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Es gibt – meiner Erfahrung nach – nur zwei Sorten von Sommer in Finnland: gute und schlechte. Ich wage mal die vorsichtige Prognose, dass dieser zu den guten gehören wird. Zumindest sieht es seit vier Wochen so aus. Es ist warm, immer über 20 Grad, aber oft auch 26 oder 28, und es scheint die Sonne. Seit vier Wochen. Manchmal regnet es - nachts. Das freut die Gärtner. Und tagsüber scheint dann wieder die Sonne. Gestern und vorgestern hat der Sommer für zwei Tage Pause gemacht - es war ein wenig kühler, und hat ziemlich geschüttet – um ab heute mit voller Kraft zurückzukommen. Meinetwegen könnte es noch viel wärmer werden. Nur ausgerechnet unsere Italienerin braucht jetzt schon einen kalten Waschlappen auf dem Kopf:

Drei Wochen nach Anniinas Geburt dachten wir schon, wir müssten dringend eine neue Waschmaschine anschaffen. Soooo neu ist unsere ja auch nicht mehr, aber soooo alt nun eigentlich auch wieder nicht. Aber als wir zum Windelnwaschen zum ersten Mal überhaupt das 90-Grad-Programm in Benutzung nahmen, hörte sie beim Spülen einfach auf. Im 60-Grad-Programm, das wir meistens sowieso ausreichend für die Windeln halten, schaffte sie es immerhin bis zum Schleudern. Aber nicht weiter. Nicht wirklich toll, wenn man jeden Tag waschen muss.
Da aber in Finnland gern Sachen repariert werden – es gibt die lustigsten, winzigen Werkstätten mit leidenschaftlichen Bastlern – dachten wir, wir fragen doch erstmal in unserer Lieblings-Haushaltsgerätewerkstatt. Samstagnachmittag kurz vor Ladenschluss führte unser Lieblingselektriker, der damals auch unseren neuen Herd angeschlossen hat, mit uns gemeinsam eine Ferndiagnose durch – denn wir waren ein bisschen unentschlossen, ob es sich überhaupt lohnt, die 48 € für einen Kostenvoranschlag plus 12 € Fahrtkosten zu bezahlen. Am Ende der halben Stunde hatte er uns eigentlich alles genau beschrieben, was es sein könnte und wie wir das selber checken könnten – und vielleicht gerade deshalb entschieden wir, die 60 € doch auszugeben. Montag war er da, baute die Maschine auseinander und erklärte mir in schon gewohnter Weise alles, was er da tat und prüfte, und ich kenne mich jetzt bestens mit dem Innenleben von Waschmaschinen aus. (Vor allem weiss ich jetzt, warum Waschmaschinen so schwer sind: weil sie einen Betonklotz oben auf der Trommel haben, damit selbige nicht heraushüpft beim Schleudern.) Leider fand er keinen einfach zu behebenden Fehler, sondern befand, es wäre doch die halbmechanische Steuereinheit, die Probleme machen würde, und es wäre ein Jammer, weil es so eine schöne Maschine wäre und auch noch so gut erhalten… Es tat ihm sichtlich leid, dass er nichts tun konnte, und kassierte nur die 48 € - „Der Kunde, bei dem ich vorher war, hat gar nicht so weit weg gewohnt…“ – und machte sich, weil Anniina im Tragetuch allmählich unruhig zu werden begann, ganz fix ans Wiederzusammenbauen und Aufräumen – „Damit ich ihren Rhythmus nicht ganz durcheinanderbringe.“ Nebenher hatte er aber noch Zeit für die Bemerkung: „Wahrscheinlich wird es der Steuereinheit zu heiss bei den 60- und 90-Grad-Programmen, und dann setzt sie aus.“ Da ging mir ein Licht auf: wir haben doch seit Anniinas Geburt diese dicke Plastewickelunterlage auf der Waschmaschine liegen. „Kann es daran liegen?“ „Nee, glaube ich nicht…“
Aber ich! Seit wir die Wickelunterlage zum Waschen runternehmen, funktioniert unsere Waschmaschine wieder. Ausser, es ist so warm wie heute und ich quäle sie mit dem 90-Grad-Programm. Da streikt sie dann doch. Und ist auch nur willens, das Spülprogramm zu starten, wenn ich ihr vorher den Kopf kühle. Dass die Windeln dann ziemlich nass aus der Maschine kommen, weil man im Spülprogramm nur mit 800 statt 1200 Umdrehungen schleudern kann und ich für dann noch hinterher das Schleuderprogramm wirklich zu ungeduldig und auch zu geizig bin, macht an solchen Tagen auch nichts – in der Sonne im Garten sind sie ratzfatz trocken.
Und weil wir gerade bei Hausfrauenthemen sind: der Kühlschrank setzt auch bei jedem Öffnen mehr Eis an:

