Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Zwei Lektionen in deutscher Bürokratie

Ein Kommentar

Erstens.

Ich bin deutscher Staatsbürger. Ich lebe in Finnland. Ich bin in Deutschland nicht mal mehr polizeilich gemeldet. Ich werde demnächst heiraten. Und ich bin altmodisch. Das heisst, ich werde den Namen meines Mannes annehmen. Was heisst, dass alle meine Ausweise, Führerschein etc. geändert werden, bzw. – weil sich Änderungen auf den Hochsicherheitsplastikausweisen nicht gut machen lassen – neu beantragt werden müssen.
Also suchte ich heute das kleine Konsulat der deutschen Botschaft in Turku auf, um schon mal vorsichtig anzufragen, wie und wo das denn beantragt werden kann, da ich weder gewillt bin, nur dafür nach Deutschland zu fahren, noch glaube, dass sich irgendeine Meldebehörde in Deutschland noch für mich verantwortlich fühlt, da ich ja abgemeldet bin. Die nette finnische, deutsch sprechende – wo ich mir doch immer so unhöflich vorkomme, im Ausland deutsch mit jemandem zu reden! – Konsulin (oder wie heisst das?) wusste gleich, dass es mit dem Reisepass kein Problem ist, den könne ich bei ihr beantragen und sie würde es zur deutschen Botschaft in Helsinki schicken und die kümmerten sich dann. Wie das mit dem Führerschein wäre, wüsste sie nicht, aber sie könne ja gleich mal in der deutschen Botschaft anrufen und nachfragen. Dort war dann die deutsche Beamtin Schäfer am Apparat. Nachdem meine Konsulin ihr meinen Fall erläutert hatte und der Einfachheit halber gleich den Lautsprecher des Telefons einschaltete, damit wir beide gleichzeitig zuhören können, hatte ich das Gefühl, am anderen Ende des Telefons liefe das Tonband „Alles was Sie über deutsches Namensrecht wissen müssen“. In einem ca. fünfminütigen Vortrag bekam ich zu hören, dass man ja erstmal bedenken müsse, ob man den Namen denn überhaupt ändern wolle, denn nach deutschem Namensrecht… und so weiter. Eigentlich dachte ich, hätte ich gleich zu Beginn klar gemacht, dass ich darüber keine Aufklärung mehr benötige und die Entscheidung darüber schon gefallen sei, aber ich war zu perplex über diesen tonbandartigen Vortrag, um ihn zu unterbrechen (was mir wahrscheinlich auch nicht gelungen wäre, wie sich später noch zeigen sollte), ich sass nur da und schaute ab und zu augenrollend meine Konsulin an, die meinen Blick schüchtern augenrollend erwiderte. Als ich mich nach diesem Vortrag als unbelehrbar erwies und weiterhin darauf bestand, meinen Namen ändern zu lassen, belehrte mich Frau Schäfer darüber, dass in diesem Fall, und sofern ich noch keine Passakte besässe, man für mich zuerst eine solche anlegen würde. Dazu müsse ich neben der Heiratsurkunde (Aber bitte nicht der einfachen, sondern der ausführlichen!) dann auch nochmal meine Geburtsurkunde vorlegen. (Natürlich, man kann dem finnischen Meldewesen, das aus deutscher Sicht schlicht unterbesetzt ist und sich mit so verachtungswürdigen Erfindungen wie der Sozialnummer ein leichtes Leben macht, natürlich nicht trauen!) Immer zu, legt ihr Deutschen nur Akten an!!! Wenn ich damit zur Sicherung eines Arbeitsplatzes eines so qualifizierten Beamten wie der Frau Schäfer beitragen kann… Aber dürfte ich jetzt nochmal auf die eigentliche Frage zurückkommen, wie das denn eigentlich mit dem Führerschein läuft? Daraufhin sprang ein anderes Tonband an „Ja das hängt zuallerst einmal davon ab, ob Sie noch in Deutschland gemeldet sind…“ „Nein, bin ich nicht.“ „…wenn Sie nämlich noch in Deutschland gemeldet sind, dann müssen Sie das bei der dortigen Führerscheinstelle beantragen, aber wenn Sie in Finnland gemeldet sind…“ „Ja, bin ich, darum geht’s ja.“ „…dann müssen Sie das bei der finnischen Behörde beantragen. Aber falls Sie doch noch einen Wohnsitz in Deutschland haben…“ „NEIN, HAB’ ICH NICHT!!!“ Keine Chance, das Tonband zu unterbrechen. Ich also geduldig augenrollend weiter zugehört und mir weitere Einwürfe gespart. Endlich kam das Tonband zum Ende: „… dann stellt die finnische Behörde Ihnen einen neuen Führerschein aus. Wie diese Behörde heisst, kann ich Ihnen jetzt aber nicht sagen, da müsste ich erstmal mine finnische Kollegin fragen, aber die ist grad nicht da… ich hab’s nämlich nicht so mit den finnischen Bezeichnungen.“ Bitte?! Eine Botschaftsangestellte, die anderen schlimmstenfalls im bösen Ausland in Not geratenen Landsleuten, die es sicher noch weniger mit finnischen Bezeichnungen haben, mit Rat und Tat zur Seite stehen soll? Ich finde, die Frau Schäfer gehört aus der deutschen Botschaft schnellstmöglich in Deutschlands kleinstes und unbedeutendstes Meldeamt versetzt! Aufseuzfend legte ich den Hörer auf und bedachte meine Konsulin mit dem aus tiefster Seele empfundenen Satz: „Ist das schön in Finnland, da ist alles so einfach!“ Woraufhin sie mir ein fröhliches Lächeln schenkte und bemerkte, das würde sie freuen, wenn es mir in Finnland gut gefiele. Und Führerscheine stelle die Polizei aus.

