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Kaum hat sich das frische Gras 2 cm aus der graubraunen Erde gekämpft, wird es gnadenlos niedergemetzelt.
(Und ich dachte immer, diese Rasenmäherei sei etwas typisch Deutsches.)
Samstagnachmittag. Vielbefahrene vierspurige Strasse. Völlig demoliertes Buswartehäuschen. Daneben ein anderthalb Meter hoher, schwarz zusammengeschmolzener Schneehaufen. Darauf ein kaputtes Auto. Entgegen der Fahrtrichtung. Die kaputte Motorhaube Richtung Bushäuschen.
Oh, schlimmer Unfall, denkt der unerfahrene Vorüberfahrende zunächst. Aber, keine Polizei? Kein Krankenwagen? Kein Abschleppauto? Und sogar der kaputte Werbeschaukasten des Bushäuschens ist schon professionell verhüllt und gesichert. Und das Unfallauto steht immer noch da? Und keine Menschenseele daneben?
Jahaa, grinst der erfahrene Vorüberfahrende, da hätten wir also mal wieder ein Beispiel finnischer Verkehrserziehung.
Statt teurer Plakate, wie an deutschen Autobahnen, werden in Finnland nämlich schrottreife Unfallautos in Strassengräben, an Brückenpfeilern und vor Laternenmasten drapiert. Einst stand sogar in unserer ruhigen Nebenstrasse drei Tage lang ein Auto in einer Vorgartenhecke.
Nützt vermutlich genauso wenig wie makabre Plakate.
„Wievielmal müssen wir noch schlafen, bis Winter wird?“ fragen die zwei grossen Mäusekinder seit Wochen täglich.
Ich gäbe ihnen darauf gern eine präzise Antwort, möglichst mit einer Zahl kleiner als dreissig. Aber leider kann ich noch viel weniger den Winter vorhersagen, als die Damen und Herren vom finnischen Wetterdienst, die derzeit fast stündlich ihre Vorhersagen wieder ändern, und zwar grundlegend.
Immerhin hatten wir schon zwei Mal morgens Raureif. Heute Vormittag habe ich mit dem fiebernden grossen Herrn Maus ausdauernd „Schneeflöckchen, Weissröckchen“ gesungen. Und dann haben wir das Futterhaus aufgehängt. Bodenfrost gab es heute früh immerhin doch schon. Beim Mittagessen konnten wir dann die ersten hungrigen (und glücklichen, wie der grosse Herr Maus betonte) Meisen beobachten, wie sie gemeinsam mit uns ihr Essen einnahmen.
Dennoch warten wir alle auf Schnee.
Ich vor allem deshalb, weil ich dann nicht mehr täglich die sandverkrusteten Schneeanzüge und Anoraks waschen muss. Und weil es dann nicht mehr so dunkel ist.
Die Mäusekinder, weil sie endlich Schlitten- und Skifahren gehen wollen. (Vorerst haben sie entdeckt, dass man auch mit dem Sandwägelchen prima den steilen, asphaltierten Weg vorm Haus hinunterrollen kann. Das ist ein kleiner Trost.)
Sogar manche skiverrückte Erwachsene scheinen es nicht mehr erwarten zu können. Aber wir wären ja nicht in Finnland, wenn’s dafür keine Lösung gäbe: wem es zu doof ist, in einem Tunnel Langlauf zu betreiben, der kann ja schon mal auf alten Schneeresten die neue Skisaison begrüssen.
(Die spinnen wirklich, die Finnen…! Wir singen dann lieber mal weiter fleissig „Schneeflöckchen, Weissröckchen“ und warten auf den richtigen Winter…)
„Weltgrösster finnischer Zirkus“, las ich neulich auf einem Plakat.
„Echter finnischer Kebab“ wurde heute an einem vorbeifahrenden Taxi beworben.
Frühlingshaftes Wetter lasse noch mehrere Wochen auf sich warten, vermeldete YLE gestern. Grund dafür sei die dicke, lückenlose Schneedecke, die immer noch ganz Finnland bedecke. Selbst im Süden des Landes würde es noch mindestens zwei bis drei Wochen dauern, bis die verschwunden sei.
Allerdings, räumt der Reporter ein, hänge das Tauen natürlich sehr von der Witterung ab. Wenn es zum Beispiel viel regne, und das sei in den nächsten Tagen zu erwarten, würde das die Schneeschmelze ein wenig beschleunigen.
Aber hallo! Nach fünf Monaten Winter hat dann auch der Letzte (sprich: ich) genug davon. Als es letzte Woche wieder schneite, hörte man allerorten entweder ein zorniges „Jetzt reicht’s aber!“ oder ein resigniertes „So ist er eben, der finnische Frühling…“
Wenn ich, jetzt mal angenommen, Reporter bei YLE wäre, ich würde dem geplagten Volk Hoffnung machen: Regen erwartet, Schneeschmelze wird einsetzen, Weg frei für den Frühling. So in der Art.
Aber wie der Finne so ist: immer noch eins drauf!
Nach der 83 Ausschau gehalten und dabei das Kennzeichen INR-I gesehen. Da hat man’s mal wieder, dass Geld – so ein Wunschkennzeichen kostet hier 1000€! – und guter Geschmack selten miteinander einhergehen.