Aber den kann ich bei diesem Wetter beim besten Willen nicht abtauen. (Allerdings wohl auch nicht mehr bis zum nächsten geeigneten -15-Grad-Frosttag warten…)
Ich kriege das schon alles irgendwie in den Griff. Hauptsache es bleibt noch gaaaanz laaaange Sommer!!!
Jedes Jahr das Selbe: gleich nach Juhannus ist die brennendste Frage: Wie viele? Wie viele Leute sind umgekommen, weil sie besoffen in der Sauna eingeschlafen sind, weil sie besoffen Boot gefahren und ins Wasser gefallen sind, weil sie sich im Suff duellieren mussten…? Dieses Jahr also elf. Sieben ertrunken, einer vom Auto überfahren, einer vom Zug überfahren, zwei erschossen.
Dabei gäbe es eine so viel schönere Bilanz zu ziehen…!
Immerhin meldete YLE am Sonnabend, dass dieses Jahr bei Kontrollen im Archipelago die Boote in besserem Zustand gewesen wären als letztes Jahr und die Leute auch konsequenter ihre Schwimmwesten getragen hätten. Anscheinend haben bei den braven Finnen ein paar Werbespots mal wieder geholfen…
Die Sonne scheint heute bei uns 19 Stunden. Von 4:03 bis 23:03 Uhr. Um fünf Anniina zum Stillen ins Bett zu holen, fällt schon seit Wochen jeden Tag leichter. (Ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie es sein muss, im November oder Dezember ein Neugeborenes zu haben. Ich wäre wahrscheinlich schon umgekommen vor Müdigkeit.) Wenn ich müde bin, dann ist das meine eigene Schuld: weil ich abends nicht ins Bett komme. Obwohl Anniina seit um neun schläft, schaffe ich es selten vor um elf ins Bett. Dieses Licht abends ist einfach zu schön!
Die Sonne lacht ihre 19 Stunden von einem wolkenlosen Himmel. Es ist heiss. Es weht immer ein angenehmer Wind. Die Schulkinder haben Ferien, die Erwachsenen Sommerurlaub. In den Gärten wird Rasen gemäht, am Fluss geangelt. Die Stadt ist schon ziemlich leer. Der Bus hat einen Juni- / Juli-Fahrplan mit seeeehr eingeschränkten Fahrzeiten. Hier draussen bei uns sind nur Fahrradfahrer und Mütter mit Kinderwagen unterwegs. Am Himmel zieht eine Finnair-ATR ganz leise brummend irgendwelche Übungsrunden über dem Flughafen. Junge Bachstelzen hüpfen vor den Kinderwagenrädern rum. Soooooommer!
Nun haben wir noch das Juhannus-Wochenende vor uns, um den längsten Tag gebührend zu feiern, bevor dann der Herbst kommt…
Am längsten Tag 2004
Am kürzesten Tag 2004
Am längsten Tag 2005
Am kürzesten Tag 2005
Das ist mal wieder so eine Woche, wo ich jeden Tag gen terveyskeskus pilgere. Aber ich bin eher hocherfreut darüber als genervt. Es ist nämlich so, dass ich endlich entdeckt habe, wie viel besser der Studentenarzt als das kommunale terveyskeskus ist. Die Erfahrung mit dem Heuschnupfenrezept hat mich zwar sehr geärgert, aber was das Fass letztendlich zum Überlaufen gebracht hat, war mein letzter Besuch da: Ich habe seit ein paar Monaten etwas in meinem Auge (ein Pterygium, wie ich nun seit heute endlich weiss), was da nicht hingehört, und nachdem die Aufregungen der Schwangerschaft und Geburt und der ersten Wochen mit Anniina sich ein bisschen gelegt hatten, fing ich doch an, mir Sorgen zu machen, was das da eigentlich ist. Immerhin gab mir die Schwester im terveyskeskus bereitwillig einen Termin beim Arzt – allerdings nicht wie erwartet beim Augenarzt, sondern, wie immer, erstmal bei der Allgemeinärztin. Die allerdings nicht so recht wusste, was sie von dem Ding in meinem Auge halten sollte. Zwar beteuerte sie immer wieder beruhigend, es wäre nichts Schlimmes, aber woher bitte will sie das wissen, wenn sie gar nicht weiss, was es überhaupt ist? Ich solle doch erstmal eine Weile meine Heuschnupfen-Augentropfen nehmen, und dann mal weiter sehen. Sollte das Ding weiter wachsen, dann würde sie mich eventuell (!) doch mal zum Augenarzt schicken. Also nee. Ich seh’s ja ein, dass man nicht mit allem zu einem Facharzt muss, aber wenn der Allgemeinarzt am Ende ist mit seinem Latein, dann wäre es vielleicht doch angebracht, mal einen Spezialisten ranzulassen.
