischen Geschichte gleich beim ersten Durchgang zu gewinnen. Wenn keiner der Kandidaten im ersten Durchgang mehr als 50 % aller Stimmen erhält, dann gibt es eine zweite Runde, bei der nur die zwei Kandidaten nochmal gegeneinander antreten, die beim ersten Durchgang die meisten Stimmen erhalten haben. Aber Muuminmammas Chancen für einen Sieg gleich beim ersten Durchgang sind laut aktueller Umfragen recht gross. Wie läuft das noch gleich in Deutschland? Hat da schon jemals eine wirklich ins Gewicht fallende Menge an Bürgern sich eines Besseren belehren lassen? Gesagt „Okay, ich wollte den / die nicht, ich hab’s ihm / ihr nicht zugetraut, aber alle Achtung…!“? War es nicht bisher immer so, dass jemand gewählt wurde und gleich nach der Wahl das Geschrei losging „So hatten wir uns das aber nicht vorgestellt! Den / die wähle ich nicht wieder!“? Woran liegt das denn? An den Kandidaten? Daran, dass man sich in einem kleinen Land mehr mit seiner Regierung identifizieren kann? Daran, dass der Deutsche nicht glücklich ist, wenn er nicht meckern kann?
Zum Schluss noch ein nachdenkliches Hyvää Itsenäisyyspäivää!

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