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Ein pakettiauto überholt, das Werbung fuhr für den „Bootsladen für die ganze Familie“. Ein Buster für Papa, ein Segelboot für Mama, ein Gummiboot für das Mäusemädchen, ein Fernlenkboot für das Mäuseknäbchen, ein Badewannenboot für den Minimäuserich. Oder so.
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Noch ein pakettiauto überholt, neongelb mit schwarzer Schrift: „B8 zur Breitspurstrasse! Ilpo Irgendwas“. Nachname, Kandidatennummer und Partei liessen sich auf die Schnelle weder lesen noch merken, so dass wir leider nichts werden tun können zur Verbesserung der Verkehrssituation zwischen Turku und Pori. (Die mir im Übrigen gar nicht so verbesserungsbedürftig erscheint.)
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Grüne Welle ist in Finnland immer noch unbekannt.
Immer, wenn ich im Winter mit dem Auto beim Abbiegen ein bisschen rutsche, muss ich an die Lieblingstechniker denken. Und an „mein“ erstes Auto.
Hier liegen fünf Monate im Jahr Schnee. Der Winterdienst funktioniert hervorragend. Die Strassen werden nur geräumt, selten gestreut, nie gesalzt. Wenn sie zu schlimm vereist sind, kommt so ein fahrbahnbreites Ungetüm, das die Spurrillen unter viel Getöse abschleift und eine mächtige Eiswolke erzeugt. Alle Autos haben Spikereifen.
Als ich das erste Mal nach Finnland kam, hatte ich noch nicht sehr viel Autofahrerfahrung. Ich hatte kein eigenes Auto, und auch keinen besonders grossen Spass am Autofahren. Ich fuhr halt, wenn mich jemand netterweise dazu zwang, um nicht ganz aus der Übung zu kommen. Sonst nicht.
Und nun war ich plötzlich gezwungen, mit einem der alten Stationsladas tagtäglich über verschneite und vereiste Strassen zu meinen Mäusegehegen zu fahren. Den roten hatte ich am liebsten. Der hatte immerhin halbwegs gut funktionierende Bremsen. Dafür sprang der blaue besser an. Beide brachen unheimlich schnell hinten aus, wenn man zu schnell um die Kurve fuhr oder zu plötzlich bremste. Anfahren musste man seeehr gefühlvoll. Den ersten Gang habe ich den ganzen Winter über nicht benutzt.
Am Anfang sass ich mit schwitzigen Händen und klopfendem Herz hinterm Lenkrad, fuhr sehr vorsichtig und konzentriert und hoffte, dass ich nicht zu schlimm rutschen würde, dass ich mich auf der kleinen Parkfläche vor den Gehegen nicht festfahren würde, sollte Kulta Naapuri noch nicht geräumt haben, und hoffte inständig, dass der Rote hinterher auch wieder anspringen würde. Handys waren damals in Finnland schon gang und gäbe, nur ich hatte noch keins.
Allmählich wurde ich sicherer. Geht doch, dachte ich. Und fuhr jeden Tag ein bisschen entspannter die 11 km zu meinen Gehegen und zurück.
Manchmal fuhren die Techniker mit, um mir in den Gehegen zu helfen und mir Gesellschaft zu leisten. Dann wurde ich chauffiert. Und wie! Sie behaupten alle bis heute, Winter sei schrecklich. Sie beim Fahren zu beobachten straft diese Behauptung Lügen. Vollkommen. Fahren macht offensichtlich erst dann richtig Spass, wenn man um jede Kurve rutschen und mit Hilfe der Handbremse wenden kann. Ich lernte, was man alles gefahrlos mit so einem Auto auf vereisten Strassen anstellen kann. Ich begann, auch Spass daran zu haben, jedes Mal beim Abbiegen das letzte Stück zu rutschen. Ich bekam ein Gefühl für „Rad auf vereister Strasse“, das mich keine Fahrschule hätte lehren können, und das mir sogar half, als ich hier in Turku zum ersten Mal im Schnee Fahrrad fuhr.
Ein einziges Mal habe ich den blauen Lada im Schnee festgefahren. Zum Glück nicht bei meinen Mäusegehegen, sondern hinter der Sägemühle. Von dort konnte ich den einen Kilomter locker zur Forschungsstation zurücklaufen und war noch pünktlich zum Mittagessen. Die Techniker schwangen sich grinsend in den heiligen Stationstoyota und holten den Blauen zurück.
Und wenn’s dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis tanzen. Oder so. Eines Samstags fuhr ich mit dem Roten auf den nächsten See. Weil da ein Motorradrennen stattfand. Auch auf dem See. Zugeschaut wurde aus den rund um die Rennstrecke geparkten Autos. Toll war das!
Ich war fast ein bisschen traurig, als die Märzsonne die Strassen plötzlich schneefrei und trocken machte.
Wenn mir mal einer erklären könnte, wozu man extraharten (= sich ewig nicht auflösenden) Würfelzucker braucht?!
Und warum man fettfreie Milch in den Kaffee schüttet?!