Der Ähämann ist inzwischen drauf und dran, doch eine private Krankenversicherung abzuschliessen (die im Übrigen nicht wirklich privat ist, sondern nur eine Erweiterung der Grundversicherung über KELA und somit auch gar nicht so teuer ist).
Aber ich, als ich gestern mit Anniina zur neuvola ging, ergriff erst mal die Gelegenheit beim Schopfe (terveyskeskus, neuvola und Studentenarzt sind alle im gleichen Gebäude) und trug mein Anliegen bei YTHS nochmal vor. Und, kaum zu glauben - gleich heute hatte ich einen Termin beim Augenarzt, und die Auffrischung meiner FSME-Impfung – um die ich schon grösste Kämpfe befürchtet hatte – ist auch kein Ding: heute konnte ich mir das Rezept für den Impfstoff abholen, habe ihn in der Apotheke gekauft, und morgen habe ich einen Termin bei der Schwester, die verabreicht mir ihn dann.
Ich frage mich, warum ich nicht schon die letzten zweieinhalb Jahre da hin gegangen bin. Und jetzt überweise ich gleich meinen (für Doktoranden freiwilligen) Semesterbeitrag für nächstes Jahr!
Was mir im Laufe der Zeit so aufgefallen ist:
• In Finnland gibt es keine Kaninchen. Dafür Hasen in Hülle und Fülle. Sogar in der Stadt. Natürliche Feinde scheinen sie auch nicht allzu viele zu haben. Zumindest hier bei uns sitzen sie auf den Feldern mit gerade mal drei Zentimeter hohen Raps- oder Getreidepflänzchen wie auf dem Präsentierteller und mümmeln in aller Gemütsruhe.
• Alles wild wachsende Grünzeug hat RIESIGE Blätter. Zuerst ist uns das beim Löwenzahnsammeln für die Meerschweinchen aufgefallen. Ein Löwenzahnblatt erreicht locker mal die Grösse eines Salatblatts. Aber auch Birkenblätter sind bis zu kinderhandtellergross. Irgendwie muss man ja den kurzen Sommer und das Dauerlicht nutzen!
• Dafür gibt es in Finnland keine Gänseblümchen. Dabei hätten die bei den rasenmähverrückten Finnen beste Wachstumsbedingungen. Aber nein, nirgends nicht ein einziges kleines Gänseblümchen. Ich weiss, ich weiss, ich bin die Ökologin und noch dazu eine, die sich mit eingeschleppten Arten befasst, und sollte es daher besser wissen – aber vielleicht könnte trotzdem der nächste Besuch aus Deutschland ein, zwei Gänseblümchenpflanzen für unseren Garten mitbringen?
• Man kann sich tatsächlich an Mückenstiche gewöhnen. Die Frage ist nur, ob es 5, 15 oder 50 Stiche braucht, bevor es nicht mehr juckt. Meine persönliche Grenze liegt ungefähr bei 20. Im Herbst gibt es eine neue Sorte Mücken, da muss man dann leider mit der Gewöhnung wieder von vorn anfangen. Und leider fühlen sich sowohl Mückenstiche als auch Sonnenbrand in der Sauna besonders schlimm an…
• Aber das Allerlustigste sind die finnischen Igel. Die rollen sich bei Gefahr nicht ein, die RENNEN WEG! Wenn gar kein Entkommen ist, dann – das durfte ich mal bei einer Igelmama mit Kindern in Konnevesi beobachten – wird sich nicht zu einer kompletten Kugel eingerollt, sondern nur soweit, dass man die Beine noch zum Hochspringen und Dem-Feind-seinen-stachligen-Rücken-in-die-Schnauze/den-Handteller-Hauen frei hat. Eilig haben sie’s, die finnischen Igel, keine Zeit, den kurzen Sommer mit Einrollen und Abwarten zu vergeuden!