Zweitens.

Der Liebste wird demnächst seine Doktorarbeit zu Ende bringen. Mal abgesehen von so unwichtigen Nebensächlichkeiten, dass er die Arbeit in 36facher Ausfertigung vorzulegen hat, jeder der an den Veröffentlichungen beteiligten Co-Autoren ein einseitiges Statement zum Anteil seiner Arbeit abgeben muss (natürlich auf dem entsprechenden Vordruck), und der Liebste für die „Einleitung des Promotionsverfahrens“ 128 € zu berappen hat (wahrscheinlich, damit davon die notwendigen Ordner und anderen Büromaterialien für seine Promotionsakte beschafft werden können sowie ein wenigstens teilweise ein Arbeitsplatz einer Mitarbeiterin des Prüfungsamtes gesichert werden kann), wird dafür erstens ein Führungszeugnis verlangt (Ich finde ja auch, dass Verbrecher kein Recht auf Erlangung des Doktortitels haben dürfen!), zweitens ALLE Zeugnisse, angefangen vom Abiturzeugnis über Vordiplom bis zum Diplom. Ich frage mich ja jedes Mal wieder (ich musste auch in Bielefeld zur Einschreibung als Promotionsstudent mein Abiturzeugnis vorlegen), wie es jemand ohne Abitur zum Vordiplom gebracht haben soll, oder ohne Vordiplom zum Diplom, aber in Deutschland scheint das offensichtlich des öfteren vorzukommen. Vielleicht braucht er auch doch noch seine Geburtsurkunde, man kann nie wissen. Schön wäre, wenn die finnische Polizei nur finnischsprachige Führungszeugnisse ausstellte. Aber leider ist man in solchen Fragen ja in Finnland sehr viel weltoffener als in Deutschland. Aber vielleicht ist Englisch für das Prüfungsamt ja schon Problem genug.

Schön, wenn einem so ausdrücklich vor Augen geführt wird, was man verloren hat in dem Moment, in dem man seinem Heimatland undankbar den Rücken gekehrt hat. Ich bin wirklich tieftraurig, das alles nicht mehr tagtäglich erleben zu dürfen!!!

Ein Kommentar zu “Zwei Lektionen in deutscher Bürokratie

  1. Also ich hielt ja schon das Promotionsverfahren in der süddeutschen Großstadt für bürokratisch. Aber da mußte ich nichts berappen, kein Führungszeugnis, das Diplomzeugnis brauchte ich nur, weil ich woanders studiert hatte, die Pflichtexemplare waren viel wenigere und dem Ansinnen, sie persönlich vorzulegen, kam ich zuvor, indem sie schon als Paket unterwegs waren, bevor die Sprache darauf kam.

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