Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Eingeholt

Ob ich die vier Säcke mit den insgesamt 100 kg Hafer noch bräuchte, fragt der Techniker per Email. Hier am Institut werden nämlich gerade sämtliche Kühlräume und Materiallager aufgeräumt und ausgemistet. Äh… Hafer?! Ich?! Was für Säcke?!

Dann fällt es mir wieder ein. Wir hatten damals für das Experiment penibelst recherchiert und gerechnet: wie viel so eine Wühlmaus durchschnittlich am Tag frisst. Wie viele Mäuse jeweils auf jeder unserer Versuchsinseln leben. Wie viele Tage der Winter hat. (Denn: zwischendurch Futter hinbringen ist nicht. Das musste alles auf einmal hin.) Dann bestellten wir beim damaligen Mitdoktoranden, der nebenher einen Pferdehof betrieb, günstig eine grosse riesige Menge Hafer. Beim Umfüllen in Bonbonkisten ging uns plötzlich auf, was wir vorher vergessen hatten: dass wir mehr als knapp 2 kg Hafer pro Maus nicht mit dem Boot transportieren können ohne unterzugehen. So blieben 100 kg Hafer unverfüttert. (Das Experiment war trotzdem erfolgreich.)

So stehe ich im Materiallager und bin doch weit weg: ganz da draussen, wo das Meer so weit ist und die Inseln nur noch kleine, rundgewaschene Felsenkuppen sind, und weiss noch ganz genau, wie das war, an dem kalten Oktobertag vor zehn Jahren, als wir mit einem Boot voller Hafer von Insel zu Insel fuhren.

Ich seufze ein bisschen und setze mich wieder an den Computer. Und dann sehe ich wunderschöne Fotos von genau da draussen, die mich soooo an die Mäusefangausflüge im April erinnern, die immer die schwierigsten waren, aber die allerallerschönsten.

Und dann werde ich unerwartet ganz sehnsüchtig.

(Und dankbar, dass ich drei Jahre lang da arbeiten durfte.)


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Volles Programm

Und dann passte in den Abreisetag auch noch ein Treffen mit dem australischen Doktor“vater“ („grosser Bruder“ wäre treffender) in Rovaniemi, wo sich unsere schon vor Monaten unabgesprochen gemachten Reisepläne zufällig kreuzten.

Nur ganz kurz, so der Plan. Aber weil es so nett war und die beiden Mäusefängerkinder, die sich vorher nur einmal in ihrem Leben gesehen hatten – als sie anderthalb waren – und die nicht einmal eine gemeinsame Sprache haben, so viel Spass miteinander hatten, blieben wir noch fünf Minuten und noch fünf Minuten und noch…

Mussten wir eben auf das Essen vor der Zugabfahrt verzichten. Gab’s dann Picknick auf dem mittleren Bett.


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Nur für reiche Doktoren

Letzte Woche war ein dicker Brief für mich im Briefkasten, mit einer Einladung zur offiziellen Promotionsfeier der Uni Turku. Diese findet jedes Jahr im Mai statt, und daran teilnehmen können alle, die bis zum Februar des Jahres promoviert haben und vorher noch nicht daran teilgenommen haben. (Ich könnte also theoretisch auch noch nächstes Jahr oder übernächstes oder in zehn Jahren.)

Beigelegt war das Programm (Donnerstag: Probe im Konzerthaus, anschliessend Dinner und Tanz; Samstag: Promotionsfeier im Konzerthaus, Prozession zum Dom, dort Gottesdienst, abends Dinner und Tanz; Sonntag: Segelausflug nach Naantali, Mittagessen im besten Restaurant am Platz), ein Anmeldeformular, eine Kleiderordnung (einzeln aufgeschlüsselt für „Doktor, weiblich“, „Doktor, männlich“, „Partner des Doktors, weiblich“, „Partner des Doktors, männlich“ und „anderer geladener Gast, männlich“, „anderer geladener Gast, weiblich“) sowie Anweisungen für die Bestellung des Doktorhutes und des Doktordegens, beide für die Feier unabdingbar. Ach ja, und die Preisliste: 250 € pro Person für die Veranstaltungen. 275 € für den Degen. Der Preis für den Hut variiert je nach Hutfabrik zwischen 495 und 650 €. (Dabei hab’ ich ja schon einen! ;-) ) Mal davon abgesehen, dass die geforderten Kleider für mich und der Frack für den Ähämann ja auch nicht schon bei uns im Kleiderschrank hängen.

Dazu fällt mir eigentlich nur ein, Else Buschheuer, deren New-York-Tagebücher ich letztens alle mal wieder gelesen habe, zu zitieren:

Bin ich Jesus?! Wächst mir Gras aus den Taschen?!


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Wissenschaftlermutter

I am happy to report that the EiC of Ecography has decided to welcome a revision of your manuscript. I think we can accept this manuscript for publication if you make the changes requested by the referees. Please submit the revision within 2 months.

:-)

(Von wegen geschafft…!)