Und zur Feier des Tages hat das arme Kind seine erste Dreifachimpfung bekommen!
Seit Freitag ist Anniina endlich offiziell deutsche Staatsbürgerin. Bisher war das arme Kind staatenlos. Zwar wurde sie auf dem maistraatti von Anfang an als Deutsche geführt, aber für die deutschen Behörden braucht es natürlich ein bisschen mehr als die Tatsache, dass das Kind zwei deutsche Eltern hat. Nämlich: einen Auszug aus dem finnischen Melderegister, einen Geburtsschein aus dem Krankenhaus, ein Passbild, die Geburtsurkunden der Eltern, die Heiratsurkunde der Eltern (allerdings, wie gehabt, nicht die offizielle, kürzere, sondern die ausführliche, die eigentlich nur für den Gebrauch auf dem maistraatti bestimmt ist), einen Antrag und die Anwesenheit des Kindes sowie beider Eltern auf einem deutschen Konsulat oder der deutschen Botschaft. Ganz einfach also. ;-) Es hat uns auch nur eine Fahrt nach Helsinki, anderthalb Stunden Papierkrieg sowie 70 € in bar (!) – denn wir befinden uns zwar in Finnland, wo man an jedem Kiosk mit Bankkarte bezahlen kann, aber letztendlich doch auf deutschem Hoheitsgebiet – für die Ausstellung ihres Passes (in den unbedingt ihre Grösse einzutragen ist – das fanden wir neben dem Passbild den grössten Witz!) und Eintragung in unsere Pässe gekostet. Um eine deutsche Geburtsurkunde für Anniina zu bekommen – für die sich hier kein Schwein interessiert, aber die wir garantiert brauchen, sollten wir auch nur irgendeine kleine Sache in Deutschland für sie zu klären haben – steht ungefähr noch einmal so viel Papierkrieg an. Allerdings haben wir dafür jetzt noch einmal drei Monate Zeit.
Auf die Botschaft zu gehen war wie immer ein Erlebnis. Nebenan befindet sich die Botschaft irgendeines südamerikanischen Staates, dort wuchert das Gras und stehen hohe Bäume, eingezäunt von einem Holzzaun, dessen Tor sperrangelweit offen steht. Nebenan, bei den Deutschen, gibt es auf dem gepflasterten Hof eine – na? – natürlich! – Eiche! Auf dem Hof schmort in der Sonne ein Wachmann, der Besucher, die hinter übermannsgrossen Eisenzäunen klingeln und warten müssen, einlässt, nachdem sie ihr Begehr vorgetragen haben. Ein Blick auf das Baby genügte in unserem Fall. Die Botschaftsangestellten, die für solcherlei Angelegenheiten wie unsere zuständig sind, sitzen hinter einem gesonderten Besuchereingang hinter schusssicherem Glas, kommuniziert wird per Mikrofon und Telefonhörer, Unterlagen werden durch eine Schublade hin- und hergereicht. Lustig ist, dass an der Pinnwand noch ein Fahndungsaufruf nach drei Jenaern hängt, die dort 1997 (!) auf dem Theaterplatz ein Sprengstoffpäckchen abgelegt haben sollen. Davon haben wir nie gehört. Aber das war ja auch vor der allgemeinen Terrorhysterie. Wenigstens haben sie einen prima Wickeltisch, den, den uns IKEA nicht verkaufen wollte.
Zur Erholung von soviel Deutschheit haben wir am Nachmittag eine Kollegin vom Ähämann besucht, die nebenher zwischen Tammisaari und Salo ein Café direkt am Meer betreibt. Wir haben alles probiert (naja, fast alles), was sie im Angebot hat, haben stundenlang in der Sonne gesessen, während Anniina schlief, ein bisschen finnisch geredet, ein bisschen gelesen, ganz viel nichts getan. Was man im finnischen Sommer eben so tut.
Dass der Untergang Finnlands unmittelbar bevorsteht, davon sind viele Finnen schon seit Jahren überzeugt. Meine hostmama beklagt schon lange den moralischen Verfall Finnlands, der sich unter Anderem darin äussert, dass sich Ehepaare scheiden lassen und Jugendliche rauchen. Jyrki sieht die Vorzeichen des nahenden Untergangs in der Tatsache, dass alle paar Jahre in Konnevesi mal ein Ruderboot, mal ein nicht abgeschlossenes Fahrrad verschwindet. Der Hesari widmet einem Autoeinbruch in Helsinki stets eine ganze Seite, damit die Bevölkerung gewarnt ist.
Doch nun bin ich auch vom baldigen Untergang Finnlands überzeugt. Als ich heute ein paar Marimekkosöckchen für das gerade geborene Baby einer finnlandliebenden (sie weiss noch nicht, was Finnland demnächst droht) deutschen Freundin kaufen wollte, was musste ich da auf dem Etikett entdecken? „Made in Portugal“!

und läuft…

und läuft…

und läuft…

und läuft…

und läuft…

und läuft…

und läuft…

und läuft…

und läuft…

und läuft…

und läuft…

und läuft…
… nur damit das Kind tagsüber überhaupt mal schläft.

Zum Glück haben wir gleich hinterm Haus den Fluss und den Wald. Mit Vogelgezwitscher und Harzgeruch und Maiglöckchenduft. :-)
In der neuvola hat es angefangen, als Anniina einen oder anderthalb Monate alt war. Ihre neuvolatäti nahm sie an den Händen und zog – und Anniina machte begeistert mit, hob ihr Köpfchen und zog sich hoch. Die neuvolatäti war sowohl verblüfft als auch begeistert. Mama war so begeistert, dass sie es am Abend gleich dem Papa vorführen musste. Papa war so begeistert, dass er es fortan in das Spiel mit Anniina einbaute. Nun haben wir ein Kind, das noch keine drei Monate alt ist, aber am liebsten sitzen möchte. Wenn sie die kleinste Gelegenheit bekommt – wenn man den Kinderwagen hinten (!) anhebt, weil man beispielsweise eine Bordsteinkante überqueren muss, oder wenn sie in der Autoschale sitzt hängt, krümmt sie sich wie ein Flitzebogen. Kopf hoch, Beine hoch. Und ist dann sauer, weil sie es natürlich noch nicht schafft, sich aus eigener Kraft aufzurichten. Vorhin konnte ich das kleine Fräulein Münchhausen gar dabei beobachten, wie es verzweifelt versuchte, sich an seinem T-Shirt hochzuziehen. Immer und immer wieder. Bis es in wütendes Gebrüll ausbrach. Erst als Mama sich erbarmte und es sich auf dem Wickeltisch aufsetzen half, wurde erst der Ausblick nach allen Seiten genossen,und dann wurde Mama mit einem derart glücklichen Lächeln belohnt!
Es ist so wunderwunderschön zu beobachten, wie sie die Welt entdeckt und jeden Tag etwas Neues lernt!