Bloss gut, dass das Mäusekleinkind seit Montag wieder bis kurz nach zwei in den Kindergarten geht und ich das Experiment Mäusebaby schläft im Wagen schon am zweiten Tag wieder aufgegeben habe. Mit friedlich schlafendem Baby vorm Bauch kann ich wesentlich klarere Gedanken fassen als mit Baby, das alle 20 min aufwacht. Ausserdem soll man ja ruhig auf den Rat von Kollegen hören! ;-)


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Seltsame Gebräuche

Für alle, die sich gewundert haben, dass meine Verteidigung ”so feierlich” war und Opponent und Kustos so fein angezogen – das ist hier so, und es gibt ein ganzes Regelwerk dafür, wie z.B. so eine Verteidigung abzulaufen hat und wie die Beteiligten gekleidet zu sein haben. Für die (meist) am Abend danach stattfindende karonkka, die Doktorparty, die offiziell nicht etwa für den Doktoranden frischen Doktor stattfindet, sondern ”zu Ehren des Opponenten”, gibt es ein ähnliches Regelwerk mit Sitzordnung, Kleiderordnung und wer wann wie eine Rede zu halten hat.

Lustig sind aber eher die – wortwörtlich – ungeschriebenen Regeln.

Dass zum Beispiel Punkt 12 vor der Verteidigung (die immer 12:15 Uhr anfängt) Doktorand, Opponent und Kustos ein Glas Kognak zusammen trinken. Nachdem Erkki mich allen Ernstes gefragt hatte, ob ich ein Glas möchte und ich mit Hinweis auf meinen Reproduktionsstatus ;-) leider ablehnen musste, war er zunächst ein wenig verwirrt. Als ich ihm vorschlug, ich könne ja aus dem dritten Glas Wasser trinken, war er nur noch mehr verwirrt. (Auf solche Ideen können ja auch nur Nicht-Finnen kommen…!) Als ich ihm vorschlug, meinen Kognak könne gern auch jemand anders für mich trinken, war er sichtlich erleichtert. Den Kognak bekam dann der ”gesprächige Toni”, der sich sehr darüber freute, dann aber auch prompt während der Verteidigung einschlief. (Übelnehmen kann man es ihm eigentlich nicht, 2 ½ Stunden können für das Publikum doch ganz schön lang werden – und dabei war das noch eher ”kurz”!)

Oder dass der Doktorand, nachdem der Opponent alle seine Fragen gestellt und sein mündliches Statement abgegeben hat, das Publikum fragen muss, ob es auch noch eine Frage hat – aber bitte um Himmelswillen niemand eine Frage stellen darf! (Sollte jemand aus dem Publikum aus Unwissenheit oder Ignoranz tatsächlich den Faux pas begehen, sich zu Wort zu melden, dann gibt es eine Reihe von Folgeregeln: dass derjenige dann auch zur karonkka eingeladen werden, die Einladung aber bitte höflich ablehnen muss.)

Der Kustos ist übrigens nur dazu da, eventuellen Handgreiflichkeiten ;-) zwischen Doktorand und Opponent vorzubeugen, weswegen er die ganze Zeit da vorne in der Mitte sitzen muss, ohne eigentlich etwas zu tun zu haben (und einschlafen darf er bitte auch nicht!), und den Beginn und das Ende der Verteidigung zu verkünden.

So ist das hier.
Aber ich find’s schön, dass vier Jahre (oder wieviel auch immer) Arbeit nicht einfach so mit einer halben Stunde Befragung durch ein schlecht vorbereitetes und schlecht gekleidetes Prüfungskomitee und, wenn man Glück hat, mit einer anschliessenden Grillparty auf dem Institutshof, ihren Abschluss finden.


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Die nächsten 30 Stunden oder so würde ich gern überspringen.

Und komisch – wenn man gleichzeitig schwanger ist, dann fallen einem immerzu so seltsame Vergleiche ein. Dass man z.B. neun Monate lang weiss, dass das Kind am Ende irgendwie raus muss, nur… Und dass man genausogut vier Jahre lang weiss, dass man am Ende diese Veranstaltung zu absolvieren hat, nur…

(Nur, dass ich mir sicher bin, dass ein Kind auf die Welt bringen nicht halb so schlimm ist.)


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Gedruckt:

(Und online.)

Langsam wird der Stress weniger. (Die Aufregung dafür mehr.)

Dafür wird mir jetzt allmählich wieder bewusst, dass es auch noch ein ”Leben nach der Verteidigung” geben wird. Dass ich in ca. 8 Wochen wieder einBaby haben werde!

Da die Schwangerschaft bisher wieder genauso unkompliziert und ohne Probleme verlaufen ist wie beim ersten Mäusekind, diesmal auch viel weniger vorzubereiten ist (klar, Bettchen KELA-Kiste aufbauen und den Kinderwagen wieder umbauen und die winzigkleinen Babyklamotten einräumen – aber es muss ja nichts Grösseres mehr angeschafft oder eingerichtet werden, weil alles schon da ist), habe ich über dem Stress der letzten Wochen gar nicht mehr so wirklich darüber nachgedacht. Andererseits hat mich die Doktorarbeit auch viel weniger gestresst, weil dieses kleine strampelnde Wesen in meinem Bauch mich ständig daran erinnert hat, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt.

(Eigentlich sehr praktisch, diese Kombination!)

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