Man kann jetzt draussen picknicken, und draussen stillen, und draussen kaffeetrinken, und draussen Windeln wechseln, und draussen liegen, und draussen sitzen, und draussen eisessen, und draussen rumgucken, und draussen einen Sonnenbrand bekommen…

… und deswegen waren wir das ganze Wochenende draussen: am Sonnabend in der Stadt und am Fluss, und gestern den ganzen Tag auf Ruissalo. Dem Turkuer Nahverkehr sei besonderer Dank: so mussten wir nicht zu einem Parkplatz zurück, und ausserdem gibt es nichts Schlimmeres, als ein gerade eingeschlafenes Mäusekind aus dem Wagen in die Autoschale oder umgekehrt befördern zu müssen.
„Ich bin schon 11 Wochen alt! Ihr braucht gar nicht zu denken, dass ich den ganzen Tag nur schlafe und esse wie ein Neugeborenes! Ich schlafe nachts, aber tagsüber gibt es so viel zu gucken. Mama legt mich, wenn ich zu viel gähne, immer in den Kinderwagen und fährt mit mir spazieren. Darüber schlafe ich manchmal ein, obwohl ich das doch gar nicht will. Ich verpasse dabei immer so viel. Oft schaffe ich es, nach einer halben Stunde wieder aufzuwachen. Mama meint dann, ich solle wieder einschlafen, und eine halbe Stunde Schlaf reiche nicht. Aber dann brülle ich tüchtig. Mit einem Nuckel braucht sie mir dann auch nicht zu kommen. Bäh, dieses Ding schmeckt doch nicht! Das ist genau wie mit dem Milchfläschchen. Ich habe die ersten drei Wochen meines Lebens immer ein bisschen Hunger gehabt, weil Mama nicht genug Milch für mich hatte. Als dann meine neuvolatäti entschieden hat, dass ich zusätzlich zur Brust hinterher immer noch ein Milchfläschchen bekommen soll, war ich ganz froh. Ich bin dann wenigstens mal richtig satt geworden. Aber nach ein paar Wochen hat mir eigentlich wieder gereicht, was Mama für mich hatte. Aber Mama hat immer noch versucht, mir die Milchflasche anzubieten. Igitt, dabei mag ich die doch gar nicht! Und an Mamas Brust ist es auch viel schöner! Mittlerweile haben Mama und ich einen Deal – sie lässt mich tagsüber mit der Flasche in Ruhe, dafür nehme ich sie abends fast ganz freiwillig. Ich wache dann auch erst nach sieben Stunden wieder auf. Mama sagt zwar, ich soll bitte endlich bis um sechs durchschlafen, und nicht um fünf zu essen verlangen, mich danach für eine halbe Stunde zurück ins Bettchen legen lassen und dann pünktlich um sechs wieder wach sein, aber ich bin doch noch so klein! Neuerdings nimmt mich Mama um fünf gleich mit zu sich und Papa ins Bett, da kann ich ein bisschen trinken, kuscheln und manchmal sogar selbst noch ein bisschen schlafen, während Mama noch ein bisschen ausschläft. Wenn mir das aber zu lange dauert, dann wecke ich sie! Tagsüber gucke ich am liebsten rum. Mit Spielzeug kann ich noch nicht so viel anfangen, weil ich noch nicht so richtig zugreifen kann, aber ich gucke gern Bilderbücher an und was Mama und Papa in den Regalen haben. Am besten gefallen mir Papas Whiskyflaschen, die glänzen so schön. Wenn Mama früh nach dem Aufstehen, wenn sie mich umgezogen und gefüttert hat, sich auch selbst anziehen und was essen will, dann lasse ich mich freiwillig auf meine Krabbeldecke legen und gucke ein bisschen im Zimmer rum und mein Spielzeug an. Aber lieber ist es mir sonst schon, wenn mich jemand aufrecht herumträgt. Dann habe ich einen viel besseren Überblick. Die letzten zwei Wochen waren toll, da waren meine beiden Omas und mein Opa da, die haben mich ganz bereitwillig herumgetragen und mit mir gespielt und gesprochen, und ich musste nicht immer warten, bis Mama die Wäsche aufgehängt hat oder zu Ende aufgewaschen hat. Und ich kann schon sprechen! Ehrlich wahr! Ich kann schon „hää“, „blö“, „dä“, „höi“, „dlö“ und „hau“ sagen. Mama versteht mich, glaube ich, sie antwortet mir jedenfalls immer, und wir führen ganz lange Gespräche. Gestern Abend haben mich Mama und Papa wie immer um zehn ins Bett gelegt, dabei wollte ich noch ein bisschen reden. Aber ich kann zur Not auch Selbstgespräche führen! Das habe ich bis um eins auch gemacht. Zwischendurch habe ich auch mal ein bisschen laut gerufen, dass doch mal jemand mit mir reden und mich wieder aus meinem Bettchen nehmen soll, aber Mama und Papa wollten nicht. Die waren schon müde. Ausserdem turne ich gern. Meinen Kopf kann ich schon ganz lange selbst halten, sonst könnte ich ja nicht so viel rumgucken auf Mamas oder Papas Arm. Auf den Rücken legen lasse ich ich mich auch nicht mehr einfach, ich versuche dann immer schon, mich rumzudrehen. Bis auf die Seite schaffe ich es schon! Und wenn Mama mich umzieht, hebe ich selber meinen Kopf an. Mama sagt, das wäre toll, dass ich schon so mithelfe. Und wenn mir jemand hilft, ziehe ich mich am liebsten schon zum Sitzen hoch. Das wäre toll, wenn ich schon aufrecht sitzen könnte! Dann würde ich viel mehr sehen und müsste nicht immer nur im Liegen an die Decke gucken. Aber alle Erwachsenen sagen immer, dafür sei ich noch zu klein und es wäre noch nicht gut für mich. Dabei bin ich doch schon 11 Wochen alt!!!“


So ein schönes Wochenende… So viele liebe Leute da - Grosseltern, Ersatzgrosseltern, liebe Freunde… Jetzt sind wir ganz traurig, dass die Hälfte von ihnen schon wieder weg ist.

Wenigstens wird uns jetzt jeder glauben, dass unsere Anniina wirklich Anniina heist. Finnen verraten nämlich um keinen Preis vor der Taufe die Namen ihrer Kinder. Man muss zwar fürs Krankenhaus schon in der 20. Schwangerschaftswoche einen Zettel ausfüllen mit je einem Namensvorschlag für einen Jungen und ein Mädchen, aber die meisten schreiben auch da irgendeinen Namen hin, den sie ihrem Kind dann nicht geben wollen. Wir fanden es äusserst seltsam, dass Anniina im Krankenhaus auf sämtlichen Papieren nur mit Nachnamen und „Anniina“ in Gänsefüsschen aufgeführt wurde. Typische Fragen von finnischen Freunden, Kollegen oder zufälligen Kinderwagenguckern sind so: „Wie alt ist es denn?“ Wenn die Antwort irgendwas unter zwei Monaten ist – denn innerhalb von zwei Monaten muss das Kind entweder getauft oder auf dem maistraatti angemeldet werden – folgt als nächstes: „Och, wie süss, soooo klein noch! Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Ist die Antwort etwas über zwei Monaten, dann wird gleich nach dem Namen gefragt. Wie die alte Frau, die am Sonntag Vidal mit Anniina im Taufkleidchen aus der Kapelle kommen sah und gleich als erstes fragte: “Wie heisst es denn?“ Die Frage nach dem Alter konnte sie sich ja offensichtlich sparen. Und einige meiner finnischen Freunde habe ich sehr verwirrt, als ich am Tag nach Anniinas Geburt SMSe verschickte mit der Nachricht „Anniina ist da!“ Entweder sie vermieden im Weiteren, ihren Namen zu benutzen und sprachen nur von „eurem Baby“, oder sie fragten ein wenig verlegen, ob Anniina denn nun eigentlich schon der richtige Name sei. Sehr seltsam fanden wir das alles. Aber jetzt ist ja alles klar. ;-)

